Ausstellungsbesprechungen

Op+Pop – Experimente amerikanischer Künstler ab 1960, Staatsgalerie Stuttgart, bis 16. Juni 2013

Pop Art und Schwaben? Über Jahrzehnte wurden in der Druckerei Domberger in Filderstadt die Kompositionen amerikanischer Pop- und Op Art-Künstler gedruckt. Nun präsentiert die Staatsgalerie Stuttgart Schätze aus der Privatsammlung des Unternehmers Domberger einer breiten Öffentlichkeit. Günter Baumann hat es sich angesehen.

Als Michael Domberger 1989 Keith Haring besuchte, um mit ihm den Siebdruck »Cup Man« zu einem guten Ende zu bringen, wusste er, dass der Künstler nicht mehr lange leben würde: Er war zu schwach, um ungesichert an einer Leinwand zu stehen, geschweige denn zu reisen. So nahm Domberger, Sohn und Nachfolger des Siebdruckpioniers Luitpold Domberger, das Flugzeug und unterbreitete Haring das im Vorfeld hochprofessionell erarbeitete Blatt zur Unterschrift. Es sollte seine letzte Serigrafie werden, was beiden wohl bewusst war. Im Januar 1990 starb der Künstler.

Diese kleine, wenn auch tragische Episode sagt einiges aus, was den Stellenwert der Stuttgarter Ausstellung unterstreicht: Zum einen hat sich das Domberger-Unternehmen einen weltweit anerkannten Ruf im Bereich des künstlerischen Siebdrucks erworben, auf dessen Dienste man gern zurückgriff. Zum anderen entwickelten die Firmenchefs in zwei Generationen kein bloßes Geschäftsverhältnis zu den Künstlern, sondern baute auf freundschaftliche Kontakte. Immerhin basierte die Firmenidee auf dem schwäbischen Tüftlersinn Luitpold Dombergers und der kreativen Inspiration Willi Baumeisters, dem Stuttgarter Vater der Moderne nach Hölzel und Kandinsky.

Die vom Land Baden-Württemberg angekaufte Sammlung, die rund 2200 Werke umfasst, wird in der Stuttgarter Ausstellung mit etwa 140 Arbeiten vorgestellt, insbesondere die Größen der Pop- und Op-Art-Geschichte sind vertreten: u.a. Josef Albers, Christo, Richard Estes, Robert Indiana, Jeff Koons, Les Levine, Roy Lichtenstein, Robert Longo, Robert Rauschenberg und Richard Smith. Dezent gewürzt werden die Einblicke in die Serigrafie-Produktion mit einem stellenweisen Werkstattcharakter der präsentierten Werke (An- und Probedrucke, Korrekturabzüge) sowie durch die Anekdoten Michael Dombergers, die auch mal einen fröhlichen Abend beschreiben, aus dessen Überbleibsel Kunst erwuchs – so bei dem Künstler Les Levine. Eines der beeindruckendsten Werke empfängt den Betrachter gleich zu Beginn der Ausstellung: »Holland Hotel« des Fotorealisten Richard Estes. Damit sich die famose Wirkung auch einstellt, setzte Estes einige hundert Druckfarben ein.

Es ist die große Zeit der 1960er Jahre: Op und Pop, mit allen übergreifenden Schattierungen, dazu der Hyperrealismus, insgesamt ist dies auch eine von den USA geprägte Zeit. Dass hierbei im druckgrafischen Segment das kleine Filderstadt in Süddeutschland wesentlich mitmischte, ist schon eine Sensation. Umso verwunderlicher, dass man die Glanzlichter der deutschen Serigrafie gar nicht erst in die auf die USA beschränkte Ausstellung genommen hat: Von Max Ackermann und Josef Albers über Max Bill, Otto Herbert Hajek und Georg Karl Pfahler bis hin zu Ben Willikens (die sich doch bestimmt auch in der Sammlung Domberger befinden dürften). Albers ist übrigens in der Ausstellung der Staatsgalerie vertreten, da er früh in die USA ausgewandert war. Das Potential wäre enorm gewesen, nicht nur was die Technik betrifft, sondern auch das Material: In der Ausstellung liest man unter den Sponsoren auch den Namen der Firma Marabu, im süddeutschen Tamm situierter überregionaler Marktführer für Siebdruckfarben.

Faszinierend ist freilich die Bandbreite, die der Siebdruck ermöglicht. So sind die hyperrealistischen Bilder von Estes das eine, kaum weniger grandios ist die irritierenden Farbornamentik Dee Shapiros, sind die atemberaubenden Farbverläufe von Elaine Kurtz oder die Pop-Scibbles von Nicholas Krushenick – und immer wieder die im Grunde für dieses Medium geschaffenen Strichmännchen von Keith Haring. Allen gemeinsam ist die Präzision ihres Tuns, im Abstrakten oder Gegenständlichen – und das noch im thematischen Feld des Experiments. Die Stuttgarter Schau ist ein Schaufenster auf einen kleinen Ausschnitt der jüngeren Kunstgeschichte, die größte Beachtung verdient.