Meldungen zum Kunstgeschehen

Objekt der Woche: der »Zochascher Willkomm«

Frisch erschienen ist der Katalog der Schatzkammer des Deutschen Ordens in Wien. Wir durften einen Blick hinein werfen und haben herrliches entdeckt. Die schönsten Stücke stellen wir Ihnen ab dieser Woche in einer kleinen Reihe vor. Den Anfang macht natürlich ein Willkommenspokal!

Der Zochascher Willkomm aus der Sammlung des Deutschen Ordens in Wien © Schatzkammer des Deutschen Ordens, Wien
Der Zochascher Willkomm aus der Sammlung des Deutschen Ordens in Wien © Schatzkammer des Deutschen Ordens, Wien

Bei den drei figürlichen Pokalen in der Schatzkammer sieht man auf den ersten Blick gar nicht, dass es sich um Deckelgefäße handelt. Vielmehr blicken einem da ein Hund, ein Fuchs und ein Hirsch entgegen. Beeindruckend sind alle drei. Auch zeitlich sind sie sich nahe, stammen sie doch aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Es sind sogenannte Willkomme. Diese besondere Form des Pokals wurde bei festlichen Anlässen adeliger Gesellschaften und bürgerlicher Korporationen, etwa von Zünften, verwendet. Sie wurden besonders zu ehrenden Gästen gereicht oder gingen in der Runde herum, sodass jeder aus ihnen trinken konnte. Dieser Brauch geht bis in die mittelalterliche Gesellschaft zurück, die ersten Willkomme und ihre Bezeichnung stammen aber erst aus der frühen Neuzeit.

Der Willkomm war Teil der Rituale und Morgensprachen der Zünfte, spielte also seine Rolle als wichtiges Mittel der Repräsentation bürgerlichen Selbstbewusstseins. Prominente Exemplare befinden sich zum Beispiel im Kunstgewerbemuseum Berlin (der Willkomm-Pokal der Nürnberger Schuhmacherzunft) oder im Kulturhistorischen Museum in Rostock (Pokal des Rostocker Bäckeramtes). Selbst die Gesellenvereinigungen ahmten diesen Brauch nach und ließen eigene Willkomme fertigen. Oft wurden diese Pokale von Figuren bekrönt, teils hatten sie gegenständliche Form. Auch für Schaubuffets wurden sie genutzt. Beliebte Formen waren neben dem Pokal Hirsche, Bären und Eulen. Seltener war die Form als Hund, wie sie uns zum Beispiel in der Wiener Schatzkammer einmal entgegentritt: der sogenannte Wenckheimsche Willkomm stellt einen Wachhund mit gespitzten Ohren in Wachstellung dar. Sein Fell ist derart detailreich ausgebildet, dass man glaubt, es streicheln zu können, sein Kopf könnte fast schon das Porträt eines bestimmten Tieres darstellen. Er wie auch der Bobenhausensche Willkomm wurden vom Goldschmied Paulus Tullner geschaffen. In Auftrag gegeben hatten sie der spätere Hochmeister Georg Hund von Wenckheim und Heinrich von Bobenhausen. Beide bestechen durch ihre naturalistische Ausführung und greifen Namen sowie Wappen der Auftraggeber auf: Der Hund des von Wenckheim verweist auf seinen Nachnamen und führt in den Wappen an seinem Halsband dessen Abstammung wie auch dessen Zugehörigkeit zum Deutschen Orden auf. Beim Bobenhausenschen Willkomm handelt es sich um einen Fuchs mit einer Gans im Maul. Er greift damit das Wappen Heinrichs auf.

Bereits auf dem Titelbild des Katalogbandes begegnet dem Leser der Zochascher Willkomm. Er gilt als das prächtigste der drei tierischen Trinkgefäße und ist zugleich das jüngste. Bei ihm handelt es sich um einen schreitenden Hirschen mit einem Geweih aus Koralle. Der Hirsch war eine äußerst beliebte Form für Willkomme, etwa als Ausstattungsstücke für fürstliche Jagdhäuser. Seine detailreiche Ausführung wird durch artifizielle Elemente wie Gehänge an den Ohren oder ein um den Hals gelegtes Band ergänzt. Auch hier verwendete Goldschmied Melchior Bair Koralle. Darüber hinaus befindet sich auf seiner Brust das Wappen des Ordensritters Wilhelm von Zocha mit der Jahreszahl 1667, das jedoch nachträglich angebracht wurde. Um den Hals des Hirschen liegt ein Band, verziert mit Löwenköpfen und Rosetten. Der Hirsch schreitet auf einer Bodenplatte, die reliefartig Pflanzen und Steine zeigt. Auch sind hier kleine emaillierte Gussfiguren — zwei Eidechsen, ein Frosch, ein Reiher und eine Schnecke — aufgesetzt. Diese beigeordneten Tiere finden sich bei keinem anderen Hirschgefäß.

Die Ausführung der Willkomme, ihre Pracht und Naturgetreue sind Ausdruck ihrer repräsentativen Funktion. Zu Beginn eines Mahls oder im Rahmen einer Willkommenszeremonie verwendet, waren die Willkommenspokale in Mittelalter und früher Neuzeit das Aushängeschild ihrer Besitzer, das auf Rang, Namen und gesellschaftliche Bedeutung hinwies. Wenn man dies bedenkt, verwundert auch ihre figürliche Ausführung nicht mehr, denn sie nehmen im Ritual so die Rolle eines Wappens ein. In einer Gesellschaft, die über symbolische Gesten und Gegenstände kommunizierte, erschien ihre prunkvolle Ausführung nur logisch. Heute erscheinen vor allem diese figürlichen Pokale als kleine Kuriositäten. Jedoch bleibt zu fragen, ob sie nicht noch immer ihre Funktion erfüllen: Sie weisen ihre ehemaligen Besitzer aus und verankern sie im Gedächtnis der Nachwelt.