Ausstellungsbesprechungen

Ortwarta Pracownia und Jan Wawrzyniak

Kunst aus Krakau und Halle (Saale) treffen derzeit in der Kunsthalle Erfurt aufeinander. Zwei Ausstellungen, bei denen in der Distanz zwischen traditionellem Medium und der zeitgenössischen Auseinandersetzung Artikulation mit diesem Medium das verbindende Element liegt.

Aus der polnischen Kunstmetropole Krakau kommt Ortwarta Pracownia (dt.: Offenes Atelier), eine seit 1994 existierende freie Künstlervereinigung, deren Mitglieder dort die gleichnamige Produzentengalerie führen. Sie repräsentieren mit ihrer Malerei, Fotografie und Installation die »Krakauer Schule«. Die mit diesem Begriff bezeichneten künstlerischen Positionen sind eng an die älteste und eine der renommiertesten Kunsthochschulen Polens, die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Krakau, gebunden, die für konzeptuell anspruchsvolle Kunst und eine handwerklich äußerst fundierte Ausbildung steht. 

 

Der Kurator Mariusz Salwinski hat aus der fünfzehn- bis zwanzigköpfigen Gruppe acht Künstler ausgewählt, die mit ihren in der Kunsthalle Erfurt ausgestellten Arbeiten einen repräsentativen Überblick der aktuellen Tendenzen der polnischen Kunst bieten. Die Auseinandersetzung mit der Tradition, sowohl technisch als auch inhaltlich vor dem Hintergrund der spezifisch slawischen Kunstgeschichte und individueller Innovation, findet in den Arbeiten einen Widerhall. 

 

Stanislaw Kobas großformatige Gemälde artikulieren sich in prägnanten Bildformeln, die in den Massenmedien gegenwärtig sind und die in ganz verkürzter Weise eine politische Dimension in den Bildern eröffnen. Entkontextualisiert stehen seine Bildzitate in schwarzer Ölfarbe auf der rohen Leinwand. Die Ambivalenz der Bildtitel baut eine zusätzliche Spannung auf: So nimmt das Bild »Am Strand« auf die Diktatur und den Bürgerkrieg Haïtis Bezug. 

 

 

In den Arbeiten aus der Serie »Bilder auf den Wänden« Maria Luiza Pyrliks werden die Grenzen zwischen Innen und Außen sowie Hell und Dunkel aufgelöst und damit relativiert. Zeitlichkeit wird in den Fotografien vermittelt durch das Nebeneinander des immer gleichen in unterschiedlichen Momenten abgelichteten Motivs. Das Video, in dem mittels einer Standkamera festgehaltene Veränderungen der Lichtsituation eines Ortes dokumentiert werden, ist eine mediale Erweiterung dieses Themas. Ironie wird in den collagierten Fotografien Grzegorz Sztwiertnias zum Mittel des Hinterfragens, in denen er sich vor allem mit kirchlichen Moralvorstellungen gegenüber Homosexualität auseinandersetzt. Formale Einflüsse der Ikonenmalerei finden sich in der ikonostasenartigen Präsentation des »Iraqi Tankers« von Jacek Dluzewski, der mit seinen Bildern, denen Reiseeindrücke zugrunde liegen, einen interkulturellen Dialog zwischen der europäischen und der arabischen Welt auslöst. 

 

   

Krysztof Klimek erweist mit seinen kleinformatigen monochromen Ölgemälden den Suprematisten der russischen Avantgarde eine Referenz. Die Arbeiten des Polen erscheinen wie moderne Andachtsbilder, deren meditative Wirkung durch die sich in fast allen Bildern findende Kreuzform verstärkt wird. In der sensualistischen Behandlung der Oberfläche ist ein Unterschied zu den suprematistischen Gemälden zu sehen, Klimeks Bilder erhalten dadurch etwas Antikisierendes. Ignacy Czwartos greift den Typos des im 17. und 18. Jahrhunderts verbreiteten polnischen Sargportraits auf. Dabei reicht das Spektrum von der plakativen En-face-Darstellung der Personen bis zur völligen Abstraktion in geometrische Formen. Olgierd Chmielewski sucht über seine Installation einen von der Tradition völlig gelösten Zugang zur Zeichnung. Fragile Vehikel mit einem Tintentank ausgestattet, lassen sich durch Luftströmungen ausgelöst von Ventilatoren über eine Scheibe bewegen und übernehmen das mechanische Zeichnen auf ihrer weißen Fläche. Eine Form écriture automatique, die nur das Automatisch-Mechanische mit der von Breton und den Surrealisten postulierten Methode des vom Bewusstsein abgekoppelten Schreibens gemeinsam hat. Chmielewski hat den künstlerisch-kreativen Akt des Zeichnens völlig vom menschlichen Körper abgekoppelt und einem »Automaten« überlassen. Fotografien und Ölbilder von Kleidern stellt Jadwiga Sawicka aus, bei denen allein über die Titel wie »Chorkleid« oder »Barbies Kleid« wird ein Hinweis auf die Trägerin gegeben.

 

Der gebürtige Leipziger Jan Wawrzyniak bedient sich ebenso eines traditionellen Mediums, der Zeichnung. Seine gezeichneten Bilder stehen in der Fortsetzung abstrakter Malerei. In den aktuellen Arbeiten hat Wawrzyniak die Bildmittel radikal reduziert und sich auf die Kohle mit ihrem Clair-obscur beschränkt. Auf grundierte weiße großformatige Leinwände mit Kohle aufgetragene Linien und Flächen in subtilen Grauabstufungen formen labile Räume. Ungewöhnlich angeschnittene Perspektiven, gebrochene oder multiperspektivisch zusammengesetzte Konstruktionen irritieren in ihrer Uneindeutigkeit die Raumwahrnehmung des Betrachters. Es sind Schwebezustände, Balancen – nie stellt sich Gewissheit ein: In einigen Arbeiten verschwinden diese räumlichen Erscheinungen an den Bildrand und eine große leere Fläche wird bildbestimmend, in anderen erschwert eine flächige Gitterstruktur das Erfassen des virtuellen Bildraumes. Durch diese formalen Ähnlichkeiten suggerieren die Einzelbilder Entwicklungen und Abfolgen.

 

Wawrzyniaks Raumgefüge erinnern in ihrer Vergeblichkeit, die Perspektivität zu verifizieren, an Kafkas Erzählwelt; das utopische, rein abstrakte Sehen wird in seinen Bildern immer in das Gegenständliche der Welt zurückgeworfen, der man nicht entfliehen kann (Karen van den Berg, Katalog). Seine Bilder werden so Deutungsmuster für existenzielle Zustände und Situationen. 

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten

Dienstag bis Sonntag 11.00–18.00 Uhr

Donnerstag 11.00–22.00 Uhr

 

Fortsetzung von Seite 1