Ausstellungsbesprechungen

Österreich: 1900–2000 - Konfrontationen und Kontinuitäten

Jahrhundertschauen sind ein gewagtes Unterfangen – und es bedarf schon eines selbstbewussten, souveränen und renommierten Kurators, es umzusetzen:

Wieland Schmied gehört sicher zu den besten seiner Zunft – der weit über den Tellerrand der Kunstgeschichte hinaus blickt –, und so ist es denn auch eine meisterhafte Ausstellung geworden, deren Koordinaten gebündelt werden in die Perioden »Nach 1900« (1900–18), »Zwischenkriegszeit« (30er Jahre), »Nach 1945« (1945–65), »Neue Tendenzen« (1956–95) und »Zeitgenössische Positionen« (1995–2005), die damit sogar über die im Titel angezeigte Jahrtausendgrenze hinaus gehen. Dabei bestückt die Sammlung Essl weitgehend die letzten drei Zeiträume, die erste Jahrhunderthälfte wird durch Leihgaben bestritten. Im Blickfeld Schmieds ist ein »umfassendes Bild der österreichischen Kunstentwicklung des 20. Jahrhunderts, in dem sich die größten Umbrüche in der Kunstgeschichte vollzogen haben«.

Und schon ist die Frage da nach der deutschsprachigen Nationalkunst – doch wer mag es bezweifeln, dass es eine spezifisch österreischische Kunst gibt bei so klangvollen Namen wie Klimt, Schiele, Schönberg, Moser & Co. über die überraschen vielen Aktionisten um Brus, Export, Nitsch bis hin zu phantastischen Realisten à la couleur d’ Ernst Fuchs, die so nie in Deutschland ihre Wurzeln hätten haben können, und die dennoch allesamt international genug sind, um sich in der Enge regionaler Standortbestimmung kaum wohl fühlen dürften. Kurzum: Spannender als alle anderen künstlerischen Nationalparaden ist die österreichische, weil sie fast antinational aufmüpfig ist und nicht davor zurückschreckt, Mysterien mit echtem Blut und die Symbolwelten mit falschen Engeln heraufzubeschwören. Die Fokussierung auf Österreich fällt verständlicherweise schwerer in der Zeit der Neuen Sachlichkeit, allerdings verbunden mit dem prächtigen Umstand, österreichische Vertreter dieser Richtung zu präsentieren, die sonst viel zu selten zu sehen sind – eine der größten Bereicherungen sind die Werke von Franz Sedlacek, die man getrost, von bekannteren Einzelarbeiten abgesehen, als Entdeckung feiern kann. Aber auch die jüngsten Stile folgen dem gegenwärtigen Mainstream, doch sind die Bilder von Siegfried Anzinger, Herbert Brandl, Adriana Czernin, Alois Mosbacher und all der anderen faszinierend genug, um diese Schau in allen Facetten zu rechtfertigen. Für die Auswahl der Gegenwartskunst assistierte Wieland die junge Kuratorin Silvie Aigner (geb. 1965), die bei Konrad Oberhuber studierte und bereits an beachtlichen Ausstellungsprojekten mitgearbeitet hat.
 

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Über 100 Künstlerlinnen und Künstler dürfen sich über die gesamte Fläche des Museums von immerhin 3200 Quadratmetern austoben. Auch wenn man gerne mehr Plastik, Grafik oder gar Medienkunst gesehen hätte, die rund 270 Arbeiten bieten den höchsten ästhetischen Genuss – Lücken sind beabsichtigt. Mehr kann eine solche Präsentation nicht leisten, was den Verantwortlichen freilich bewusst ist, die der Besichtigung eines Jahrhunderts den Touch der Utopie verliehen haben. Zugleich erhoben die Ausstellungsmacher die Stellflächen zur Bewährungsbühne für ihre »Pappenheimer«. Nur so viel sei respektvoll gesagt: Nahezu alle beteiligen Künstler bestehen mit Leichtigkeit ihren Auftritt in Klosterneuburg. Das wiegt umso mehr, als das Konzept grade für die »bewährte« klassische Moderne nicht die gängigen Vorzeigestücke angeln wollte – die in zahlreichen Ausstellungen zur Wiener Kunst um 1900 im Bewusstsein des interessierten Publikums fest verankert wurden; vielmehr setzte man auf weniger bekannte Arbeiten. So findet man sogar von Alfred Kubin Bilder, die einen frösteln lassen, als hätte man sein Werk noch gar nicht so oft gesehen. Wunderbare Begegnungen geben auch die Gemälde von Wilhelm Thöny, Werner Berg oder Albert Paris Gütersloh. Fast ist man versucht, sogar Werke von Staudacher, Lehmden, Kocherscheidt oder Frohner denen der bekannteren Hausner, Rainer, Lassnig und besonders Hundertwasser vorzuziehen, was freilich weniger gegen die »Stars« als für die vielen weniger bekannten oder wieder vergessenen Künstler spricht.

Eigens für diese Ausstellung hat der Komponist Karlheinz Essl jun ein Stück nature / morte komponiert, das die Nähe zur Wiener Aktionskunst sucht: Zu einer Fotodokumentation des Wiener Aktionismus hat Essl für die Rotunde des Hauses diese generative Klanginstallation geschaffen. Nicht zuletzt gebührt dem gewichtigen Katalog großes Lob, der den Betrachter der Ausstellung im Nachhinein – wenn nicht schon geschehen – zum Bewunderer der vielfältigen österreichischen Kunst des 20. Jahrhunderts macht.

 

 

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Öffnungszeiten
Di - So 10 – 19 Uhr
Mi 10 – 21 Uhr (freier Eintritt ab 19 Uhr)