Ausstellungsbesprechungen

Palazzo Rubens. Der Meister als Architekt, Rubenshaus, Antwerpen, bis 11. Dezember 2011

»Ein Genie in seiner Vielseitigkeit«, so könnte das Motto der aktuellen Ausstellung des Museums Rubenshaus in Antwerpen lauten. Die aufregenden Ausstellung zeigt Peter Paul Rubens nicht als genialen Maler, für den er bekannt ist, sondern als großen Kenner und Liebhaber der Baukunst. Günter Baumann hat sich die Ausstellung für PGK angesehen.

Auch die bekanntesten Künstler haben ihre Geheimnisse, die zwar nicht immer wohlgehütet sind, aber doch kaum die Öffentlichkeit erreichen. Warum dies gerade im Verhältnis zur Architektur auffällt, ist überraschend: Von Giotto, der als Baumeister am Florentiner Dom, bis hin zu Ernst Ludwig Kirchner, dessen Architekturentwürfe zur Zeit in Darmstadt gezeigt werden, reichen die einschlägigen Namen durch die gesamte europäische Kunstgeschichte.

Bei genauer Betrachtung traut man einem Großmeister der Frührenaissance durchaus eine universelle Begabung zu, und Kirchners Vita ist immerhin soweit bekannt, dass man um sein Architekturstudium weiß, während dem er etliche seiner späteren Brücke-Kollegen als Kommilitonen kennenlernte. Dennoch stutzt man bei einem Namen wie Peter Paul Rubens, den man im Grunde gar nicht mit Architektur in Verbindung bringt. Anders als in der Renaissance strebte das barocke Zeitalter eher eine arbeitsteilige Zusammenarbeit der Künstler an, freilich meist mit Blick auf ein Gesamtkunstwerk. Selbst unter den Malern waren Gemeinschaftsproduktionen nicht selten, auch und gerade in der Werkstatt von Rubens, der beispielsweise Jan Brueghel als Blumen- und Stilllebenmaler oder Frans Snyders für seine Gemälde beschäftigte.

Aber Rubens als Architekt? Dieser bislang unbeachteten Facette widmet sich das Rubenshaus in Antwerpen, die das Fragezeichen gleich am Eingang überflüssig macht: Das Haus, in dem der Maler wohnte und arbeitete, wurde nach Entwürfen von Rubens höchstselbst erweitert. Das alte Haus, das Rubens 1610 erworben hatte, erhielt erst durch diese Eingriffe und Zusätze – etwa des aufwändig-repräsentativen Torbaus oder des Gartenpavillons – seinen Palazzo-Charme, der einmal mehr das Vorbild der italienischen Architektur nach Flandern brachte. Studieren konnte er sie vor Ort, von 1600 bis 1608 in Italien, bevor in seine Heimat zurückkehrte.

Die Historien- und religiösen Bilder des Flamen lassen überhaupt ein großes Interesse an Architektur erkennen, die in der Darstellung formal an Bauten der Spätrenaissance (Michelangelo, Giulio Romano u.a.) erinnern. Auch die einschlägigen Architekturtheorien der Zeit kannte Rubens wohl, zumindest hatte er etliche Folianten aus diesem Genre im eigenen Bücherschrank stehen. Unter den über 50 Exponaten der Antwerpener Ausstellung unterstützen auch sie die Rubens-Ausstellung, die freilich den Maler noch lange nicht zum Architekten umtopfen kann oder will. Man wird daher nicht gerade die Architekturgeschichte umschreiben müssen, doch neben den sekundären Bezügen über die Malerei und eine enorme, zumindest theoretische Anteilnahme an der Baukunst kann noch die Sint-Carolus Borromeuskerk an die Seite des Palazzo Rubens gestellt werden, die als »Rubenskirche« in die Geschichte einging. Die Fassade und die Turmbekrönung dieser Jesuitenkirche tragen Signaturen, wenn nicht die Handschrift von Rubens, wenngleich der größere Part der Planung in den Händen von Pieter Huyssens lag. Rubens’ Ziel war wie bei seinem Palazzo weniger die Ausformung eines flämischen Stils als Lob und Preis für den italienischen Barock. Die Veröffentlichung seines einzigen Baugeschichtsbuchs »Palazzi di Genova« ist Ausdruck der Bewunderung.

Als Rubens 1640 starb, lebte seine zweite Frau Helene Fourment einige Jahre in dem nachmals so benannten Palazzo Rubens (oder Rubenshaus), bis sie es ab 1648 vermietete. Nachdem die Erben das Anwesen 1660 verkauft hatten, geriet es in Vergessenheit, nicht ohne dass es verschiedentlich umgebaut wurde. 1946 als Museum wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, zog es zwar die Rubens-Verehrer an, aber den Architekten in ihm nahm man wohl kaum noch wahr. Mittlerweile entstand als Erweiterungsbau ein moderner Pavillon von Stéphane Beel, der auch die Augen der Architektenwieder auf den Bau lenkte. Dass die Schau raumfüllend ausgerichtet werden konnte, bedurfte es jedoch etlicher Leihgaben aus London, St. Petersburg u.a. – sie waren zum Teil noch nie in Antwerpen ausgestellt. Neben diesen Begegnungen trifft man in Antwerpen auf reichlich viel Spuren, die der Maler hinterlassen hat, sodass sich der kleine Ausschnitt aus dessen Werk zum großartigen Bild des Schaffens fügt. Zur Ausstellung ist ein englisch- und ein französischsprachiger Katalog erschienen.