Ausstellungsbesprechungen

Parastou Forouhar – He kills me, he kills me not, Städtische Galerie Neunkirchen, bis 1. September 2013

Die Städtische Galerie Neunkirchen präsentiert in der Schau die zwischen inhaltlicher Schärfe und ästhetischer Leichtigkeit pendelnden Arbeiten der iranischen Konzeptkünstlerin Parastou Forouhar. Verena Paul hat die Ausstellung besucht.

»Sie ist eine vielschichtige, mutige, unbeugsame Künstlerin, die ihre Themen mit unverkennbarer Handschrift durch wechselnde Medien dekliniert«, schreibt Shulamit Bruckstein Çoruh in dem die Ausstellung begleitenden Katalog. Und in der Tat drückt Parastou Forouhar ihren Foto-Arbeiten, digitalen Zeichnungen, Rauminstallationen, Animationen, Schrifträumen, Textilarbeiten oder Daumenkinos einen markanten, vigilanten Stempel auf.

Paradigmatisch ist dies in dem Digitaldruck »Schandfahne« zu beobachten, der im Erdgeschoss wirkungsvoll in einer Nische präsentiert ist. Hier stellt Forouhar den Mann (in Rot-Schwarz) als aggressiven Täter und die Frau (in Grün-Weiß) als ängstliches Opfer einander entgegen. Obwohl wir zunächst nur der ästhetischen Ordnungsmuster des Werkes gewahr werden, durchbrechen die erniedrigenden, brutalen Handlungen sowie die hilflosen, Schutz heischenden Gebärden der Figuren allmählich die gestalterische Schönheit. Zu guter Letzt verschmelzen die Körper aber wieder mit dem Bildgrund und balancieren die Arbeit aus. Gleiches gilt für die mitten im Raum installierte Animation »Spielmannszüge«, in welcher Gefesselte und Geknebelte in einer Art Lichtkasten ihren zutiefst verstörenden Reigen aufführen. Da verbinden sich unvorstellbare Grausamkeiten mit spielerischen Bewegungen, wobei Letztere dem Unaussprechlichen überhaupt erst Ausdruck verleihen können.

Besonders spannend in diesem Teil der Ausstellung ist das heftige Aufeinanderprallen der gesichtslosen, stark entindividualisierten Gestalten mit den arabischen Schriftzeichen, die Forouhar über Boden und Wände wie einen Windhauch streifen lässt. Es scheint die Kraft der Sprache, die Eigendynamik einer bezaubernden, märchenhaft entrückten Schrift, die die Künstlerin Folter und Gewaltexzessen entgegenhalten möchte. Denn, so erklärt sie, »[f]ür mich war die Schrift meiner Muttersprache dazu da, ihre verführerische und verwirrende Existenz vorzuführen. Ihre Zeichen sind mit Liebe aneinandergereiht. Sie verwandeln sich in Ornamente, in denen die Erinnerung an die Bedeutungen der Worte nur durchschimmern.«

Auch in der ersten Etage werden die BesucherInnen mit den Gegensätzen konfrontiert, etwa bei den beiden mit »Revolver« betitelten schwarz-weißen Digitalzeichnungen, die in Positiv- und Negativform zwei mit den Mündungen aufeinander zielende Revolver zeigen. Erschütternd ist jedoch weniger die provokante, spannungsgeladene Präsentation als vielmehr die aus menschlichen Leibern geformten Waffen. Hinzu kommt, dass die Kleidung – und das scheint der Circulus Vitiosus zu sein – kleine Handschusswaffen zieren. Es ist eine Endlosschleife von Gewaltkaskaden, von menschlicher Atrozität, die Parastou Forouhar ohne jegliche Larmoyanz, dafür aber in einer sensationellen Bildsprache umsetzt.

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Auch die in unmittelbarer Nachbarschaft gehängten digitalen Zeichnungen mit großen Schmetterlingsmotiven ziehen uns bei genauer Betrachtung den Boden unter den Füßen weg. Während die Flügel sich sanft und grazil ausbreiten, wirken die eingeprägten Muster, die von Todesangst, Sterben und Tod künden, brutal: Gebeugte Frauen, die die Hände schützend über das Haupt legen sowie im Fadenkreuz stehende oder bereits erschlaffte Körper zeichnen ein Bild unermesslichen Schmerzes. Wohl in keiner anderen Werkserie scheinen wir der Künstlerin so nah zu kommen, zumal Forouhar sie ganz bewusst in den Kontext des 22. November 1998 stellt – jenem Tag, an dem ihre Eltern bestialisch vom iranischen Geheimdienst ermordet wurden. Es ist für die BetrachterInnen daher ein besonderer Schritt zu den auf einer Stele dargebotenen vier Daumenkinos, deren Statisten Täter und Opfer zeigen. Ob wir wollen oder nicht, indem wir die Seiten mit dem Daumen an uns vorbeisurren lassen und die Geschichten verfolgen, werden wir in das Geschehen involviert. Wir wohnen einer Hinrichtung nicht nur bei – nein: Wir werden gewissermaßen zu Vollstreckern…

Wenn wir in den nächsten Raum schlüpfen, stechen zuvorderst die auf einem länglichen Podest drapierten Stoffmuster ins Auge, die für die Serie »Farbe meines Namens« Inspirationsquelle waren. Dort spielt Forouhar mit den ihr gesamtes Œuvre bestimmenden Farben der iranischen Flagge (grün, weiß und rot) und den Halt verheißenden Strukturen, in die sie geknebelte Leiber integriert. Allerdings wird das Chaos sehr schnell deutlich, da jene anonymisierten Figuren uns ob ihrer Qual förmlich entgegen schreien. Forciert wird dieses grenzenlose Leiden durch die Ornamente in Form von Waffen respektive männlichen Genitalien, die das totalitäre, Menschen und besonders Frauen verachtende iranische Staatssystem verkörpern.

Im Obergeschoss schließlich findet der »Countdown« im wahrsten Sinne des Wortes statt, ist dies doch zugleich der Titel der aus sieben farbenfrohen Sitzkissen bestehenden Rauminstallation. Neben den orientalischen Mustern und der Leuchtkraft der Farben wirken bei jenen Arbeiten die patchworkartig eingefügten Schriftzüge wie bedrohliche Fremdkörper. Die unterschwellige Drohgebärde artikuliert sich des Weiteren in den Würfeln mit Schachbrettern, auf denen das ›königliche Spiel‹ zum Spiel um Leben und Tod umgedeutet wird. Erstaunlich, dass Parastou Forouhar gerade in jenem Ausstellungsbereich die gefährliche Gratwanderung zwischen Abgründigkeit und ironischer Leichtigkeit gelingt. Es gehen nämlich, wie Bruckstein Ҫoruh erklärt, »Momente tödlicher Gewalt […] ein schillerndes Spiel mit dem Schleier ein. Humor, Ironie, Parodie und Täuschung gehören zu ihrer [Forouhars] Methode: Männer-Glatzen statt Kopftuch-Frauen«. Die Werkreihe »Blind Spot«, welche die von Kopftüchern umhüllten Frauengesichter durch eben jene Männer-Glatzen ersetzt, dokumentiert den hohen Anspruch Forouhars an Kunst, die nicht nur politisch oder schön, ernst oder heiter sein soll. Ganz im Gegenteil: Qualitativ hochwertige Kunst hat die Widersprüche auszuhalten und soll in ihrer Vielschichtigkeit sowohl politischer, kritischer Mahner sein als auch die subtile poetische Schönheit zelebrieren.

Fazit: »Parastou Forouhar ist eine Meisterin der Trauer«, notiert Bruckstein Ҫoruh, und trifft damit absolut ins Schwarze: Die von schwindelerregender Ästhetik getragene Kunst Forouhars macht betroffen, gerade dann, wenn wir den sich langsam aus fröhlich anmutenden Ornamenten herausschälenden Inhalt zu begreifen beginnen. Sehr behutsam hat sich die Städtische Galerie Neunkirchen des schonungslos offenen, verstörenden und zugleich formal ästhetischen Werkes Parastou Forouhars angenommen und ihm Raum zur freien Entfaltung gegeben. Mit »He kills me, he kills me not« überzeugt das Ausstellungshaus insofern mit einer fulminanten Präsentation, die ihresgleichen sucht!