Ausstellungsbesprechungen

Paul Klee, Tempel, Städte, Paläste

Mit der Ausstellung „Paul Klee. Tempel – Städte – Paläste“ hat sich das Saarlandmuseum einem bislang wenig beachteten Aspekt im Wek Paul Klees gewidmet – der inspirierenden Wirkung von Architektur auf das bildkünstlerische Schaffen.

Bereits 1901 erkannte der 22jährige Klee auf einer Studienreise, die ihn nach Italien führte, die große Wirkungskraft der italienischen Frührenaissance-Paläste, an Hand derer sich ihm der Proportions- und Zahlenkanon erschloss. Gerade durch den Dialog mit dieser durchstrukturierten, ästhetisch sehr anziehenden Architektur offenbarten sich dem jungen Künstler die wesentlichen Grundlagen und Perspektiven seines eigenen Arbeitens. In seinem Tagebuch hielt Paul Klee daher dieses ihn ergreifende und für spätere Arbeiten einflussreiche Ereignis mit den folgenden Worten fest: „In Italien begriff ich das Architektonische – hart bei der abstracten Kunst stand ich da – der bildenden Kunst – heute würde ich sagen, das Konstructive. Nächstes und zugleich fernstes Ziel wird nun sein, architektonische und dichterische Malerei in Einklang oder doch wenigstens in Zusammenhang zu bringen.“ [Paul Klee, Tagebücher 1898-1918]

 

So zieht sich fortan die Architektur – und zwar sowohl motivisch, als auch metaphorisch – wie ein roter Faden durch seine Arbeiten. Dabei wird die Darstellung der Architektur immer wieder neu formuliert: Einflüsse manifestierten sich in der Phase von Klees Auseinandersetzung mit Kubismus und Konstruktivismus, in der Zeit seiner Begegnung mit den utopischen Entwürfen der expressionistischen Architektur und begleiten ihn bis hin zu seiner Lehrtätigkeit am Bauhaus in Weimar und Dessau und in seine letzte Schaffensphase hinein.

 

 

Beim Betreten der stimmungsvollen, in blau gehaltenen Ausstellungsräume wird der Besucher von über 130 Werken, die der Chronologie folgend, einen Zeitraum von beinahe 60 Jahren umfassen, in Empfang genommen. Mit „Kirche, die Uhr mit erfundenen Zahlen“ von 1883/84 begegnen wir der frühsten erhaltenen Architekturdarstellung, die Klee im zarten Alter von vier Jahren fertigte. Bereits in dieser beeindruckenden Bleistiftzeichnung artikuliert sich die später bei Paul Klee zu Tage tretende Zahlenbesessenheit und auch das Motiv des Kirchturms wird in reiferen Kompositionen wieder Verwendung finden. Klee erfasst den massigen Baukörper mit ondulierenden und ungleichmäßigen, ausdrucksstarken Linien, was dem Gebäude Leben einhaucht. Rückblickend kommentierte Klee seine Zeichnung mit den Worten: „Der Sinn meiner ersten Kinderzeichnung ist phantastisch-illustrativ gewesen. An eine Naturvorlage wurde nicht gedacht.“ [Paul Klee, Tagebücher 1898-1918]

 

Beim Weitergehen treffen wir auf naturalistische Studien, auf systematisch verzerrte Zeichnungen und auf farbdurchflutete Werke, deren anziehendes Wesen nur darauf wartet, betrachtet und erschlossen zu werden.

 

Nur wenige Schritte von der kindlichen Zeichnung der Kirche entfernt trifft man auf die Federzeichnung „Bern“ (1910), die das Produkt einer systematischen Verfremdung vor Augen führt. Die Feder, von jeglichen Zwängen der realistischen Wiedergabe gelöst, tanzt in dynamischen Linien über das Papier. In der Vielfalt der Richtungsimpulse, treffen die Linien entweder in geballter Form zusammen oder verlieren sich im Weiß des Blattgrundes. Die urbane Struktur wird in Schemen erfasst und die konkret architektonischen Elemente werden in den sich im Raum verlierenden Formen fortgesetzt, so dass „vibrierende Formenensemble“ [Kathrin Elevers-Švamberk, Ausstellungskatalog] entstehen.

 

Im nächsten Ausstellungsbereich dann begegnet uns die Lithographie „Der Tod für die Idee“, die aus dem Kriegsjahr 1915 stammt. Die Arbeit zeigt einen im unteren Drittel der Zeichnung positionierten, am Boden liegenden Soldaten mit Pickelhaube, über dessen kleiner Gestalt sich ein Konglomerat von geometrischen Formen, die zu einer immens abstrakten Architektur- und Landschaftskomposition verwoben sind, türmt. „Mittler“ zwischen der zentral liegenden Figur und dem grafischen Gebilde aus Treppen, Leitern, Fenstern, Hauswänden, Dächern und Kuppeln bildet ein von Tannen flankierter Bogen. Von diesem Bogen an ist eine Aufwärtsbewegung zu beobachten, die schließlich in den Kuppeln auf der rechten Seite, mit den nach oben weisenden Strichen und in dem Kreuz auf der linken Seite ihren Höhepunkt findet. Neben der rasant in die Höhe strebenden Architektur artikuliert sich ein Ausdehnungsbestreben, wobei ausgehend von der liegenden Figur der Blickwinkel beim Aufwärtswandern der Augen immer weiter nach rechts und links geöffnet wird. Dadurch erfährt die zwei Drittel der Lithografie einnehmende Architekturszenerie eine dominante Position – es ist einfach faszinierend, wie Klee selbst in solch kleinformatigen Arbeiten mit nur wenigen Strichen eine emotional angereicherte Szenerie aufzubauen vermag.

 

 

Nur wenige Schritte weiter begegnet dem Ausstellungsbesucher das anziehende Aquarell „Die Himmels Säule“ aus dem Jahr 1917. Diese Arbeit gehört zu Klees märchenhaften Entwürfen einer der Kriegsgegenwart entrückten Welt, wobei der Künstler Architektur und Kosmos miteinander verknüpft. In dem Werk artikuliert sich eine mystische Allverbundenheit, die gerade in jener Zeit Klees Weltverständnis prägte.

 

Nach einem zeitlichen Sprung in die Bauhausjahre, stehen wir plötzlich ganz anderen Arbeiten gegenüber: geometrisiert und stärker strukturiert begegnet etwa das imposante Ölgemälde „Architektur“ (1923), dessen Bildordnung von einer „konsequent rektanguläre[n] Struktur“ [Kathrin Elevers-Švamberk, Ausstellungskatalog] geprägt ist. Auf der Basis der Quadrierung finden sich Stadt- und Bildarchitektur vereinigt und durch die sanften Farbnuancierungen der gelb und violett gestalteten Kuben, wird eine facettenreiche Architekturvision formuliert. Bei eingehender Betrachtung können sowohl Silhouetten von Baukörpern als auch grundrissartige Formen erahnt werden.

 

 

Geradezu dynamisch und von ungeheurer Vitalität durchdrungen, erscheint die in einem der nachfolgenden Ausstellungsabschnitte präsentierte Arbeit „die Flut schwemmt Städte“ (1927). Zu sehen ist eine sich wellenartig dahinschlängelnde, gespiegelte Stadtansicht. Wir stehen hier vor einem Werk, das der Fantasie Flügel wachsen und Assoziationen zu märchenhaften Wesen und Drachen aufkommen lässt. Es ist bemerkenswert, wie eine solch kleinformatige Arbeit die Augen des Betrachters in seinen Bann ziehen kann, so dass man sich nur schwer von ihr lösen kann.

 

Der Musiker Pierre Boulez formulierte seinen Eindruck von Paul Klee – und dieses Gefühl vermittelt auch die gegenwärtige Ausstellung – mit den Worten: „Er [Klee] spricht niemals über sich, aber er zeigt uns, wie er lernt, und hilft uns, mit ihm zu lernen.“

 

 

Insgesamt ist dem Saarlandmuseum mit „Paul Klee. Tempel – Städte – Paläste“ ein innovativer, vor allem aber herausragender Griff gelungen. Überzeugend ist die Präsentation sowohl durch Strukturierung, Umfang und Auswahl der gezeigten Werke, als auch durch die Ausstellungsräume, die den Werken einen geeigneten und stimmungsvollen Rahmen bieten. Es ist gerade die Darbietung der einzelnen Werke im Saarlandmuseum, in der sich die Liebe zum Detail und das Anliegen artikuliert, dem Besucher ein unvergessliches Erlebnis zu bieten. Ein Besuch dieser großartigen Ausstellung ist also einfach ein Muss!



 

Öffnungszeiten

Di, Do-So 10-18 Uhr

Mi 10-22 Uhr

 

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