Buchrezensionen, Rezensionen

Olaf Otto Becker – Under the Nordic Light. Eine Zeitreise. Island 1999-2011, Hatje Cantz Verlag 2011

Der 1959 in Travemünde geborene Olaf Otto Becker bereist den hohen Norden seit nunmehr zehn Jahren und verschmilzt in seinen ruhig und bedacht konzipierten Fotografien Realität und Subjektivität, dokumentarische Präzision und ästhetische Qualität. Die jüngst im Hatje Cantz Verlag erschienene Publikation »Under the Nordic Light« führt bereits veröffentliche und neue Aufnahmen von Island zusammen, die neben der Fülle an isländischen Landschaftsformen Spuren der Zivilisation sowie der Wirtschaftskrise aufweisen. Verena Paul hat sich den Fotoband angesehen.

Island, das sich vergangenen Monat von seiner vielseitigen literarischen Seite auf der Frankfurter Buchmesse präsentierte, bildet auch das Zentrum des in grünen Leinen gekleideten, bibliophilen Bandes »Under the Nordic Light«. Olaf Otto Becker ergründet hier mit wachem Blick und einem unglaublich feinen Gespür für Stimmungsnuancen den Facettenreichtum der grünen, zerklüfteten oder von Eis überzogenen isländischen Landschaft, inklusive der sich darin eingeprägten menschlichen Interventionen. Entstanden ist ein berührendes Porträt: poetisch und sachlich, mythisch entrückt und sehr zeitgenössisch. Denn politische und wirtschaftliche Probleme werden an keiner Stelle vom Künstler geschönt, sondern ästhetisch mit dem Kameraauge eingefangen.

»Ein Bild machen ist für mich der Versuch,« sagt Becker, »etwas zu begreifen. Wirklichkeit begreifen, die sich in Form von Landschaft darstellt.« Hierbei reizen ihn »extreme Wetter- und Lichtbedingungen. Mich interessieren am meisten Grenzlandschaften, Grenzstimmungen.« Diese zwischen zwei Polen stattfindende Spannung macht sich Becker auch bei der Gegenüberstellung von Arbeiten zu Nutze, die zur selben Jahreszeit und in einem vergleichbaren Licht entstanden sind und die darüber hinaus den gleichen Bildausschnitt zeigen – allerdings liegt eine Dekade zwischen den Aufnahmen. »Das Nebeneinander jener beiden Bilder, die identisch anmuten und zwischen denen gleichwohl zehn Jahre verstrichen sind, wird zur Reflexion über die Zeit«, erklärt Petra Giloy-Hirtz in ihrem informativen, klar strukturierten Textbeitrag. Beckers Doppelbilder sind Ergebnis des Einfühlens in die Landschaft. Dieses Gespür resultiert aus der Stille, die den Fotografen umgibt. Deshalb wird »die Reise in die Ferne auch zu einer Reise nach Innen«, wie die Autorin erläutert.

Und so begegnen uns Islandbilder, die eine unangetastete, urwüchsige Natur zeigen: tosende Wasserfälle, von Gischt gekrönte Wellen, die den schwarzen Sand ablecken oder bewegungslos im Meer treibende Eisschollen. Neben diesen Arbeiten ist Becker in anderen Werken forschender Beobachter von Eingriffen des Menschen in die Landschaft. Dergestalt wirken die virtuos fotografierten Betongebilde wie Fremdkörper, die in das Gestein gewaltsam eingedrungen sind. Auch die Straßen und Überlandleitungen, die die grünen Grasflächen in bizarre Parzellen zerschneiden, hinterlassen beim Betrachter ein unwohliges Gefühl. Die Veränderungen in der Landschaft sind nach zehn Jahren erschreckend deutlich. So ist der einst wasserreichste Gletscherfluss der Insel, der sich bis zu hundert Meter tief ins Vulkangestein eingegraben hat, durch den Bau des Kárahnjúkar-Staudamms zu einem Bächlein reduziert worden. Auch die 2002 fotografierten Gletscherzungen sind abgeschmolzen und künden von der inzwischen viel diskutierten Erderwärmung.

In der dritten Werkgruppe schließlich richtet Becker sein Objektiv auf menschliche Siedlungen, die traurige Zeugen der Finanzkrise geworden sind. Geradezu gespenstisch muten unfertige Bauten, leer stehende Wohnungen und das zur Eröffnung bereitstehende Bauhaus an, dessen Pforten jedoch fest verschlossen bleiben müssen. Die Kälte, die aus jenen fotografischen Arbeiten dem Betrachter entgegenschlägt, ist nicht zuletzt auch Ergebnis des gewählten Bildausschnitts, bei dem vor allem auf klare Strukturen und eine „Geometrisierung“ geachtet wurde.

Wie viele andere zeitgenössische Fotografen richtet auch Olaf Otto Becker seine Linse auf eine Landschaft, die durch ihre Schönheit den Menschen beeindruckt und die zugleich durch dessen rabiates Eindringen bedroht ist. Beckers Œuvre, wie Giloy-Hirtz das Doppelengagement des Künstlers auf den Punkt bringt, ist »in all seiner künstlerischen Qualität auch Zeugnis des dramatischen Wandels und darin ein Plädoyer zur Bewahrung der Schöpfung und Appell zum Handeln.«

Fazit: Eine Publikation, die durch den wunderbar geschriebenen, leserfreundlichen und zugleich informativen Beitrag Petra Giloy-Hirtz ebenso zu überzeugen versteht wie die beeindruckenden Fotografien Beckers, die uns in grandiose Landschaften eintauchen lassen oder uns die von der Zivilisation zugefügten Wunden und die grotesk wirkenden Spuren der Finanzkrise demonstrieren. »Under the Nordic Light« ist ein prachtvoller Band, den ich neugierig gelesen und dessen qualitativ hochwertige Abbildungen ich mir mit Begeisterung immer und immer wieder angesehen habe. Deshalb möchte ich ihn besonders denjenigen ans Herz legen, die sich für (Landschafts-)Fotografie im Besonderen und liebevoll gestaltete Bücher im Allgemeinen begeistern. Mit Blick auf die Geldbörse: die Freude an dem Werk wird den Betrag doppelt aufwiegen!