Ausstellungsbesprechungen

Pablo Picasso. Badende

Gibt es noch Facetten des Jahrhundertgenies, Pablo Picasso, die nicht schon hundertfach in den Musentempeln der Welt beleuchtet wurden?

Die Staatsgalerie klatscht werbewirksam in die Hände und ruft stolz „Ja!“ – das ist tatsächlich nicht übertrieben: Wohl ist Picasso schon vielfach mit allen ihn berührenden Kunststilen und Epochen, mit der älteren Kunstgeschichte und der vor ihm liegenden Entwicklung aller möglicher Strömungen, in Verbindung mit den vielen Frauen, die sein Leben kreuzten, und mit thematischen Schwerpunkten wie den Stierkampf oder die Mythologie, und er ist in allen seinen Lebensphasen gründlich beackert worden. Nur hat sich wohl nie jemand dem Badespaß des Meisters gewidmet. Voilà! Und sage keiner, das sei aus der Luft gegriffen. Mit annähernd 150 Arbeiten präsentiert das Stuttgarter Haus in überwältigender Fülle und Qualität das Thema, das Picasso lebenslang in atemberaubender Virtuosität beschäftigte. Ergänzt wird die Schau von 15 Werken von Kollegen, die ihn inspiriert haben: darunter Braque, Cézanne, Derain, Ingres, Matisse, Renoir und andere.

Dass die Ausstellung in Stuttgart auf die Beine gestellt werden konnte, liegt an der akribischen Arbeit der Kuratorin Ina Conzen, die seit 1998 „am Ball“ ist; aber eine Initialzündung dürfte auch die herrliche Skulpturengruppe „Die Badenden“ von 1956 sein, die sich im Besitz der Staatsgalerie befindet. – Da Ausstellungszeit und Urlaubssaison sich (ein Stück weit) überschnitten haben, hat die Staatsgalerie reagiert: Es gibt mehr Raum zur Befriedigung des leiblichen Wohls, einen Shop mit etlichen Artikeln, die den Aspekt des Badespaßes auch wirklich untersteichen sowie ein spannendes Ferienprogramm für Kinder – von der Schatzsuche bis zum Bastelkurs. Der Sommer ist dahin, geblieben ist vorerst Picasso.

Der geniale Künstler umkreist ein Thema, das bereits den Zwölfjährigen Pablo beschäftigt. Zunächst schaut er sich um, wie seine Vorbilder, allen voran Cézanne, damit umgehen und greift deren formale Probleme auf, um sie akribisch zu lösen. Als dabei kaum noch Fragen offen sind, entdeckt Picasso die monumentale, ja skulpturale Dimension des Themas, formal und dann auch inhaltlich. Nun stellt Picasso die Badenden hier in die unermessliche Natur, oder er macht den Badespaß dort zum arkadischen Erlebnis bzw. zum schlichten Familienvergnügen. Von der genussvoll-großen Geste ist nur ein kleiner Schritt zum Überdruss, und so wird Picasso nachdenklicher, zugleich verspielter im Inhalt und hemmungsloser in der Form: Der Surrealismus dringt ins Werk. Dass danach die Badeszenen kurzfristig aus dem Sinn geraten, ist durchaus sinnfällig – die Beschäftigung mit dem Spanischen Bürgerkrieg erlaubt wohl keine Abschweifung zur Sonne, zum Strand. Aber als ahnte er, was kommt, ringen seine „Schwimmerinnen“ von 1932 (ein überraschend monochromes Ölbild) und 1934 (Kohlezeichnung) aus einer noch unbenannten Not heraus nach Luft… .

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Dafür blüht das Bademotiv in fulminanten Chiffren des Lebens im späten Werk wieder auf – das hölzerne Fundstückensemble ist sichtbares Zeichen dafür -, bevor der alte Picasso unter der Sonne Südfrankreichs noch einmal zu einer heiteren Sicht auf das Thema zurückfindet, wieder mit Blick auf alte Kollegen, diesmal auf Manet, in einer Art slow motion. Die Stuttgarter Gruppe der „Badenden“ erhält übrigens eine zusätzliche Tragweite im Oeuvre durch die Vorstufen und die Varianten, die danach auf der Leinwand folgten: Es taucht ein Sprungbrett als wesentliches Element auf, das bei den Holzfiguren fehlt – diese wirken wie eine Gruppe zufällig zusammenstehender „Poseurs“, während das Sprungbrett Assoziationen ans Balancehalten oder die Sorge ums Springen weckt. Hier sind Gedanken eines Mannes von 75 Jahren, der sich die sprühende Phantasie eines Kindes bewahrt, nein: erobert hat. Ein weiterer Höhepunkt ist das berühmte Gemälde „Pansflöte“ von 1923, das das Musée Picasso erstmals nach Deutschland entliehen hat (den Beziehungen der Kuratorin sei Dank!). Und noch ein spannender Seitenpfad tut sich beim Betrachten der Bilder auf – den der Autobiografie: Natürlich lässt gerade der Badespaß, die Begegnung freizügiger Körper vor der Badekabine erotische Freiräume, die Picasso suchte und auslebte.

Offensichtlich hatte die Stuttgarter Picasso-Schau Anlaufschwierigkeiten – die Besucherzahlen lagen im Sommer unterhalb der Erwartungen, dass man schon fragen muss, ob es zu viel Picasso im internationalen Ausstellungskarussell gibt. Zugegeben: Die surrealistischen Bilder des Meisters in Basel sind spektakulär, in den Startlöchern stehen die Ausstellungsmacher in Baden-Baden mit ihrer Präsentation von Picassos Spätwerk, das schon wegen der erotischen Bezüge sein Publikum finden wird und in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, die mit der Ausstellung „Pablo“ den privaten Picasso thematisieren wird. Doch ist die Frage gar nicht so dringlich. So wie niemand Anstoß daran nimmt, dass es alljährlich zig Bücher über Thomas Mann (um nur ein Beispiel zu geben) gibt, Schiller- und Mozartjahre die Kulturheroen allgegenwärtig machen, ist es nur zu verständlich, dass einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhundert vielfach gebrochen im öffentlichen Bewusstsein bleibt; und darüber hinaus hat der vielerorts zu beobachtende Museumstourismus auch seine Grenzen, sprich: nicht jeder wird nach Basel, Baden-Baden und nach Stuttgart fahren können. Das Faszinierende dieser Badenden in Stuttgart liegt darin, dass weniger eine Stilphase als eine Lebenshaltung vorgestellt wird. Es gibt keinen zweiten Künstler, der in einem solchen Thema alle Facetten menschlicher Grundeinstellungen augenfällig macht – von Aspekten der puren Lebensfreude über die Inszenierung von Idol und Fetisch bis hin zum Geschlechterkampf und zur symbolischen Form existenzialistischer Tragweite. Es wird auch weiterhin Picasso-Ausstellungen über die kubistische, klassizistische oder surrealistische, rosa- oder blauphasige, frühe, mittlere oder späte Phase geben, es wird auch weiterhin den Mythologen oder den Frauenverehrer, auch den Maler, Bildhauer, Grafiker oder Kunsthandwerker Picasso geben – das ist gut so.

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Aber es wird kaum mehr eine derart umfangreiche Zurschaustellung eines so leichten wie insgeheim komplexen Themas wie dessen Bade- und Strandbilder zu sehen sein, die ansonsten weltweit gestreut ihr Eigenleben haben und die nun zu einer faszinierenden Tour d’Œuvre einladen.

Die Kunstnacht am 1. Oktober steht unter dem Motto „Badegeste mit Strandguterscheinungen – Treibgut zur Ausstellung“. Es tritt der Komponist Jerry Willingham mit seinem Ensemble Corps Exquis an, um die „Badenden“ in ein Klangbild zu versetzen. Sehr zu empfehlen ist auch der Katalog, der den Bildern großzügig Platz einräumt und sie in den Texten in ihren angemessenen kunsthistorischen Zusammenhang stellen.

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Dienstag–Sonntag 10–20, Donnerstag/Samstag 10–22 Uhr (Staatsgalerie)

Eintritt Staatsgalerie
Erwachsene   10,- EUR / Ermäßigt       8,- EUR

Führungen Staatsgalerie
Dienstag und Freitag 15 und 18 Uhr
Sonntag und Feiertag 12, 15, 15.30 und 18 Uhr
Kinderführung Sonntag 15 Uhr

Führungsannahme dienstags bis freitags 10–16 Uhr, Tel.: (0711) 47040-452/-453, oder über E-Mail: kunstvermittlung@staatsgalerie.de

Audioguide (dt., engl., frz.) ist vorhanden: den deutschen Text spricht der beliebte Synchronsprecher Christian Brückner.