Ausstellungsbesprechungen

Otto Dix, Hommage à Martha

Längst sind die Frauen aus dem Schatten ihrer kunstschaffenden Partner getreten: Christo wird nicht mehr ohne Jeanne-Claude genannt, Charlotte Behrend-Corinth als beachtliche Künstlerin wahrgenommen, um nur ein paar Namen zu nennen – Max Beckmann und (immer wieder) Pablo Picasso werden in ihrem Verhältnis zu den Gefährtinnen präsentiert.

Im Fall von Otto Dix (1891–1969) gab es in diesem Bereich Nachholbedarf, und welches Haus könnte dem eher Abhilfe schaffen, als das Stuttgarter Kunstmuseum, weltweit eine der wichtigsten Herberge für Dix’ Werk. Das Kunstmuseum tritt bis 27. November mit rund 70 Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Briefhumoresken den Nachweis an, dass Martha Dix (1895–1985) nachhaltig auf eine ganze Werkgruppe ihres Mannes wirkte. In der »Hommage à Martha« entfaltet sich die ganze Bandbreite des reifen Werks von Otto Dix: Nach seinen futuristischen und Dada-Lehrjahren folgte der neusachliche Maler einer Einladung der Kunsthändlerin Johanna Ey und des Urologen und Galeristen Hans Koch 1921 von Dresden nach Düsseldorf. Nicht nur diese Geschäftsliaison fiel auf fruchtbaren Boden, sondern auch die Bekanntschaft Dix’ mit Kochs Frau Martha – im Jahr darauf ließ sich der Arzt in gutem Einvernehmen scheiden und heiratete Marthas Schwester, 1923 ehelicht Dix seine »Mutzli«, die ihm fortan als Muse und Motiv Modell stand: begehrt, bewundert oder aus der Distanz beobachtet.

»Ich freue mich schon darauf … dich zu malen. Armer Mutz! Wie wird es sich langweilen beim Modellsitzen! Aber du wirst es gern tun denn du wirst doch der Unsterblichkeit dabei überliefert Mutzli denke mal an! Du süße liebe weiche Katze Herzensschatz Geliebte / Ich hab dich immer lieb / Jimmy« – Otto Dix gibt sich in seinem frühen Brief an Martha von 1922 verliebt, was ihn künstlerisch ernsthaft in die Bredouille bringen musste. Er war nicht nur ein schonungsloser Chronist seiner Zeit, sondern auch ein fast ungnädiger Porträtist: in erster Linie seiner selbst, dann aber auch vieler Zeitgenossen, wobei ihm die freundschaftliche Nähe fast ein Gräuel war; er suchte den objektiven Blick, den ersten Eindruck, der möglichst ungetrübt seine allgemeingültige Form erhalten sollte. Das Innenleben des Gegenübers war da eher hinderlich, musste in den Augen von Otto Dix allein aus dem Äußeren hervorgehen. Welch Katastrophe, wenn das Modell die Geliebte, später die eigene Frau ist, denn wo blieb da der objektive Blick? Und wer vermag zu sagen, ob sich ihm das Katzenhafte im Gesichtsausdruck Marthas tatsächlich in diesem Sinne aufdrängte oder ob er es sehen wollte?

Offensichtlich erarbeitete Dix sich den gesehenen oder gesuchten Gesichtsausdruck seiner Lebensgefährtin in nachgerade obsessiver Manier, als Paar sah er sich und sie allenfalls in Skizzen, tanzend kommt Martha nicht vor – dabei kamen sich beide beim Tanzen näher, was sie auch leidenschaftlich betrieben (für die Tänzerin auf der Mitteltafel des zur Bildikone gewordenen Großstadt-Triptychon »entlehnte« der Maler sich Marthas Schuhe als Vorlage – nicht seine Frau selbst). Das legt nahe, dass es Dix wirklich nicht um das private Bild ging, sondern um einen Typus; zur Karikatur gerät ihm allenfalls Marthas Schwäche für Hüte, die in allen Variationen auftauchen um doch auch sogleich wieder zur Moden-Schau der Zeit sich emporzuheben. Erst in dieser »Verifizierung« wird auch verständlich, dass Dix seine Geliebte, Frau und Muse mit zum Teil abstoßenden Hurenbildern beschenkte (»Für mein süßes Mutzli« und Ähnliches fügt er schriftlich bei). Als er später eine andere Geliebte hat, verbinden sich die Gesichtszüge Marthas mit den hässlichen Fratzen seiner ausgemergelten Heroinen oder er flüchtet sich in die (sehr starken) Bilder von der Geburt der Kinder – hier ist er als Maler ganz er selbst, die Hommage wird zu einer Art Demontage, der Darstellung einer wohl nicht mehr gefühlten Frau in Abwesenheit.

Eine spannende Bereicherung der Ausstellung sind zum einen die Fotos von Hugo Erfurth und August Sander, die die Frau hinter den Gemälden in einem noch unmittelbareren Medium lebendig werden lassen, zum anderen die Originalkleider und der Schmuck von Martha Dix. Selbst die Tanzschuhe wurden nicht vergessen. Und was am Ende verwundert: Stuttgart, mit immerhin einer der größten Dix-Sammlungen, zeigt nach fast 15 Jahren erstmals wieder eine Großausstellung des bedeutenden Meisters. Ob die Schau allerdings in dieser Größe Sinn macht, sei dahingestellt: So wird man den Eindruck nicht los, es sei wirklich der kleinste Ausriss auf den Tisch gekommen, der auch nur entfernt an Martha erinnert – vielleicht hätte eine Kabinett-Ausstellung das Thema dichter fassen können. Andrerseits liegt das Thema nun einmal in der Luft: Die Kunsthalle in Bremen zeigt seit 15. Oktober die Ausstellung »Monet und Camille«, die ein Frauenporträt ins Zentrum stellt und mit weiteren Bildnissen, Zeichnungen und Kostümen ergänzt, freilich auch um Gemälde von Zeitgenossen, die der Schau eine breitere Basis geben. Eine Ausweitung der Dix-Ausstellung auf das Bild der Geliebten im Umfeld der Neuen Sachlichkeit bzw. des expressiven Realismus (Verismus) hätte sicher spannende Seitenblicke ergeben.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Dienstag–Sonntag 10–18
Mittwoch/Freitag 10–21 Uhr

Eintrittspreise
Sammlung inklusive Ausstellung »Otto Dix. Hommage à Martha«
5,-- EURO / ermäßigt 3,50 EURO
Familien: 11,-- EURO

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