Ausstellungsbesprechungen

Paul Bonatz 1877–1956. Leben und Bauen zwischen Neckar und Bosporus, Kunsthalle Tübingen, bis 22. Mai 2011

Paul Bonatz ist einer der einflussreichsten deutschen Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als Schüler, Assistent und schließlich Nachfolger des Stuttgarter Professors und Urvaters der Moderne, Theodor Fischer, stand er schon vor dem Ersten Weltkrieg in der ersten Reihe der Reformer. Günter Baumann hat sich mit dem Hauptvertreter der »Stuttgarter Schule« beschäftigt.

Über ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod ist der Architekt Paul Bonatz bekannter denn je. Wer je nach Stuttgart pilgerte, um Architekturgeschichte zu erleben, besuchte die nahezu einzigartige Weißenhofsiedlung; wer sich noch etwas mehr Zeit nahm, erklomm eine andere Höhe, um den Fernsehturm als einen der schönsten seiner Gattung zu besteigen – dass der von Bonatz errichtete Bahnhof ins Besucherprogramm integriert werden könnte, hätte vor wenigen Jahren kaum jemand vorausgesagt. Nun ist er zum Politikum im milliardenschweren Projekt »Stuttgart 21« geworden, über das inzwischen ein Ministerpräsident gestolpert ist, der – wie schon sein Vorgänger – den Bahnhof zur Ruine verkommen lassen wollte.

Als das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt 2003 eine Ausstellung zum Werk des Architekten Paul Bonatz plante, rangierte dessen Hauptwerk, der Stuttgarter Hauptbahnhof, in der öffentlichen Wahrnehmung etwa auf derselben Stufe wie die Tübinger Universitätsbibliothek oder das Basler Kunstmuseum – namenlose Durchlaufstationen des Alltags. Die retrospektive Schau, die nun in Tübingen zu sehen ist, sollte den Schöpfer dieser Bauten bekannter machen – dass Bonatz das im Jahr 2011 gar nicht mehr nötig hatte, würde niemanden mehr überraschen als den Architekten selbst: Im Rahmen von »Stuttgart 21«, eine der größten zu erwartenden, eine der teuersten und daher auch eine der umstrittensten Baustellen in Europa, die den Stuttgarter Bahnhof unter die Erde verlegen und die Anbindung zwischen Paris und Budapest perfektionieren soll, wurde der monumentale Prachtbau in Frage gestellt: Prompt avancierte der Bahnhof aus den 1920er Jahren in Fachkreisen einmal zum potentiellen Weltkulturerbe, ein anderes Mal geriet er zum entbehrlichen Vorläuferbau der Naziarchitektur. Zwischen Utopie und Fehlurteil meldete sich auch die schwäbische Volksseele zu Wort, spätestens als die Abrissbirne einen Teil des denkmalgeschützten Bahnhofs zerlegte, begannen die Stuttgarter, ihn als Wahrzeichen zu lieben oder ihn vollends abzuschreiben.

Nachdem das Meisterwerk von Bonatz die Landtagswahl in Baden-Württemberg indirekt mitbestimmt hat, dürften noch mehr Besucher nach Tübingen als nach Frankfurt pilgern, wo man sich ein Bild vom Schaffen des genialen Schülers von Theodor Fischer machen kann. Bonatz’ Attacken gegen die Bauhaus-Moderne und sein Mitläufertum im Dritten Reich haben das Werk in ein schlechtes Licht getaucht – dass beides in der Tradition eines Neoklassizismus stand, war den Kritikern einerlei. Darüber hat man jedoch auch den vielseitigen Initiator der Stuttgarter Schule und einen wichtigen Vertreter der Frühmoderne in der Architekturgeschichte übersehen. Das ließ sich in Frankfurt und es lässt sich in der Folge nun in Tübingen korrigieren. Denn selbstverständlich ist der Bahnhof allenfalls ein Meilenstein im Werdegang des Architekten, der ein unglaublich spannendes Werk hinterließ. Wer die Neckarstaustufe im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt (1927 ff.) ins Visier nimmt, wird sich die Augen reiben über die neusachliche Nähe zu einzelnen Bauten der Weißenhofsiedlung.

In Düsseldorf entwarf Bonatz bereits in den frühen 1920er Jahren eines der ersten Hochhäuser in Deutschland. Und so wie der Stuttgarter Bahnhof formale Bezüge zur christlichen und im Detail sogar islamischen Sakralarchitektur aufweist (die Halle ist einem Kirchenschiff verwandt, zumal wenn man deren Einfluss auf moderne Kirchenerbauer wie Dominikus Böhm oder Hans Herkomer berücksichtigt, worauf der Ausstellungskurator Wolfgang Voigt hingewiesen hat), so orientierte er sich beim Bau der Sektkellerei Henkell in Wiesbaden an der Schlossarchitektur. Mit der plump gigantomanischen Bauweise der Nazis hatte das nichts zu tun. Teutonisch war bei ihm nichts, auch als er sich dem Regime fügte – wie es auch Kurt Leonhardt oder so manche Bauhausarchitekten taten, die keineswegs alle ins Exil gingen. Ohne diese Phase seines Werks unterschlagen zu wollen oder zu können, es besteht kein Anlass, seine frühe Architektur grundweg als präfaschistisch abzustempeln. Bonatz wurzelte sehr stark in der französischen Bautradition, worauf auch seine Herkunft hinweist: Er wurde im Elsass geboren und wuchs in Lothringen auf. Nebenbei bemerkt hielten die Nazis den Stuttgarter Bahnhof, an dem sich aktuell die Diskussion über den Standpunkt des Architekten entzündete, für »ungermanisch« – ja sie erblödeten sich nicht, ihn als »orientalisch« abzulehnen (und nicht einmal erkannten, dass ein Körnchen Wahrheit darin steckte): ein ironischer Wink jenes Schicksals, das der Bahnhof mit dem Schicksal der als »Araberviertel« verunglimpften Weißenhofsiedlung teilte.

Die Ausstellung lässt nichts aus, und gerade Bonatz’ Ringen um seine Bauaufgaben in ihrer jeweiligen Zeit macht das Werk in seiner ganzen Vielfalt faszinierend. Der absurden Verstiegenheit und dem Größenwahn der Naziarchitektur entzog sich Bonatz 1943, indem er in die Türkei entwich. Dort besann er sich auf seine Bauten aus den 1920er Jahren, zum Beispiel auf den Stuttgarter Hauptbahnhof, um der türkischen Nationalarchitektur neue Impulse zu geben.

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