Buchrezensionen

Norbert Schneider: Atelierbilder. Visuelle Reflexionen zum Status der Malerei vom Spätmittelalter bis zum Beginn der Moderne, LIT-Verlag 2018

Selfies gab es schon lange bevor Handys existierten. Denn vor der Fotografie war es die Malerei, die zusammen mit den grafischen Künsten einen Beitrag zur Identifikation einer Gesellschaft leistete. Das zeigt Norbert Schneiders neues Buch anhand von Atelierbildern vom Mittelalter bis zur Moderne, das Andreas Maurer für Sie gelesen hat.

Während die User heute versuchen, sich für ihr Selfie in die bestmögliche Pose mit dem schönsten Hintergrund zu werfen, um möglichst viele Likes zu erhalten, stellten sich die Malerinnen und Maler vom 15. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts lieber in ihrer bevorzugten Arbeitsumgebung, dem Atelier, dar. Doch eines scheint sich damals wie heute nicht geändert zu haben: Man will Auskunft über den eigenen sozialen Status und die (künstlerischen) Ziele geben, wenn auch manchmal auf Hochglanz poliert.
Zwar sind dem Atelierbild der Moderne in letzter Zeit diverse wissenschaftliche Studien gewidmet worden, die bedeutend umfangreichere Geschichte dieser Sonderspezies fehlte aber noch auf dem Markt. Eine Lücke, die nun geschlossen wurde.

Anhand einer faszinierenden Vielfalt an kreativen Bildlösungen zu diesem Thema präsentiert Schneiders Buch das Gros der motivischen Varianten der jeweiligen Zeit. Chronologisch geordnet, um den Stufengang der Entwicklung erfahrbar und sichtbar zu machen.
Scheinbar als Fingerübung wird dazu auch gleich noch eine komplette Geschichte der Malerei vorgelegt, kompakt und schlüssig, wie sie selten zu lesen ist. Ein Aufriss, der vor allem der Orientierung über die realgeschichtlichen Bedingungen künstlerischer Arbeit dienen soll. Denn es zeigt sich: Die Evolution des Atelierbildes ist eng mit der Emanzipation der Malerei und dem gesellschaftlichen Stand der KünstlerInnen verknüpft.

Spätestens seit dem frühen 15. Jahrhundert organisierten sich die MalerInnen in sogenannten »Lukasgilden«, benannt nach dem Evangelisten Lukas, ihrem Patron, der ein Konterfei der Jungfrau Maria gemalt haben soll. Unschicklich und gegen den religiösen Demutsgedanken wäre es gewesen, sich selbst in den Vordergrund zu rücken. Auf die eigene Urheberschaft wurde daher in den frühen Atelierbildern verzichtet, der Raum dem Evangelisten überlassen. Eine Tradition, der vor allem die ersten sieben der einhundertfünfzig Beispiele des Buches folgen.
Nur vereinzelt wagten sich zu Beginn Künstler mit individuellen Zügen hervor, etwa wenn Niklaus Manuel seinen Hl. Lukas (1515), den er scheinbar selbst mimt, mit dem linken Fuß schüchtern auf sein eigenes Monogramm hinweisen lässt.

Das enge moralische Korsett ließ aber dennoch genug Spielraum, um als Demonstrationsobjekt für den sozialen Status herzuhalten. Als Chiffre wurde dazu bevorzugt die abgebildete Architektur eingesetzt, genauer: ein solides, aus Stein errichtetes Stadtbürgerhaus mit der Werkstatt des Meisters. Später potenziert sich das Gebäude gelegentlich sogar zu einem Palast – DAS erstrebenswerte Symbol für Anerkennung und Reichtum des 16. Jahrhunderts. Werbeslogans wie Mein Haus, mein Auto, mein Boot gab es also schon damals.
Ähnlich prestige-orientiert lässt sich auf den Atelierbildern auch die Kleidung, der »vestimentäre Code« (Roland Barthes »Die Sprache der Mode« 1967) lesen. Teure Mode, welche die Künstler auf eine Stufe mit den Edelleuten katapultiert – Künstlerlegenden des 19. Jahrhunderts wie der melancholische und zigeunerhafte Bohemien, der am Rand der Gesellschaft in Melancholie versinkt, waren im 17. Jahrhundert noch nicht »in«.

Für dieses hohe Maß an Selbststilisierung wurde auch gerne die eigene Familie als Aushängeschild ins Bild gerückt. Das entsprach zwar der handwerklichen Realität (Atelier und Wohnung waren meistens unter einem Dach), dennoch: Auf Jacob Jordaens Selbstbildnis mit Familie (um 1621) zeigt sich der Künstler neben Frau und Kindern gar als gentiluomo, wie ein Aristokrat, der trotz Großfamilie eine Arbeit eigentlich gar nicht nötig hat.
Mit ähnlich einstudierter Noblesse und Grandezza (und um die teure Kleidung nicht zu verschmieren) wird bei diesen »gefilterten« Atelierbildern auch die Farbpalette gehalten, hatte doch schon Leonardo in seinem Trattato delle pittura auf die Eleganz der Pinselführung hingewiesen.
Insofern geben die Atelierbilder seit dem Spätmittelalter zwar oft reale Verhältnisse wieder, vor allem was räumliche Ausstattung oder Kleidung betrifft, doch gleichzeitig sind die künstlerischen Werke immer auch Interpretationen oder visualisierte Reflexionen über das Metier des Malers, seine gesellschaftliche Funktion und, wichtiger noch, seine psychische Verfassung, die mit der Zeit auch ihr Gesicht änderte.

Hier stechen vor allem die Interpretationen von Annibale Carraci (Selbstbildnis; um 1604), Salvator Rosa (Selbstbildnis mit Totenkopf; um 1647), Gustave Courbet (Das Atelier des Künstlers; 1855) und Arnold Böcklin (Selbstbildnis mit fiedelndem Tod; 1872) hervor. Dazwischen Werke von Giorgio Vasari, Rembrandt, Poussin, Murillo, Vermeer, Tiepolo, Goya, Delacroix, Menzel, Manet u.v.m.
Den Beginn der grandiosen Auswahl an Exemplaren bildet ein unbekannter Miniaturist (Thamyris malt die Madonna; 1402), das Ende wird von Van Gogh (Selbstbildnis mit Palette; 1889) markiert – die Werkstatt des Künstlers ist hier vollends zum Katalysator seelischen Leidens geworden.
Interessant auf dieser Reise ist auch zu sehen, wie hoch damals die Wertschätzung gegenüber malenden Frauen war, dokumentiert durch Zeugnisse u.a. von Catarina van Hemessen, Sofonisba Anguissola, Artemisia Gentileschi, Judith Leyster, Adélaide Labille-Guiard, Èlisabeth Vigée-Lebrun oder Marie-Gabrielle Capet.

Anhand Schneiders Analysen (jeweils zweiseitig) ist der Genesis des Atelierbildes gut und schlüssig zu folgen, ikonographische und kunsttheoretische Informationen inklusive. Literaturangaben zum Atelierbild im Allgemeinen sowie zu den einzelnen MalerInnen und Beispielen helfen das komplexe Thema abzurunden.

Das Ergebnis: Atelierbilder sind eine Sonderspezies und Spiegel des gesellschaftlichen Aufstieges und Emanzipationsprozesses der MalerInnen selbst. Insofern kann man sie, so Schneider, auch durchgängig als gemalte Kunsttheorien bezeichnen.
Doch was interessiert uns das alles heute?
Nun ja, vielleicht reicht es einfach zu sehen, dass sich zwischen den Atelierbildern und den Postings auf Facebook, Twitter und Co. nicht viel geändert hat – außer vielleicht der Hintergrund und die Aufmachung.

Titelangaben

Norbert Schneider
Atelierbilder
Visuelle Reflexionen zum Status der Malerei vom Spätmittelalter bis zum Beginn der Moderne
LIT-Verlag, ISBN 978-3-643-14033-3, Ladenpreis 29,90 €