Ausstellungsbesprechungen

Nouveau Réalisme – Revolution des Alltäglichen

Ein wahres Fest. Was an einem späten Oktobertag 1960 in der Pariser Wohnung von Yves Klein ausgeheckt wurde, kam einer kleinen Revolution gleich: Der Alltag hielt Einzug in die Kunst, die Pierre Restany zum »Neuen Realismus« ernannte.

Vom Centre Pompidou und den Galeries nationales du Grand Palais in der französischen Metropole vorbereitet, übernahm das Sprengel Museum die Riesenschau mit fast 250 Arbeiten von zwei Dutzend Künstlern. Dass es gelungen ist, damals einen Stil zu prägen, der einerseits auf jeglichen hehren Anspruch nobler Ästhetik verzichtete und andrerseits der amerikanischen Vorherrschaft in der Kunst Einhalt gebot, machte deutlich, dass Europa auch noch mitmischte. Und von heute aus betrachtet, entfaltet sich eine Liste grandioser Künstler, die es fertig brachten, bei ausgeprägtestem Individualismus im Stil ein Gemeinschaftsforum zu schaffen, das zu den einflussreichsten im 20. Jahrhundert werden sollte, mit einem Nachhall bis in die USA: Arman, César, Christo, Raymond Hains, Yves Klein, Robert Rauschenberg, Martial Raysse, Mimmo Rotella, Niki de Saint-Phalle, Daniel Spoerri, Jean Tinguely, Günther Uecker, Wolf Vostell, Tom Wesselmann u. a. Allesamt leuchtende Sterne oder zumindest Stars im großen Ganzen – mal als vehementes Blau oder als Nagelbild, mal als Plakatausriss oder als Schnürpaket – vielfältiger hat sich kaum ein Stil je verbreitet.

Die Welt der Mythen und Heiligen war zwar längst aus den Denkfabriken der Künstler vertrieben, aber noch lagen Welten zwischen Kunst und Erde – lässt man mal den Dadaismus außen vor, der den Paten machte für den neuen Realismus der 60er und 70er. Der brauchte keine Revoluzzer mehr, die das Publikum vor den Kopf stieß; die schöne neue Konsumwelt im Massentaumel und eine irrwitzig sich ausbreitende Unterhaltungsbranche brachte ihre Revolution gleich mit – und die Kunst-Realos und Pop-Artisten bedienten sich ihrer sehr selbstbewusst: »Mit den Nouveaux Réalistes gehen wir von der Welt der Malerei in die Welt der Wahrheit.« Das Leben war draußen, und draußen war die Kunst. In der Ausstellung kommt diese Kunst nun über die Plakatausrisse dramaturgisch gut platziert wieder ins Museum zurück, und die Spur der Alltäglichkeiten und Wegwerfkultur führt über rund zehn Räume, bis der Rückblick sein Ende findet.
 

Fortsetzung von Seite 1

Da scheint es verwunderlich, dass erst jetzt, im 21. Jahrhundert, eine umfassende Überblicksschau über diese spannenden Jahrzehnte von sich reden macht. Doch was lange währt, wird bekanntermaßen endlich gut. Besser noch: Mit dem begleitenden Katalog entstand ein Standardwerk, das die ganze Pracht des prachtlosen Alltags in der Kunst vor Augen führt. Die Etappen sprechen Bände: Die Affischisten – Geste und Abdruck – Actions-Spectacles – Dialog mit Duchamp – Paris / New York, 1961 – Zerstörung – Mentales Pompeji – Grammatik des Objekts – Hygiene des Sehens. Zur Sprache kommen Vorbilder und Aktionen, Regionen und Ideen, kreative und destruktive Power, unter- und hinterlegt mit über 400 Abbildungen.

 

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Dienstag 10–20
Mittwoch bis Sonntag 10-18 Uhr