Ausstellungsbesprechungen

Notation - Kalkül und Form in den Künsten, bis 26. Juli 2009

Die Ausstellung des ZKM Karlsruhe und der Akademie der Künste Berlin widmet sich dem vielfältigen Spektrum der künstlerischen Prozesse zwischen Konzept und Werk. Dazu werdent Arbeiten aus allen Bereichen der Kunst von 1900 bis heute zueinander in Beziehung gesetzt: Zeichensysteme zu Literatur, Musik, Malerei, Choreografie, Architektur, Fotografie, Film und Medienkunst.

Was früher das Götterbild war, ist heute die Computeranimation. Diese von Friedrich A. Kittler entliehene Verknüpfung der Begriffe lässt ermessen, welche Dimensionen die Räumlichkeiten des ZKM, dem Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie, füllen. Unter dem Titel »Notation« eröffnen sich hier dem Besucher etliche Superlative: Über 500 Exponate – die Ausstellungsmacher sprechen besser von Positionen – von mehr als 100 Künstlern sind zu sehen, die alles abdecken, was Dichter, Musiker, Choreografen, Maler, Architekten, Filmemacher, Fotografen und Medienspezialisten zu bieten haben auf dem Weg von der Idee zum fertigen Werk. Und genau das macht den Besuch nicht nur zur Entdeckungsreise, sondern auch zur Tour de force, ohne anzukommen: Das Ziel ist der Weg, das Ergebnis eigentlich weniger spannend als der Prozess. Diskursfreudig haben sich die Kuratoren ins Zeug gelegt: Hubertus von Amelunxen, Dieter Appelt und Peter Weibel, die allesamt Viten aufweisen, die rund um den Globus führen, vertrauen denn auch auf die Bereitschaft des Publikums, sich frei zu machen von konventionellen Kunstvorstellungen.

Auch wenn die Kunst der Gegenwart erstaunlicherweise wieder die Nähe zum traditionellen Bild sucht, kann man die konzeptionellen Tendenzen vergangener Jahrzehnte nicht vom Tisch wischen. Im Gegenteil: Auf der reflexhaften Suche nach dem Vertrauten sehen wir Altbekanntes neu, erkunden unüberschaubare Seitenpfade von betretenen Pfaden, treffen auf ungeahntes Neuland, verirren uns, verlieren uns oder finden uns gar wieder. Die moderne Kunst macht immaterielle Phänomene sichtbar: in morphischen Resonanzen, seriellen Strukturen oder in Schallwellen. Anschaulich wird dies etwa bei Cy Twombly: Seine kühnen Kritzeleien aus den 1960er-Jahren haben sich längst als Signaturen einer Mythenreflexion etabliert, die sich nicht mehr mit der Betrachtung einer Tempelruine begnügen kann und darf. Die ZKM-Ausstellung schleust diese Gedankenskizzen  weiter in den Medienkontext, der diese fast schon klassisch gewordenen Zeichnungen wieder in den ihr eigenen Fluss bringt. Möglich, dass Twomblys Blätter dadurch erneut im Stadium der Kritzelei, der bildgewordenen Idee angekommen ist, aber wir nehmen auf einer gehobenen Wahrnehmungsebene jenes Geistige in der Kunst als Universum auf, das mehr als drei Dimensionen enthält. Nach Ferrucio Busoni verhält sich die Notation zur Improvisation (eine Form des Notats) wie das Porträt zum Modell, der Künstler löst die starren Zeichen wieder in Bewegung auf. Genau das ist das Spannende dieser Schau, die uns keine fertigen Produkte liefert, sondern eine umwälzende Abenteuerreise ins globale Sein. Apropos Reise: Peter Weibel, der künstlerisch-intellektuelle Tausendsassa und Hausherr des ZKM, macht selbst die Schrift zu einer wandlungs- wie wandelfähigen Verbindungslinie zwischen Architektur und Musik, etwa in Arbeiten wie »Schriftmusik« oder »Schrift ist Architektur«, auch aus den 1960er-Jahren. Aus der handschriftlichen Zeile »eine musikalische Reise« mit den vorangestellten, aber durchgestrichenen Wörtern »Schrift ist auch« wird in einer zweiten Zeile ein um das »auch« zurückgenommene »auch eine musikalische Reise«, um den ganzen Satz in der dritten Zeile regelrecht zurückzugewinnen, wobei pikanterweise die Handschrift selber nachlässiger wird, so dass sich die »musikalische Reise« nurmehr aus den fragmentierten Vorzeilen gänzlich erschließen lässt.

 

Fortsetzung von Seite 1

Das halbe Tausend Exponate changiert zwischen Aufzeichnung und Vorzeichnung, Non finito und Vollendungswille, Zufall und Kalkül, Spiel und Kommunikation, grafischer Kunst und musikalischer Notation, Sein und Zeit. Entsprechend schillernd ist die Künstlerliste, die bei einem einmaligen Besuch der Ausstellung kaum abzuarbeiten bzw. zu überschauen ist und neben gestandenen Künstlern auf gleicher Augenhöhe Philosophen, Musiker, Choreographen und Schriftsteller der letzten hundert Jahre aufweist. So ist es auch schon überwältigend, die Namen in Auswahl zu memorieren: Carl Andre, Dieter Appelt, Shusaku Arakawa, Antonin Artaud, Frank Badur, Walter Benjamin, Joseph Beuys, Pierre Boulez, Constantin Brancusi, Bertolt Brecht, Marcel Broodthaers, Ludger Brümmer + Chandrasekhar Ramakrishnan + Götz Dipper, John Cage, Carlfriedrich Claus, Hanne Darboven, Marcel Duchamp, Viking Eggeling, Peter Eisenman, Morton Feldman, Oskar Fischinger, Kiyoshi Furukawa + Masaki Fujihata + Wolfgang Münch, Rodney Graham, Ludwig Hirschfeld Mack, Klaus Huber, Alfonso Hüppi, Ute Friederike Jürß, Mauricio Kagel, Paul Klee, Peter Kubelka, Raimund Kummer, Rudolf von Laban, Mark Lammert, Sol LeWitt, György Ligeti, Greg Lynn, Bruno Maderna, Etienne-Jules Marey, Allan McCollum, Henri Michaux, Claes Oldenburg, Nam June Paik, Antonio Panetta, Erwin Piscator, Ezra Pound, Cedric Price, Bridget Riley, rosalie, Hanns Schimansky, Tomas Schmit, Dieter Schnebel, Michael Schoenholtz, Alfred Stieglitz, Léopold Survage, Mark Tobey, Cy Twombly, Edgard Varèse, Robert Walser, Peter Weibel, Mary Wigman, Iannis Xenakis, Bernd Alois Zimmermann, Walter Zimmermann.

Eine leichte Ausstellung ist es nicht geworden, sie verlangt manches von uns ab. Doch ist der Weg von Cy Twombly zu John Cage gar nicht so weit, wie es scheint, zumal vor allem Cage innerhalb des Kunstdiskurses zur Zeit eine Aufmerksamkeit erfährt (man denke an die große, phantasievoll inszenierte Ausstellung in Waiblingen), die zeigt, dass die Karlsruher (bzw. Berliner) Schau zur rechten Zeit Zeichen setzt. Dass diese Schau des prozessualen Denkens beiläufig im Geiste des unlängst verstorbenen Harald Szeemann entstanden ist, gibt der Tiefe des Anliegens eine leichte, wenn auch melancholische Randtönung.