Ausstellungsbesprechungen

Paestum: Malerei für die Ewigkeit. Die Gräber von Paestum.

Das Oktogon des Bucerius Kunst Forums präsentiert sich für ihre Besucher zurzeit als antike Nekropole und gibt einen authentischen Einblick in ein wichtiges Moment der Lebenswelt der Lukaner, der Bewohner von Paestum.

Als Angehörige eines italischen Stamms, der seit etwa 400 v. Chr. am Golf von Salerno siedelte, übernahmen sie die Traditionen der Griechen, die hier bereits seit 600 v. Chr. lebten. Aus dem lukanischen Paistos wurde 273 v. Chr. die römische Kolonie Paestum, von der heute vor allem die drei großen dorischen Tempel zu bewundern sind – europaweit berühmt geworden durch die Stiche Piranesis (1777/78) und die eindrucksvolle Beschreibung Goethes in seiner »Italienischen Reise« (1787). Die Tempel werden in der Schau durch drei barocke Architekturmodelle aus Kork repräsentiert.

Noch wenig bekannt ist, dass in den 1960er Jahren dort auch ein einzigartiger Schatz antiker Freskomalerei entdeckt wurde: 200 reich bemalte Gräber aus dem 4. Jh. v. Chr.. Insgesamt 43 bemalte Grabplatten aus dem Museo Archeologico Nazionale di Paestum werden in Hamburg gezeigt. Die Ausstellung ist schon deshalb eine Sensation, weil diese seltenen wie faszinierenden Beispiele antiker Grabkunst erstmals außerhalb ihres Auffindungsortes zu sehen sind. Die Besonderheit ist aber, dass die aus je vier Einzelplatten bestehenden Steingräber zum ersten Mal seit ihrer Entdeckung wieder zu ihrer ursprünglichen Form zusammengesetzt sind und frei im Raum stehen. Nur so kann sich der inhaltliche Zusammenhang und eigentliche Sinn der Malereien erschließen. Denn im Museo Archeologico di Paestum können die Platten aus statischen Gründen nur einzeln, wie die Bilder einer Pinakothek, an den Wänden angebracht werden.

Der Bestattungsritus der Lukaner lässt sich anhand der Grabplatten, Malereien und Grabbeigaben – und dank des exzellenten Ausstellungskonzeptes des renommierten Gastkurators Bernard Andreae, dem ehemaligen Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom –, gut nachvollziehen: Im Gegensatz zu Familiengräbern wurden Einzelgräber aus religiösen Gründen nicht schon zu Lebzeiten vollständig vorbereitet, nur die mit Stuck überzogenen Platten lagen auf Vorrat bereit. Direkt nach dem Tod musste innerhalb weniger Stunden eine Grube ausgehoben werden – die Hitze erforderte eine meist schnelle Bestattung –, in die man mit Flaschenzügen die tonnenschweren Platten hinabsenkte. Danach stiegen die Maler in das Kastengrab, um die Wände innerhalb kürzester Zeit mit Fresken zu bemalen. In einem Grab kann man sogar am Duktus ablesen, wie der Maler drei Platten sorgfältig bemalt hat, auf der vierten aber offensichtlich zu einem schnellen Schluss kommen musste – vielleicht weil sich der Trauerzug schon näherte.

Die frisch restaurierten Fresken überraschen durch ihre Lebendigkeit und erzählerische Vielfalt sowie durch ihre hohe künstlerische Qualität, für die Andreae eine eigene Ikonografie nachweisen konnte. Die steht sowohl in Beziehung mit der zeitgleich entstandenen Bildwelt der Etrusker als auch mit den überlieferten griechischen Bestattungszeremonien. Es sind impressionistisch anmutende Bilder, die trotz ihrer entstehungsbedingten Flüchtigkeit eine stilistische Entwicklung von grafisch wirkender Umrisszeichnung zur plastischen Malerei erkennen lassen; nicht zuletzt, weil sich drei Gräber demselben Maler zuordnen lassen.

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Die Gräber wurden gleich nach der Bestattung verschlossen und waren nicht für die Nachwelt bestimmt. Die Fresken hatten also eine rein private Funktion und sollten die Verstorbenen auf ihrem Weg ins Jenseits begleiten: eine »Malerei für die Ewigkeit, die man den Toten als Heimstatt wünschte« (Andreae). Diesem Umstand ist natürlich auch zu verdanken, dass die Fresken bis heute erhalten geblieben sind. Sie bieten damit einen seltenen Einblick in die damalige Bildkunst und haben große kunsthistorische Bedeutung – sind doch die griechischen Malereien, die den Künstlern von Paestum als Vorbild dienten, heute weitgehend verloren.

Die Darstellungen bezeugen die private und symbolische Funktion: Oft vorkommende Motive sind Wettkämpfe wie Wagenrennen, Lanzenstechen und Faustkämpfe, die selbst Teil des Trauerzeremoniells waren, aber auch heimkehrende Männer zu Pferde und Frauen, die sie mit einem Willkommenstrunk begrüßen. Außerdem natürlich Szenen aus dem Leben der Verstorbenen, wie die Jagd als Lieblingsbeschäftigung der Ritter, sowie symbolische Darstellungen mit Jenseitsbezug, etwa Fabeltiere wie Sphinx, Greif und Nereiden, die auf Seepferdchen reiten – eine Anspielung auf die Inseln der Seligen.

Während die verstorbenen Männer häufig als siegreiche Kämpfer gefeiert werden, sind in den Frauengräbern die Aufbahrung der Verstorbenen mit den Klagefrauen oder Musikanten und Opferszenen thematisiert. In den Kindergräbern werden die Spiele der Kinder aufgegriffen oder auch das variierende Motiv der Reise ins Jenseits, z.B. in Gestalt einer Wagenfahrt.

Neben dem Bilderschmuck der Gräber ehrten die Lukaner ihre Toten auch durch Grabbeigaben wie kostbare Vasen, Rüstungen und andere Objekte, die einmal mehr die andauernde Verbindung zwischen Lebenden und Toten veranschaulichen. Besonders eindrucksvoll ist etwa die Hochzeitsvase für das unverheiratete Mädchen, das so noch im Jenseits heiraten können sollte, oder die Trinkschale im »Grab des Kinderkarrens«, die einem kleinen Jungen zugedacht war, damit er an den Symposien im Jenseits teilnehmen könne. Die Grabbeigaben werden in den Ausstellungsvitrinen auf Sockeln präsentiert, die nach den Gräbern rekonstruiert sind, sodass die Zugehörigkeit zum jeweiligen Grab auf den ersten Blick zu sehen ist.

Insgesamt entsteht tatsächlich der Eindruck eines Gräberfeldes, das dem Auffindungsort entsprechend nachgestellt wurde. Sogar die Wände nehmen das Blau des italienischen Himmels auf. Man kann nachempfinden, wie die nach 2400 Jahren wieder sichtbaren ausgemalten Gräber den Angehörigen nur in den kurzen Momenten der Begräbniszeremonie vor Augen standen, um dann ihren Blicken für die Ewigkeit entzogen zu werden.

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Der zweite Teil der Ausstellung, konzipiert von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Nina Simone Schepkowski, widmet sich der Rezeption der drei Tempel von Paestum in den bildenden Künsten von 1750–1850. Dafür wird eine Auswahl von 55 Gemälden, Aquarellen, Radierungen und wertvollen Zeichnungen, die Giovanni Battista Piranesi kurz vor seinem Tod in Paestum angefertigt hat, erstmals in Deutschland gezeigt. Das Spektrum reicht von Veduten Antonio Jolis über Gemälde von Jakob Philipp Hackert, Christoph Heinrich Kniep und Hubert Robert bis zu präzisen architektonischen Aufnahmen, die Friedrich Gärtner, Leo von Klenze, Thomas Major oder Saint-Non in ihren Reiseberichten, Stichpublikationen und Traktaten veröffentlichten.

Ermöglicht wurde diese Jubiläumsausstellung – anlässlich des fünften Jahrestages des Bucerius Kunst Forums seit der Eröffnung im Jahr 2002 – in einer einzigartigen Kooperation zwischen der Antikenverwaltung von Salerno, der Direktorin Marina Cipriani vom Museo Archeologico Nazionale di Paestum, Gastkurator Bernard Andreae und der »Zeit«-Stiftung, die ein Restaurierungsprojekt der Grabplatten im Museum von Paestum unterstützt hat. 

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
täglich 11–19 Uhr
Donnerstag 11–21 Uhr

Eintrittspreise
5 € / ermäßigt € 3
Montag: Einheitspreis € 2,50