Buchrezensionen

Ole W. Fischer: Nietzsches Schatten. Henry van de Velde – Von Philosophie zu Form, Gebr. Mann 2012

Gibt es eine philosophische Architektur? – Wenn man Henry van de Velde folgt: Ja. Mit dem Rückgriff auf Nietzsche wertete der belgische Architekt und Designer seine Bauten auf und gab ihnen eine umfassendere, über die Disziplin hinausreichende Bedeutung. Ole W. Fischer hat die Rezeption des Philosophen in einer vergleichenden Darstellung nachgezeichnet. Heraus kam eine extrem trockene und theoretische Arbeit. Rowena Fuß hat sich damit beschäftigt.

Der Philosoph und der Architekt. So verschieden, wie die beiden scheinen, sind sie gar nicht. Während sich der eine in verschiedenen Denkgebäuden bewegt, kann jede Architektur als Verkörperung einer Weltdeutung gesehen werden. Doch gleichgültig ob, man die Baukunst gern als Stein gewordenen Glauben sehen möchte oder sie freigestellt wissen will: Was passiert, wenn beide Disziplinen zusammenwirken, ist enorm. Als der französischen Philosoph Jacques Derrida und der amerikanische Architekt Peter Eisenman anlässlich der Umgestaltung einer ehemaligen Schlachterei zum Freizeitpark La Villette in Paris aufeinandertrafen, war der Dekonstruktivismus geboren. Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein ist dafür beispielhaft. Simultan ereignen sich Auf- und Ab- bzw. Neubau in dem Gebäude, das sich aus verschiedenen geometrischen Elementen zusammensetzt. So scheint ein Erker wie angeklebt an der Außenwand zu hängen, an gestische Malerei lässt eine Wendetreppe denken, die sich von außen in den ersten Stock windet, und über dem Eingang springt eine nahezu quadratische Form hervor. Man könnte also sagen, dass der Zusammenprall zweier Denkgebäude in diesem Fall einen geradezu dramatischen Effekt hatte.

Friedrich Nietzsche (1844-1900) und Henry van de Velde (1863-1957) sind sich nie begegnet. Trotzdem hinterließ der Philosoph im Werk des belgischen Architekten und Designers bedeutende Spuren. Mit dem Wechsel nach Weimar 1901 beginnt er eine Folge von Nietzsche gewidmeten Arbeiten. Fischer hat sich diesen zugewandt und beleuchtet ausführlich die vorangegangene theoretische Auseinandersetzung des Belgiers mit dem deutschen Philosophen. Er beginnt mit einer Analyse von Nietzsches Schriften und zeichnet dessen Gedanken zu Kunst, Architektur und Gebrauchsobjekten nach. Darüber hinaus bettet er sie in den jeweiligen Entstehungskontext ein. Interessant ist die hier geäußerte These, dass sich van de Velde eigentlich weniger für Nietzsches Architekturtheorie, als für dessen frühe anarchistischen Haltung und radikaler Infragestellung der zeitgenössischen Kunst, Kultur und Gesellschaft interessierte.

Nach diesen etwa 400 Seiten – und damit zwei Dritteln des Buches – kommen wir zum vierten Abschnitt. Hier wird in einem ersten Teil der Versuch einer zeitlichen Rekonstruktion der Nietzsche-Lektüre van de Veldes unternommen. Eine besondere Rolle spielen dabei Vermittler wie Harry Graf Kessler, direkt in den Memoiren genannte Buchtitel und Zitate Nietzsches usw. Im zweiten Teil des Kapitels werden Verweise, Parallelen und Unterschiede in zentralen Theoriefeldern der beiden Autoren herausgearbeitet und miteinander in Beziehung gesetzt. Dann kommt Fischer endlich zum Transfer von Gedanken in Form. Als Beispiel dient das Nietzsche-Archiv in Weimar. Beispielhaft gewährt die Analyse des einjährigen Umbaus 1902 bis 1903 Einblicke in van de Veldes Praxis, philosophische Motive, physiognomische Analogien und metaphorische Verweise durch die künstlerische Methode der »transcription ornementale« in gebaute Form zu übertragen. Es ist eine Harmonie der Linien analog zu der in musikalischen oder mathematischen Verhältnissen. Spätestens als Fischer Schellings Diktum von der »Architektur als gefrorene Musik« zitiert, wird klar, dass van de Velde wohl noch ganz andere Ansätze interessiert haben. Es fallen dabei die Namen Schopenhauer und Fechner. Bei erstem beruft er sich auf die idealistische Veranschaulichung der Idee durch die Formgebung des Materials. Gustav Theodor Fechner wiederum stellt den Zusammenhang zwischen Proportion, musikalischer Harmonie und Mathematik her. Wie hat er dies nun aber konkret umgesetzt? Wie hat er das von Nietzsche popularisierte dionysische und apollinische Prinzip in eine Raumgestaltung übertragen?

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Der Leser wird an dieser Stelle enttäuscht. Fischer stellt selbst keine Verbindung zwischen strengen, apollinischen Linien in der Raumgestaltung und geschwungenen, dionysischen Formen her. Dabei schreibt er unter der Überschrift »Interpretationsansätze für die Gestaltung des Nietzsche-Archivs«: »Die nahezu selbstverständliche Grundannahme, dass der Architekt das Werk und die Persönlichkeit des Philosophen zum Ausgangspunkt des Entwurfes heranzieht, zeigt, dass van de Velde Friedrich Nietzsche als den eigentlichen ›Auftraggeber‹ verstanden hat, und seine (Lebens)Philosophie als den ›Gegenstand‹ des Entwurfes, oder anders gesagt, … dass er von dem Konzept einer Übertragung sinnstiftender Inhalte aus Werk und Leben des Philosophen in die Sprache der Architektur ausgeht … «.

Was hat van de Velde dann zum Thema des Archivs gemacht, wenn nicht die konträren Prinzipien? Der Autor verweist auf eine kurze Notiz in den Memoiren des Architekten. Dort äußert er den Gedanken, dem Äußeren und dem Eingang der Villa ein feierliches und monumentales Aussehen – wie eine »Schatzkammer« – geben zu wollen. Dazu passen die ungewöhnlich hohen und schweren Türflügel und der darüber schon von weitem gut lesbare, breit in Stein geschlagene Name des Archivs. Das im anschließenden Windfang einzige Oberlicht wird auf das Motiv des Bergkristalls im »Zarathustra« zurückgeführt. Über mehrere Schwellen wird der Weg in das Herz des Kultes, die Bibliothek, choreografiert. Fischer verweist darauf, dass dieser Aspekt der Separierung bereits bei van de Veldes eigenem Haus Bloemenwerf Verwendung fand und als Gegenentwurf zu Historismus und Décadence der Umgebung standen.

So gesehen markiert das Nietzsche-Archiv auch einen entscheidenden Punkt im Leben des Belgiers. Nun hat der die Möglichkeit, seine Mission mit einem programmatischen Kunstwerk zu verbinden: Ein modernes und folgerichtiges Haus für den modernen Denker par exellence, einem Künder von der »Geburt der Moderne aus dem Geist der Antike«, wie Fischer später schreibt. Doch zurück zum Archiv und dem eigentlichen Kernstück, dem Bibliothekssalon. Dieser wird dank van de Velde zum Organismus: Die verlängerten Leisten an den Seitenwänden der Regale mit Primär- und Sekundärliteratur zum Philosophen werden zu Rippen, die der reliefierten Hohlkehle, welche zur unstrukturierten Decke vermittelt, folgen. Der Blick nach Westen wird auf die Nietzsche-Herme vor dem dreiflügeligen Fenster gelenkt – der sinnbildliche Kopf dieses gedankengeschwängerten Raumkörpers. Denn wenn die Sonne untergeht, umgibt ihn eine Gloriole aus Licht.

Der der Philosophenschwester Förster-Nietzsche nahe stehende Kritiker Paul Kühn aus Leipzig verglich van de Veldes Vorgehen 1904 in einer Abhandlung über das Archiv mit dem eines Bildhauers, der Wohnskulpturen schafft. So treffen sich Architekt und Philosoph in der Vorstellung, dass die Kunst eine Steigerung und Verschönerung des Leibes sei.

Im Epilog widmet sich Fischer schließlich noch auf drei Seiten dem »produktiven Missverständnis« Nietzsches. Denn natürlich hat der Belgier ihn lediglich durch Schriften und Zeichnungen kennengelernt. Alles, was van de Velde also daraus gelernt hat, sind eigene Interpretationen! Nichtsdestotrotz mündete diese Begegnung zwischen Philosoph und Architekt im Weimarer Archiv nicht nur in einer Hommage, sondern auch in einer besonderen Weltanschauungsarchitektur, die wiederum typisch für die Avantgarde des 20. Jahrhunderts ist.

Fazit: Ole W. Fischer hat ein mächtiges Buch geschrieben. Fleißig hat er die Schriften Nietzsches und van de Veldes gesichtet und nebeneinander gestellt. Ausführlich zitiert er aus Briefwechseln, verweist auf Kontexte und liefert ordentliche Beschreibungen, besonders hinsichtlich des Nietzsche-Archivs. Um all dies zu erfassen, benötigt der Leser ein großes Maß an Konzentrationsvermögen. Hinzu kommen die oft langen Sätze, die sich – noch dazu bei der kleinen Schrift – beschwerlich lesen. Kurz: Der Theoriebrocken bleibt einem – obwohl grundsätzlich interessant – fast im Hals stecken. Ich würde ihn daher nur Hartgesottenen empfehlen.