Buchrezensionen

Norbert Wolf: Buchmalerei verstehen, Primus 2014

Die Schätze der Buchmalerei lagern wohl verwahrt in den Tresoren berühmter Bibliotheken. Ihr Wert geht in die Millionen. Der Kunsthistoriker Norbert Wolf eröffnet dem Leser einen soliden Zugang zu den Glanzlichtern des illuminierten Buches wie dem Book of Kells, der Wiener Genesis oder dem Codex Manesse, findet Katharina Glanz, die sein Werk gelesen hat.

Norbert Wolfs Werk »Buchmalerei verstehen« ist ein Handbuch für den Laien und hat die Ambition, diesem einen Zugang zur abendländischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Buchmalerei zu geben. Dementsprechend verzichtet es auf den Anspruch, eine chronologisch fortlaufende Stilgeschichte zu schreiben ebenso, wie auf einen wissenschaftlichen Apparat und ein ausführliches Literaturverzeichnis. Leider fehlt aber auch das auf dem Umschlag innen angekündigte Glossar wichtiger Fachbegriffe.

Der übersichtlich nach Themen gegliederte und für Werke zur Buchmalerei eher knapp, aber dennoch anschaulich bebilderte Band zeichnet die Entwicklung des abendländischen Codex vom Ende der Spätantike bis zum Buchdruck im 16. Jahrhundert nach. Die Abhandlung eröffnet mit einer kurzen Erläuterung einiger wichtiger wissenschaftlicher Termini zur Buchmalerei. Sie führt dann über einen ganz knappen Abriss der Welt-Miniaturmalerei von der ägyptischen Kunst bis hin zum byzantinischen Stil weiter zum eigentlichen Schwerpunkt, der westlichen Buchmalerei. Anhand repräsentativer Beispiele wie dem Book of Kells oder der großen Heidelberger Liederhandschrift werden dem Leser die markantesten Entwicklungslinien vom Ende der Spätantike bis zum Erlöschen der Miniaturmalerei im 16. Jahrhundert nachgezeichnet und anschaulich illustriert. Auf mediale Besonderheiten wird dabei ebenso eingegangen wie auf den je nach Intention der Handschrift variierenden Dekor sowie den Aspekt der Relation von Buch und Repräsentation.

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit den Materialien der Miniaturmalerei und erläutert die verschiedenen Beschreibstoffe, Farben und Tinten sowie den Einsatz von Gold und Silber. Im Anschluss thematisiert Wolf Aspekte der Buchproduktion und erläutert lebendig die Arbeitsteilung und Spezialisierung bei der Herstellung der materiell wie ideell wertvollen Handschriften. Ein umfangreiches Kapitel zeigt die unterschiedlichen Buchtypen und das breite Spektrum der sakralen und weltlichen Codices von der illustrieren Bibel bis hin zum höfischen Unterhaltungsroman auf. Auch auf die Rolle der Künstler, Auftraggeber, Sammler, Käufer und Bibliotheken wird an dieser Stelle kurz eingegangen. Der sich anschließende Abschnitt zu den gestalterischen Elementen der Buchmalerei widmet sich den verschiedenen Schriftformen und Ornamenten sowie weiteren Elemente der Buchgestaltung von der Initiale bis hin zur Randminiatur. Mit großer Sachkunde wird hier das Spektrum unterschiedlicher Bildtypen beschrieben und auf die variierenden Relationen von Schrift und Bild je nach Buchtypus hingewiesen. Auch Erweiterungen der Bildthemen um Elemente der Landschaftsmalerei, des Porträts und des Stilllebens werden anschaulich thematisiert. Den Ausklang bildet ein Kapitel zur Buchkunst zu Zeiten des frühen Buchdrucks.

Wolfs Beschreibung der prächtigen Codices macht den Leser mit faszinierenden Weltbildern und Wissensgebieten bekannt, die einen wichtigen Teil unseres kulturellen Erbes darstellen. Charakteristisch ist die knapp zusammengefasste Form der Darstellung, die von der Kennerschaft des Autors zeugt und der es gleichwohl gelingt, dem interessierten Laien die wichtigsten Entwicklungslinien abendländischer Buchmalerei aufzuzeigen und die mit ihr verbundenen Begrifflichkeiten zu vermitteln.