Ausstellungsbesprechungen

Obsessive Malerei, Ein Rückblick auf die Neuen Wilden

Die Basler Ausstellung EXRESSIV mit dem Ausrufezeichen im Titel ist noch im Gedächtnis, da legt Karlsruhe nach mit ihrer OBSESSIV-Schau, die den Erben der Expressionismen – nun selbst schon in die Jahre gekommen – ein neues Etikett anhängen: Denn es ist ja auch war – neu kann man die Arbeiten der einstmals Neuen Wilden nicht mehr nennen, und sie sind von heute aus betrachtet genau so wenig wild wie die Fauves um Matisse, die als Namenspatrone in den 80er-Jahren eine neue Beliebtheit erfuhren.

Wird der Neuaufguss bei den nunmehr obsessiven Malern ähnlich wirken? Um es vorweg zu nehmen: Jein!

 

Fritz Kater – wer immer sich hinter dem Namen verbirgt: hört sich’s doch an wie Fritz the cat – brachte 1998 das absurd-freche Comic-Drama »keiner weiß mehr 2 oder martin kippenberger ist nicht tot« auf die Bühne. Schon allein der Titel straft die Realität Lügen, zumindest wird erst jetzt bewusst, dass nahezu alle Vertreter der Neuen Wilden, vorwiegend 50er-Jahrgänge, erfreulich lebendig sind. Und die Wertschätzung, die Kippenberger wenige Jahre nach seinem Tod 1997 erfährt, zeigt uns wie aktuell diese Künstler sind, die nicht zufällig jetzt, wo die Malerei wieder en vogue ist, aus dem eigenen Schattendasein steigen. Die Malerei ist tot, es lebe die Malerei.

 

 

Es ist verständlich, dass Karlsruhe nun versucht, dem Phänomen der älter gewordenen Wilden beizukommen, wo doch nach eigenem Bekunden ein abschließendes Urteil darüber noch ausstehe. In der Tat: In heftiger Geste tobten Bömmels, Fetting, Salomé & Co. durch die Kunstszenen in Berlin, Köln und Hamburg, sie rebellierten gegen Minimal und Concept Art, aber auch gegen Baselitz, Kiefer, Polke und Richter. Kometengleich schien der Triumph der neuen alten Malerei. Doch heute sind die Vertreter der Minimal und der Concept Art Geschichte und die postexpressiven Altmeister sitzen nach wie vor fest im Sattel. Beides trifft für die Neuwilden nicht zu...

 

Das Museum für Moderne Kunst geht diesem kuriosem Faktum mit einem Trick entgegen und gibt der Kunstkritik eine neue Bezeichnung, eben »Obsessive Malerei«, an die Hand. Und siehe da, es scheint zu klappen: Die ausgestellten Arbeiten senden eine Frische aus, als seien sie in den letzten Wochen entstanden: Hans Peter Adamski, Peter Bömmels, Werner Büttner, Walter Dahn, Martin Disler, Jirí George Dokoupil, Albert Oehlen u.a.m. machen Lust auf mehr.

  

Das ruft nun auch gewisse Mängel auf den Plan. Weil es partout die 80er-Jahre sein müssen, bleibt der Blick in die Gegenwart etwas unterbelichtet, als hätten die Gründungsväter der Jungen Wilden später nicht mehr oder nur noch zwischendurch gemalt. Das verstärkt noch den Eindruck des Beliebigen, der zugegeben durch viele Überblicksausstellungen geistert. Möglicherweise hat man sogar eine Chance vertan, die Präsentation in die öffentliche Diskussion zu tragen. Zum einen hätte man die neuwilden Tendenzen auf Europa ausdehnen können – die italienische Transavantgardia hätte sich angeboten –; oder man hätte den Amerikaner Julien Schnabel mit ins Boot genommen, der damals zum höchstdotierten Kultstar emporwuchs, um recht schnell in der Kreativität zu verglühen. Andrerseits hätte man eine Art Dialog führen können, wie es zur Zeit die Villa Massimo in Rom praktiziert: Zwei verschiedene Positionen (und hießen sie nun Minimal Art oder Concept Art) werden so gegenübergestellt, dass man im Vorübergehen schon different und besser sieht, wo die Künstler eben stehen.

 

Doch im »holden Bescheiden« bezieht das Museum auch innere Kraft. Das von Bild zu Bild entstehende Aha-Erlebnis (einschließlich der Frage, ob Elvira Bach überhaupt malen kann), Vertrautes (mal wieder) zu sehen, macht die Ausstellung zu einem farbrauschvollen Ereignis. Und wer hätte das einst gedacht, als man Sorge haben musste, die ohne Grundierung auf die Leinwand gedröhnten Billigfarbkaskaden würden die Zeit nicht überstehen. Sie haben – und sie leuchten. Und das ist gut so.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

 

Mittwoch 10–20 Uhr

Donnerstag–Sonntag 10–18 Uhr

 

Eintritt/Führungen

 

Eintrittsgebühr 4,10 / 2,60 EURO

 

Öffentliche Führung 2,10 EURO + Eintrittspreis