Ausstellungsbesprechungen

Pablo Picasso. 'Arkadische Welten. Pablo Picasso und die Kunst des Klassizismus'

Weimar die Stadt der Klassiker. Bisher kamen die Touristen vor allem Goethe und Schiller wegen. Seit dem 6. Juli können die Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen mit einem weiteren personifizierten Weltkulturerbe werben: Pablo Picasso (1881-1973). Bis zum 7. September sind knapp 60 grafische Arbeiten des Andalusiers im Schlossmuseum zu sehen.

Deswegen spricht auch ein jeder von der Picasso-Ausstellung, die erste in Weimar. Rund 200 Menschen besuchen täglich die Schau. Zweifellos ein Erfolg. Und nicht nur die klimatisierten Räume, sondern auch der Name 'Picasso' frohlockt zu einem Rundgang im Schloss. Spätestens dort sollte klar werden, dass die Ausstellung mit dem Titel "Arkadische Welten. Pablo Picasso und die Kunst des Klassizismus" nicht allein dem Künstler der Moderne gewidmet ist. Asmus Jacob Carstens (1754-1798), Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829) und Bonaventura Genelli (1798-1868) sind mit insgesamt rund 60 Werken beteiligt. Als einen der Hauptvertreter des Klassizismus und Picassos Vorbild ist auch Jean- Auguste-Dominique Ingres (1780-1867) mit zehn Zeichnungen vertreten - und unterrepräsentiert.

Eine Figurenstudie, mit Kohle und Kreide auf Papier gebracht, soll verdeutlichen, welchen Einfluss Ingres' Ölgemälde "Türkisches Bad" auf Picasso hatte. 1905 erregte es beim Pariser Salon d'Automne seine Aufmerksamkeit. Wenn der Besucher jedoch nicht zum Katalog greift, wird ihm dieser Bezug kaum klar, es sei denn, er kann sich an das "Türkische Bad" im Musée du Louvre erinnern. Nur dann fällt ihm auf, dass die zwei Säle weiter ausgestellte Zeichnung einer "Badenden" ein zentrales Motiv in eben jenem für Picasso so inspirierenden Gemälde ist. Sei es drum. Der Einfluss des Franzosen Ingres gilt als unbestritten. Deutlich nachvollziehbarer in der Weimarer Schau ist, was den fünf Künstlern gemeinsam war: die Italienreise. Ein Klassizist, der etwas auf sich hielt, begab sich zu seinen antiken Vorbildern. Den Weg nach Griechenland versperrten damals die Türken. Stipendien machten es in einer Zeit, wo die Kunsthochschulen aufblühten, immerhin möglich, die Ruinen und Wandmalereien von Herkulaneum und Pompeji zu studieren. Picasso hingegen begleitete 1917 ein russisches Ballett nach Rom und Neapel, um dort schließlich auf diese Ausgrabungsstätten zu stoßen. Auch er nahm die Gelegenheit wahr, um sich an der Antike zu schulen. Dabei bewegte er sich frei vom antiken Schönheitskanon, fern von akademischen Maßstäben. Betrachtet man die im Weimarer Schloss in die Wand eingelassenen Bilder eines Michelangelo Maestri, wird der Unterschied ersichtlich. Ihnen stehen auf Staffeleien drei Werke Picassos gegenüber. Maestri brav wie ein Lamm der antiken Vorgabe ergeben. Picasso wild wie ein Stier, frei jeglicher überholter Vorstellung von Perspektive und Proportionen. Der Ausstellungsraum, das Gesellschaftszimmer der Maria Pawlowna, hätte zu diesem Zweck nicht besser gewählt sein können.

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Dass die Kuratoren Hermann Mildenberger, Hans Dickel und Uwe Fleckner nicht umher kamen, auf Picassos Liebschaften anzuspielen, liegt wohl am Trend. Bereits zu Beginn des Jahres schenkten zwei Ausstellungen in Chemnitz und in Münster diesem scheinbar sehr populären Thema ihre Aufmerksamkeit. Diesmal lernt der Besucher Marie-Thérese Walter als Modell und Muse Picassos kennen. Auf vier Drucken ist jeweils ein kleines Mädchen zu sehen, welches ihre Gesichtzüge trägt. Sie führt den weitaus größeren und stärkeren, jedoch geblendeten Minotaurus. Das Fabelwesen, halb Mensch, halb Stier war Picassos bevorzugtes Motiv aus der griechischen Mythologie.

Neben der Begeisterung für antike Szenerien teilten die fünf Künstler auch die Sehnsucht nach dem Ort der Glückseligkeit, den Arkadischen Welten. Es handelte sich dabei um eine Art Paradies, gekennzeichnet von (künstlerischer) Freiheit, Philosophie und Erotik. Es war ein Ideal, dem man zur Zeit des Klassizismus am ehesten in Italien nahe kam. Für Carstens, Tischbein und Genelli bedeutete die Reise nach Süden eine Befreiung von den in Deutschland vorherrschenden engen, gesellschaftlichen Verhältnissen. Besonders Asmus Jacob Carstens, der mit den Akademien in Kopenhagen und Berlin gebrochen hatte, zog es nach Rom. Er blieb dort bis zu seinem Lebensende. Auf Veranlassung Carl Ludwig Fernows und Goethes gelangten viele seiner Werke in die Weimarer Sammlung. Sie machen nach denen von Picasso den größten Teil der aktuellen Ausstellung aus. Seine Studien zu "Homer singt den Griechen" lassen auf Carstens' individuelle arkadische Welt schließen: ein Denken und Debattieren in idyllischer Atmosphäre. Ein Ideal, dem man im charmanten Weimar - mit oder ohne Picasso-Ausstellung - durchaus ein Stück näher kommen kann.

 

 

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Öffnungszeiten
Dienstag-Sonntag 10 bis 18 Uhr

Eintritt
5 Euro / ermäßigt 3 Euro