Ausstellungsbesprechungen

Orient: Parcours. Bilder vom Orient. Von Meister Francke bis Shirin Neshat.

Mit ihrem dritten Parcours widmet sich die Hamburger Kunsthalle den Ideen und Vorstellungen vom Orient. Dabei ist bereits von vornherein festzuhalten, dass es „den Orient“ gar nicht gibt.

Der Orient wurde vielmehr durch eine Denktradition in Europa und eine sich über die Jahrhunderte hinweg entfaltende Bildtradition immer mehr zur Realität. Und genau diesen Bildern, die durch die westliche Perspektive geprägt sind, sucht der Parcours in der Hamburger Kunsthalle nachzuspüren. Der Rundgang führt von den Alten über die Neueren Meister und schließlich von den „Orientmalern“ hin zu Werken der Klassischen Moderne sowie der zeitgenössischen Kunst in der Galerie der Gegenwart.

Es ist gerade dieser Sprung durch die Zeiten, der das Thema so spannend macht. Nehmen wir nur einmal die Frage, die sich an einer der ersten Stationen (von insgesamt 26) des Parcours stellt: Warum wurden die „Weisen aus dem Morgenland“ zu Königen? In den frühbyzantinischen Mosaiken, wie etwa in dem der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom, zeigen sich die Weisen in persischer Kleidung. Diese Tracht kennzeichnet ihre Herkunft aus einem fernen Land. Im Verlauf des 12. Jahrhunderts wandelte sich jedoch die Darstellung der drei Weisen, denn bereits mit der Gründung des Islams 622 nach Christus, war die fremde, östliche Kleidung mit negativen Konnotationen behaftet und wurde zum Symbol des Feindlichen. Fortan wurden die Weisen nur noch in abendländischer Kleidung und mit einer Krone statt einer phrygischen Mütze auf dem Haupt dargestellt. In Meister Bertrams „Die Anbetung der Könige“ um 1383 kann man darüber hinaus beobachten, dass der Jüngste der drei Weisen – gemäß der Tradition – in der Kleidung des 14. Jahrhunderts dargestellt ist.

Neben Meister Bertram hat sich auch Meister Francke mit dem Thema der fremden, orientalischen Kleidung beschäftigt. Er hat in den Bildern der Passionsgeschichte den Schergen mit einem Turban dargestellt und damit den Ungläubigen mit dem Stigma des „Orientalen“ versehen.

Doch wandeln wir weiter auf den Pfaden des Orients und begeben uns auf die Spuren der niederländischen Künstler des 17. Jahrhunderts. Einem beeindruckenden Werk steht man mit Rembrandts „Kreuzabnahme“ von 1633 gegenüber. Es handelt sich um eine Reproduktionsgraphik nach dem gleichnamigen Gemälde Rembrandts. Inspirieren ließ sich Rembrandt von der Kreuzabnahme von 1611 seines großen Vorbilds und Konkurrenten Rubens.

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Rembrandt bereicherte seine Arbeit jedoch durch prächtige orientalisch anmutende Kleidung, die ein Jünger Jesu – Josef von Arimathäa – trägt. Eine Inspirationsquelle für den Künstler wurden dafür die exotisch gekleideten Kleinhändler, die aus Kleinasien nach Amsterdam gekommen waren, um hier ihre Waren zu vertreiben. Jedoch ist ungeklärt, ob wirklich ein Orientale dem Künstler Modell stand, oder ob ein Amsterdamer in fremde Kleidung gesteckt worden war. Von Rembrandt ist aber überliefert, dass er einen umfangreichen Fundus orientalischer Stoffe besaß, mit denen er seine Modelle einkleidete und somit Studien von Orientalen „naar het leven“ fertigen konnte. Rembrandt hatte sich bereits in den ersten Jahren seiner Amsterdamer Zeit mit dem exotischen Kleidungswesen beschäftigt und so erprobte der angehende Meister mit Radierungen beispielsweise die zahlreichen pittoresken Kopfbedeckungen.

Noch im selben Raum ist zu sehen, dass die Zierden der orientalischen Häupter aber auch auf Stefano della Bella eine Faszination ausübten. Della Bella fing in zwölf kleinen Radierungen „Mehrere Köpfe nach Art der Perser frisiert“ von 1649 bis 1651 die unterschiedlichsten orientalischen Kopfbedeckungen – aber auf europäischen Häuptern – ein. Anhand dieser Darstellungen manifestiert sich der Bedeutungswechsel der Orientalen für das christliche Europa im Laufe des 17. Jahrhunderts. Denn die Furcht gegenüber dem expandierenden Osmanischen Reich war mit einer überaus großen Faszination gepaart. Dies galt in Europa besonders für Frankreich, das schon für diplomatische Beziehungen zu Konstantinopel hegte. Die Gesandtschaften aus Konstantinopel, die sich in Frankreich aufhielten, gaben dem für mehrere Jahre in Paris lebenden della Bella einen unmittelbaren Eindruck und könnten ihn direkt zu seinen „Köpfen“ angeregt haben. Was sich in dieser Serie darüber hinaus ankündigt, ist die neue Pariser Mode, denn es galt als chic, sich „à la Turque“ zu kleiden.

Und noch einmal wagen wir einen Sprung in der Zeit und gelangen zum ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert, wo die Orientmalerei in Europa gemeinsam mit der Kolonialexpeditionen und –expansion einen Höhepunkt erreichte. Die so genannten „Orientmaler“, die dem Orient erneut ein gewandeltes Gesicht gaben, schöpften bei ihren Gemälden aus den eigenen Phantasien, die sich am „Fremden“ inspirierten. Carl Blechen etwa zeigte in seiner Studie „Innenansicht des ehemaligen Palmenhauses auf der Pfaueninsel bei Potsdam“ von 1832/34 eine spannende Komposition einer detaillierten Wiedergabe von Architektur, in die sich exotisches Vokabular mischt, fremdländischen Pflanzen und drei sich im Licht- und Schattenspiel räkelnden, nur wenig bekleideten Frauen.

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Mit Eugène Fromentin begegnet der Besucher einem Maler, der sich besonders für die Lichtwirkungen und Farbnuancen interessierte und diese in Skizzen in seinem Reisetagebuch 1869 festhielt. Dieser Fundus an Skizzen war prägend für seine ägyptischen Landschaften und Figurenbilder, die er in Paris schließlich malte. Fromentin verstand es – so auch in seinem Gemälde „Am Nilufer“ von 1871 – die Bewohner ohne schmückendes Beiwerk in die Landschaft zu integrieren, ohne ihnen dabei Würde zu nehmen. Durch das gleißende Licht der Mittagstunde, kommt es zu sanften Farbübergängen, die die Stimmung des Bildes prägen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts dann tritt die Farbe unter dem Eindruck der „orientalischen Länder“ zunehmend ins Zentrum des künstlerischen Interesses. In seinem Tagebuch schreibt Paul Klee 1914 – er ist mit seinen Künstlerfreunden August Macke und Louis Moilliet nach Tunesien aufgebrochen: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.“ Neben Paul Klee ist es vor allem Wassily Kandinsky, der im besonderen Licht Tunesiens die Farbintensität entdeckt, und eingehüllt in die Inspiration von Farbe und Licht, zu einer neuen Sprache in der Malerei gelangt: die der Abstraktion. Und nun befinden wir uns inmitten der modernen Malerei und es wird rückblickend deutlich, welch weiten Weg wir zurückgelegt haben und dennoch treten wir in einer letzten Station des Parcours in die Gegenwart.

In zwei Videoarbeiten wird mit dem westlichen Blick der Polarisierung zwischen „Orient“ und „Okzident“, wie er Jahrhunderte lang dominierte, gebrochen. Die Video-Doppelprojektion „Fervor“ (2000) von Shirin Neshat ist eine sanfte, zugleich sehr berührende Darstellung. Die Künstlerin verzichtet bewusst auf Untertitel und lässt einzig die partiell geometrisch komponierten Bildabfolgen sprechen. Das Nichtverstehen wird zum Thema – einer alltäglichen Erfahrung von Exilanten. „’Fervor’ ist eine Parabel über Leidenschaft und die Unmöglichkeit sie zu leben.“ – so Marion Koch in dem Ausstellungskatalog. Die im Zentrum stehende Frau begehrt darüber hinaus gegen das stets der Frau zugerechnete Laster der weiblichen Verführung auf. „Fervor“ ist keine Videoarbeit über den Iran, vielmehr zielt er auf die Geschlechterbeziehungen, die sowohl Bezüge zur islamischen, als auch zur christlichen Kultur aufweisen. Eine ganz andere Art des Aufbrechens der Polarisierung erarbeitet Christine de la Garenne mit ihrer Arbeit „ON DIT“ (2005), indem sie das dem Islam und dem Christentum gemeinsame Symbol der Gebetskette bzw. des Rosenkranzes ins Zentrum stellt.

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Die Installation ist zunächst nur akustisch wahrnehmbar, denn schon beim Herangehen, scheinen Maschinengewehre sich zu entladen. Erst beim Erblicken der Videoarbeit sieht man die aufeinander aufschlagenden Gebetsperlen. Da keine Person ins Bild gerückt ist, wird der Gedanke auf die den beiden Religionen zugrunde liegenden Wurzeln hingewiesen, zugleich ist aber auch die kriegerische Auseinandersetzung impliziert, die sich bis in die Gegenwart erstreckt.

Mit dieser sich durch die ganze Hamburger Kunsthalle erstreckenden Ausstellung wird eine wunderschöne und vor allem sehenswerte Route durch die Bilder des Orients präsentiert. Gleichzeitig ist es eine herrliche Erfahrung, sich durch die Jahrhunderte treiben zu lassen, den Wandel mitzuerleben, den Umgang mit dem Orient zu den verschiedenen Zeiten zu verstehen und schließlich in einen kritischen Dialog mit der eigenen Gegenwart zu treten. 

 

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Öffnungszeiten
Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr
Mo geschlossen