Ausstellungsbesprechungen

Norbert Kricke, Plastiken und Zeichnungen

Auch die Geschichte der Plastik kennt ihre Stars. Viele kennen die Fotografie, die ein Werk der Bildhauerei in Szene setzt wie kaum ein zweites (wenn man einmal Rodin oder Brancusi außer Acht lässt, die bewusst die Wirkung der fotografischen Komposition einsetzten):

Das Düsseldorfer Hochhaus von Paul Schneider-Esleben aus dem Jahr 1956–58 ragt aus der Bodenperspektive, sich entschieden verjüngend, nach oben, und der Blick kann nicht umhin, die strengen Fensterlinien durch den formalen Störenfried der so genanten »Großen Mannesmann« hinweg zu betrachten – eine der bekanntesten Plastiken Norbert Krickes, deren Stahlstäbe sich aus einem Zentrum regelrecht herauswinden, um den Raum zu ergreifen. Dieses geniale Foto stammt von Rolf Purpar und ist in dem großartigen Katalog zur aktuellen Düsseldorfer Ausstellung zu sehen. Als Ausdruck der Wertschätzung, die dieser Drahtwirbel genießt, ist die »Große Mannesmann« nun im Ehrenhof des Museums gegenwärtig.

 

Gegenwärtig ist jedoch das ganze Schaffen des Bildhauers Norbert Kricke, der – geboren am 30. November 1922 – bereits 1984 starb; er nahm noch regen Anteil an zwei Ausstellungen in Stuttgart und Basel, bevor er seinem Leben ein Ende setzte. Doch über zwanzig Jahre nach seinem Tod vermögen die Plastiken noch immer zu faszinieren, was sicher auch an dem stringenten Weg lag, den Kricke gegangen war. Nach einer kurzen figurativen Phase, die noch die Handschrift seines Lehrers Richard Scheibe erkennen ließ, schlug er früh den Weg in Richtung Abstraktion ein und entwickelte ab 1947 seine Raumplastiken. »Mein Problem ist nicht Masse, ist nicht Figur, sondern es ist der Raum und es ist die Bewegung«, schrieb er Mitte der 50er Jahre. 1959 arbeitete Kricke mit Walter Gropius zusammen, 1963 erhielt er den Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, im darauf folgenden Jahr sah man seine Arbeiten auf der Biennale von Venedig und auf der Documenta in Kassel. Aber eine Retrospektive wurde ihm nicht zuteil. Dieses Manko hebt das Museum Kunstpalast nun mit ihrer groß angelegten Schau auf Krickes Werk auf. Rund 90 Plastiken und noch mehr Zeichnungen aus allen Schaffensperioden wollen oder sollen hier im Licht der Gegenwart neu erstrahlen.

 

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Ohne Frage gehört Kricke zu den wichtigsten Vertretern einer künstlerischen Tradition, die ihre Wurzeln im Konstruktivismus hat. Zu seinen geistigen Ziehvätern gehören Naum Gabo oder Antoine Pevsner. Kaum ein Zeitgenosse konnte jedoch mithalten, wenn es darum ging, die filigran sich in den Raum windenden Objekte nachzuahmen. Hier blieb Kricke singulär. Und er wurde dafür mit etlichen Großaufträgen belohnt: vor der Oper in Münster, für öffentliche Arbeiten in Bagdad, Gelsenkirchen, Los Angeles usw. An derartigen Knotenpunkten wird deutlich, wie sehr Kricke auch im Ausland wahrgenommen wurde; so bekam er Ausstellungen in Paris und in den USA, auf die deutsche Kollegen im Allgemeinen noch lange warten mussten.

 

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Verspielt und doch von philosophischem Gleichmut getragen muten heute die auf minimale rechtwinklige Koordinierung ausgerichteten Arbeiten um 1950 an, die – vergleichbar manchen Kunstschöpfungen der Dadaisten – in ganz ähnlicher Form als Reaktionsspiele für Kinder bis heute Verwendung finden. War diese konzentrierte Selbstbezüglichkeit allenfalls zu einer beruhigten Bewegung fähig, brachte die sogenannte »Lütticher«-Serie ab 1952 ordentlich Schwung in den Raum, indem der Stahl in kühnen diagonalen Linien auf und ab geführt wurden. Parallel zum abstrakten Expressionismus schuf Kricke dann wenige Jahre später seine ungestümen Draht-»Entgleisungen«, die wie die Farbe aus Pollocks Farbeimern aus den Schmelztiegeln geschleudert worden zu sein schien. Kurvig, netzartig, aus Knoten und Bündeln heraus durchjagten, durchzuckten die Plastiken den Raum, oder sie flimmerten in aufgeschichteten Flächenbahnen vor den Augen der Betrachter. Durchweg abstrakt, gelang es Kricke jedoch immer wieder, den flatternden Abflug ganzer Vogelschwärme zu imaginieren, wo doch nur Drahtgewirr den Raum durchpflügte, oder seine Plastiken eigneten sich metamorphotisch die Silhouette pflanzlicher Formen an. Im späteren Werk kehrte der Meister der dreidimensionalen Skizze, wie man die Raumschraffuren nennen könnte, zu einer ruhigeren Form zurück – fast philosophisch geläutert.

 

Wie nah die Plastik unsrer Zeit ist, lässt sich daran erkennen, dass jüngere Generationen von Künstlern gerne auf Kricke zurückgreifen und dessen Formsprache weiterentwickeln, wie beispielsweise Wolfgang Thiel, der neben vollplastischen Arbeiten und flächenhaften Körpern im Raum auch – und vermehrt gerade in jüngerer Zeit – die Raumzeichnung verwendet, die sich Krickes eher gelegentlich betonter Kunst am Bau anschließt.


 

Öffnungszeiten

Di–So 10– 20 Uhr

 

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