Ausstellungsbesprechungen

Parallelausstellung in der galerie m beck in Homburg/Schwarzenacker, bis 9. Dezember 2009

Die galerie m beck präsentiert in einer groß angelegten Ausstellung die Arbeiten Kiddy Citnys, Max Ivanovs und Georgianna Krallis. Mathias Beck und Verena Paul führen mit ihren Eröffnungsreden (die wir in Auszügen veröffentlichen) in das Werk der Künstler ein.

Verena Paul über Kiddy Citny

Es ist „die Schönheit […], durch welche man zu der Freyheit wandert“, so Friedrich Schiller in seiner „Ästhetischen Erziehung“. Er glaubte also, die Gesellschaft auf der Basis von Kunst versöhnen und einen zu können. Seither sind über 200 Jahre verstrichen, in denen Schillers Autonomieästhetik immer wieder aufgegriffen wurde, letztlich aber im Bereich der Utopie verblieb. Heute kann nicht mehr, wie Peter Rühmkorf es formuliert, „zwischen Himmelsplankton und Erdenstoff“ unterschieden werden, d.h. Künstler sind bestrebt, sowohl ästhetisch als auch politisch wirksam zu arbeiten. „1984 malten wir Bilder auf die Mauer, um sie wegzubekommen“, so Thierry Noir. „Heute sind unsere Bilder dazu da, die letzten Reste der Mauer zu erhalten.“ Auf der Mauer, deren Fall vor genau 20 Jahren zum Symbol der Einheit Deutschlands wurde, hatte sich auch Kiddy Citny, einer der bedeutendsten Mauermaler der Westseite, verewigt und dem „antifaschistischen Schutzwall“ mit leuchtenden Farben und fröhlichen, zugleich aber auch Probleme reflektierenden Darstellungen die Stirn geboten.
In seinen Arbeiten saugt der Künstler unseren profanen Alltag auf und verwandelt ihn in ein lebenssattes, farbenprächtiges Märchen, dessen zentrale Motive die Herzgesichter, die gekrönten Häupter oder die umarmte Weltkugel bilden, die „immer aktuell ist“: „Sie soll“, so Citny, „die Menschen daran erinnern, die Welt zu pflegen.“ Dann ist da noch das Sujet Frauen, diese märchenhaften Wesen, die entweder in der feenhaften Art Amélie Poulains verträumt und irgendwie nicht ganz von dieser Welt zu sein scheinen, oder die kleinen frechen Nixen, die sich leidenschaftlich in Farbfluten stürzen. Und so räkelt sich ein roter Frauenleib vor einem strahlend blauen Grund, träumt sich ein Zwillingspaar mit geschlossenen Lidern und einem sehnsüchtigen Lächeln auf den Lippen in eine Sphäre unendlichen Glücks. Eine andere weibliche Gestalt löst sich dagegen in ihrer Körperlichkeit auf und verschmilzt mit dem dynamischen Farbspiel des Bildgrundes.
Die märchenhaften Szenen der Werke Kiddy Citnys entspringen also einem phantastischen Kern, sind aber zugleich in unserer Alltagswelt verwurzelt, was nicht zuletzt durch die Einbindung von Sprachelementen hervorgerufen wird, die in vielen Werken die Figuren umschlingen. „[D]ie richtigen Märchen [sind] in der wirklichen Welt“, so sei noch einmal Peter Rühmkorf zitiert, „gar nicht aufzuhalten […]. Wo man ihnen die Luft abzuschneiden versucht, bahnen sie sich ihren eigenen unberechenbaren Weg zu den Herzen der Menschen. Wo man sie ihrer Dichter und Erfinder beraubt, spinnen andere unversehens an den abgerissenen Hoffnungsfäden weiter.“ Angetrieben von der Sehnsucht nach Liebe, einer von Zuversicht getragenen Zukunft und einem optimistischen Glauben spinnt auch Kiddy Citny jene „Hoffnungsfäden“ in seinem künstlerischen Schaffen weiter, so dass wir am Ende das Schicksal der Welt aus dem Blütenkelch der blauen, der romantischen Blume lesen können und dergestalt in einen unwirklichen, phantastischen Bereich gelenkt werden.
In einer medial überreizten, schnelllebigen Zeit, die Wünschen und Träumen keinen Platz einräumt, erinnern uns die Arbeiten des Künstlers an die Macht des Wunderbaren. Allerdings stehlen sich diese poetischen Farbklangkörper nicht am Leben vorbei, sondern geben Kraft und schenken Zuversicht in einer tristen, wirtschaftlich wenig rosigen Alltagswelt, nicht zuletzt durch Citnys direkte Aufforderungen in seinen Bildern: „feel fine“, „courage“ oder „L’armour toujours“. (..)

Fortsetzung von Seite 1

Mathias Beck, Galerist, über Georgianna Kralli und Max Ivanov

Georgianna Kralli ist in der Hauptsache Bildhauerin, und fertigt – wie der Prospekt zeigt – in ganz Europa Großplastiken aus Metall. Glas kam vor knapp zwei Jahren hinzu, und wir haben 2008 ganz still und heimlich ein paar Glasarbeiten, die sie uns schon geschickt hatte, anlässlich der Ausstellungen zu Schwedentag oben versteckt, so dass man sie entdecken konnte, sie sich aber nicht präsentierten.
Die Malerei Georgianna Krallis ist geprägt durch die Ausbildung in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, nämlich durch einen auch illustrierenden Zeichenstrich, der konturiert und betont, und bei der die Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher politischer Begebenheit gesucht wird. Witzigerweise hat sich gerade in der gegenteiligen Auffassung dieser dem Realismus zugeneigten Stile – eines Sigmar Pohlke, Gerhard Richters, aber auch Wunderlichs und Bruno Brunis etc. – der neue deutsche Expressionismus, die Neuen Wilden aufgemacht, Schluss zu machen mit dieser politisch-gesellschaftlichen müden Ernsthaftigkeit, um wieder mehr Sinnlichkeit an den Intellekt zu bringen – sozusagen Fleisch an den Knochen. Und da kommt ja Kiddy Citny ganz unverkennbar her.
Georgianna ist natürlich nicht darin verhaftet geblieben, nutzt ihr handwerkliches Können, um z.B. ihrerseits ein bisschen ironisch und leise abfällig mit den klassischen Stilen des 20. Jahrhunderts zu spielen, mit Anklängen an Picasso, die sie dann durch Zerteilung eines Motives unterläuft. Und die mehr mit Illustrationstechniken gearbeiteten Bilder zeigen immer auch harsche Gegenstandslosigkeit – reine geometrisch zugeschnittenen Flächen. Ich selbst bin geradezu verliebt in die Glasarbeiten, und diese allein auszustellen, war mein ursprünglicher Vorschlag. Georgianna überzeugte mich, dass Sie als Publikum einen besseren Eindruck von ihr als Künstlerin und der Vielfalt ihrer künstlerischen Interessen erhalten, wenn man Glas und Malerei in einem Raum kombiniert. Beim nächsten Mal werden wir eine ebenso schöne, wenn nicht zugespitztere Bildhauerausstellung von Georgianna zeigen.

Fortsetzung von Seite 2

Max Ivanov interessiert sich für Hände und Gesten. Und er interessiert sich in diesem Zusammenhang für Zeichnungen, die er mit weißer Acrylfarbe auf Folien legt, und zwar über mehrere Ebenen. Eigentlich sind die Motive aus Entfernung recht einfach zu erfassen, weil die zu vorderste Folie alle anderen verdrängt. Nähert man sich allerdings, beginnt eine Art Vexierspiel oder Rätsel. Man ist selbst aufgefordert, seine eigene Bildebene herauszusuchen und zu definieren. Als Inszenierung von Ausstellung ist ersichtlich, dass wir ihn sozusagen als Klimascheide zwischen die offensiven und starkfarbigen in den Raum drängenden Kiddy Citny und die Raum verdrängende Georgianna Kralli platziert haben. So haben Sie zwischen Aufruhr und Aufruhr Zeit zum Innehalten. Der Schweizer Kulturhistoriker Jako Christoph Burckhardt schrieb: „Kontemplation ist nicht nur ein Recht und eine Pflicht, sondern zugleich ein hohes Bedürfnis; sie ist unsere Freiheit mitten im Bewußtsein der enormen allgemeinen Gebundenheit und des Stromes der Notwendigkeiten.“ Und Konzentration zu Kontemplation (das Sich Versenken in eine einzige Sache) fordert Max Ivanov heraus, sucht es in seinen Zeichnungen zu erzeugen. [...]