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Ole Frahm: Die Sprache des Comics, Philo Fine Arts 2010

Mit »Die Sprache des Comics« setzt Ole Frahm sich auf 400 Seiten mit dem zwielichtigen Phänomen – als welches der Comic in der Wissenschaft de facto immer noch wahrgenommen wird – intensiv auseinander. Dabei legt er eine Ästhetik des Comics vor, die sich alles andere als „theorielastig“ liest, möglicherweise deshalb, weil der Autor »die Sprache des Comics als Zukunft des Lachens« verstanden wissen möchte. Verena Paul hat für Sie den reich bebilderten Band gelesen und war von der spannend gestalteten Informationsvermittlung, den mit zahlreichen Beispielen unterlegten, sprachlich pointierten Analysen Frahms begeistert.

Frahm © Cover Philo Fine Arts
Frahm © Cover Philo Fine Arts

Dass Comics auch heute noch in den Wissenschaften ein eher stiefmütterliches Dasein fristen, ist bedauerlich. Schließlich hat gerade Ole Frahms Publikation mich nicht nur zur Auseinandersetzung mit der zwischen Bild und Schrift oszillierenden und dabei „Parodien der Referenz“ hervorbringenden Gattung animiert, sondern auch auf wissenschaftlich fundierte Beiträge neugierig gemacht.

Während auf internationaler Ebene die Forschung floriert, scheint man sich in Deutschland mit dem Comic noch etwas schwer zu tun. »Obwohl Comics als Teil der Kultur des 20. Jahrhunderts zunehmend akzeptiert sind, wird ihnen keineswegs ein gleichberechtigter Platz neben Literatur, bildender Kunst oder sogar Film eingeräumt«, wie der Autor in der Einleitung mit Bedauern feststellt. Bisweilen habe es gar den Anschein, »als stehe die Beschäftigung mit Comics unter einem besonderen Rechtfertigungszwang. Als müsse immer wieder die Seriosität des komischen Themas begründet werden«. Dennoch gab es international – merkt Frahm im Unterkapitel »Kleine Forschungskritik« an – »in den letzten Jahrzehnten einige beeindruckende Veröffentlichungen, die weder einer selbstgenügsamen Philologie frönen noch sich in strukturalistischer Allgemeinheit verlieren«.


Doch was steht im Fokus der vorliegenden Publikation? Ausgangspunkt von Frahms Überlegungen ist die These, dass Comics im 20. Jahrhundert »eine parodistische Ästhetik« etablieren, »die die rassistischen, sexistischen und klassenbedingten Stereotypien reproduziert und zugleich« – und das finde ich das Spannende daran – »aufgrund ihrer immanent erkenntniskritischen Anlage reflektiert«, so Frahm. Dabei gehe es bei der Lektüre von Comics nicht um die Herstellung einer Einheit, sondern primär um den Genuss der heterogenen Zeichen, die Text und Bild liefern.

Wiederholt die Parodie – ihrer allgemeinen Definition entsprechend – mit kritischer Distanz eine Vorlage und zeigt damit eher Unterschiede als Ähnlichkeiten auf, so parodieren Comics den Begriff des Originals. »Sie parodieren«, konkretisiert Frahm seine These, »die Vorstellung, dass Zeichen und Gegenstand etwas miteinander zu tun haben sollen. Und sie machen sich darüber lustig, dass gelegentlich eine Nähe zwischen Gegenstand und Zeichen behauptet wird, die dann Wahrheit heißt, aber in der all die Prozesse, die zu dieser Wahrheit führen, unsichtbar sind«.

Nachdem der Autor in seiner Einleitung die parodistische Ästhetik der Comics einleuchtend begründet hat, widmet er sich im ersten Kapitel den Elementen jener Ästhetik (Figur, Zwischenraum, Linie und Panel). Hierbei demonstriert Ole Frahm anhand unterschiedlicher Beispiele, dass durch die parodistische Form der Comics zugleich deren Machart reflektiert wird. Dadurch wird dem Leser bewusst gemacht, dass etwa eine Figur in der Wiederholung von Panel zu Panel eine andere ist und dass die Axt nicht nur Gegenstand im Comic sein kann, sondern auch »die Frage [materialisiert], was zwischen den Panels stattfindet«. Wir haben als Leser und Betrachter, laut Frahm also konstant »eine Axt im Auge. Die Gewalt der Wiederholung begründet eine Poetik, die sich niemals ganz in Identifizierung aufheben lässt«. Ähnliches kann bei den Linien beobachtet werden, die, wie die Interpretation von »Krazy Kat« zeigt, auch die feindlichen Linien im Krieg symbolisieren. Und die Panels? Am Beispiel der Panels von »The Yellow Kid«, »Little Nemo in Slumberland« und »Krazy Kat« artikuliert sich, so das Fazit des Autors, »die Fremdheit des Alltäglichen, die keine ‚imaginäre Zusammenschau’ totalisieren und vereinnahmen kann«. Panels sind kleinen Fenstern vergleichbar, durch die wir die Handlung verfolgen können, wobei stets etwas offen bleibt und immer „etwas zwielichtig werden [kann], nachdem es sich schon erklärt zu haben schien«, so Frahm.

Das zweite Kapitel fokussiert »die Politiken parodistischer Ästhetik«. Hier wird beispielsweise die Frage nach der Geschichtsschreibung in Science-Fiction-Comics gestellt. »Geschichte«, erklärt Frahm, »erscheint im Mosaik als nicht abschließbar; immer wieder müssen die Menschen in die Vergangenheit reisen und sie neu lesen«. Neben der Geschichtlichkeit stehen der Mythos der Superhelden, Stereotypen – etwa antisemitische – und Enthauptungen im Interessenszentrum. Wurden die Bilder von Enthauptungen – paradigmatisch in den „underground comics“ – zunächst als Tabubruch verstanden, »lassen sie sich doch vielmehr«, so Frahms Erläuterung, »als Reflexionen der Angst vor einer Kastration lesen, die im Comic als Spaltung von Text und Bild, Bild und Bild, besonders aber durch die Zerstückelung der Figuren immer schon stattfindet«.


Im dritten, mit »Reprise« betitelten Teil richtet Ole Frahm in einer Art Rückschau das Augenmerk auf das bereits Gesagte, ohne es jedoch der Gefahr einer Reproduktion auszusetzen. Er hebt noch einmal die Problematik der Zugehörigkeit von Comics hervor, für den sich weder Literatur noch Kunst verantwortlich fühlen, weil er »zwischen den Kategorien bürgerlicher Ästhetik« existiert. Was der Gattung fehlt? Die »Epik des Romans, die Feinheit des Gemäldes, die Konzentriertheit eines Gedichts, der Detailreichtum eines Fotos und die Bewegung des Films«, so Frahm. Doch daraus erwächst für den Autor noch lange kein Defizit, entstehen Comics doch aus einem Zusammenmischen von Schrift und Bild und seien aufgrund dessen eher »zu viel Vermischtes, zu viel Serie, zu viel Komik«.

Indem Ole Frahm die Struktur der Publikation und seine Vorgehensweise von Anfang an nachvollziehbar begründet, gibt er dem Leser den roten Faden in die Hand, der bis zur letzten Seite nicht abzureißend droht. Glücklicherweise verzichtet der Autor auf langatmige, redundante Passagen und bringt stattdessen mit konstanten, hilfreichen Querverweisen in den Werkanalysen, einer lebendig gestalteten, pointierten sowie stilistisch ausgewogenen Sprache dem Leser das Thema der »Sprache des Comics« näher. Damit gerät die Lektüre dieses kleinformatigen Bandes – der sich nicht nur an ein Fachpublikum, sondern an jeden Kunst- und Literaturinteressierten richtet – an keiner Stelle ins Stocken und kann als äußerst bereicherndes Erlebnis erfahren werden.


Fazit: Endlich ein wissenschaftliches Werk, das sich nicht hinter hochgeschraubten, verklausulierten Fachtermini versteckt, sondern Fakten auf den Tisch legt – dies jedoch in einer derart charmanten, anziehenden Weise, dass ich das Buch nur ungern zu Lesepausen aus der Hand gelegt habe! Insofern kann ich »Die Sprache des Comics« von Ole Frahm uneingeschränkt empfehlen: Sowohl denjenigen, die sich für das Thema Comic interessieren als auch den hartnäckigen Verweigerern, die es bislang nur mit Vorurteilen von sich gewiesen haben.