Buchrezensionen, Rezensionen

Paul Veyne: Die Kunst der Spätantike. Geschichte eines Stilwandels, Reclam 2010

In seinem schmalen Buch »Die Kunst der Spätantike« schreibt der prominente Historiker Paul Veyne über eine sonst eher stiefmütterlich behandelte Epoche, und er tut es in höchst fesselnder und anregender Weise. Den Gedanken, die spätantike Kunst sei plump und eine bloße Verfallsstufe der antiken, wird man nach der Lektüre ad acta gelegt haben. Unser Autor Stefan Diebitz ist von dem Buch beeindruckt.

Veyne © Cover Reclam
Veyne © Cover Reclam

Die Geschichte der spätantiken Kunst nimmt in dem Buch des renommierten französischen Althistorikers Paul Veyne ganze 170 Seiten ein, wird aber auf mehr als 40 Seiten durch 346 überaus gehaltvolle Anmerkungen ergänzt. Das Thema - der Übergang von der klassischen antiken zur spätantiken Kunst - wird vom Autor in einem energischen und lakonischen, manchmal auch apodiktischen und etwas autoritären Duktus behandelt.

Der erstaunliche Bildungshorizont dieses vielseitig interessierten Autors verlangt aber gleichzeitig nach intellektuellen Ausflügen, die er dann in seinen Anmerkungen unternimmt. Als Beispiel sei ein Absatz auf S.56 herangezogen, in dem er den Wandel des Porträts beschreibt. In den ersten beiden Anmerkungen finden sich eher psychologische Ausdeutungen der abgebildeten Gesichter, in den beiden anderen nimmt er zur Kunst im Ostblock und zu den angeblich eher mäßigen Zukunftschancen besonders hübscher Schauspielerinnen im »Neuen Deutschen Film« der späten 60er Jahre Stellung. Diese Anmerkungen sind nicht etwa bloß geistreich, sondern haben tatsächlich mit dem Thema zu tun.

Veyne sieht zwei große Einschnitte in der Geschichte der antiken Kunst. »Da gibt es zunächst den Stilwandel der Jahre 170-200 (…), damals stand das Imperium mit den Severern vor seiner demographischen, wirtschaftlichen, juristischen und territorialen Blüte. Dennoch ist das 3. Jahrhundert nur eine Zeit des Übergangs. Ein zweiter Stilwandel, deutlich stärker ausgeprägt als der vorherige, tritt am Ende desselben Jahrhunderts, in den 290er Jahren, zutage«. Es versteht sich hier von selbst, dass der Autor vorwiegend von Plastiken und Reliefs auf Grabmälern und Sarkophagen ausgeht, die in Schwarzweiß-Abbildungen von mäßiger, in diesem Fall aber ausreichender Qualität gezeigt werden. Dazu kommen noch Mosaiken, deren Glanz sich der Leser eher denken muss – für sie ist Farbe wesentlich, und so lässt sich ihre Schönheit nicht in Grautönen einfangen.

Der klassischen Kunst spricht Veyne einen fast ägyptischen Konservativismus zu, denn er geht davon aus, dass sie ihren Grundsätzen über mehr als acht Jahrhunderte treu geblieben ist; an einer Stelle spricht er sogar von tausend Jahren, denn er beginnt seine Rechnung mit dem 5. Jahrhundert vor der Zeitenwende. Eigentlich eine irreale Vorstellung, die aber nicht zum eigentlichen Thema des Buches gehört.

Seit dem Severusbogen, der 203 errichtet wurde, setzt sich in der offiziellen römischen Kunst immer mehr eine stereotype und entindividualisierte Darstellung des menschlichen Körpers durch, in der Veyne schon das Mittelalter erkennen will, so dass dieser Entwurf sehr, sehr weit in die Zukunft greift – so weit wie die Klassik in die Vergangenheit. Vor allem aber beharrt der Autor darauf, dass der von ihm »populistisch« genannte Stil, der die Klassik ablöst, dem künstlerischen Willen technisch versierter »Profis« (so Veyne wörtlich) entstammt, nicht etwa auf einen Verfall der Künste zurückzuführen ist.

Der zweite und radikalere Bruch vollzog sich nach Analyse Veynes in der Zeit des Kaisers Diokletian. Von da an – sein Beispiel sind die »Tetrarchen von Venedig«, die wohl die vier Kaiser darstellen sollen und im »Duktus der Barbarenkunst« die Gesetzmäßigkeiten der klassischen Kunst und ihren Zwang zur Nachahmung der Natur hinter sich lassen – von da an galt die anatomische Korrektheit nichts mehr. Mimesis war nicht mehr gefragt. Der Witz des Vorgangs liegt eigentlich darin, dass diese Revolution, welche die Klassik überwand und scheinbar in eine Verrohung der Kunst mündete, von der Spitze des Staates ausging.

Der Epochenwechsel bestand in der Abkehr von Naturalismus und Realismus hin zu einer Kunst, welche die Menschen nur noch willkürlich, nämlich analogisch erfasst (»qua Analogie statt naturgetreu«). Damit, so Veyne, wurde das Mittelalter in der Spätantike geboren.

Widerspruch muss (und soll?) Veynes entschiedene Weigerung provozieren, Kunst als Ausdruck ihrer Zeit zu verstehen. Der schlechte Ruf der spätantiken Kunst sei vorwiegend auf ihre Hässlichkeit zurückzuführen, aber die Epoche, so Veyne, besaß an dieser keinen Anteil, denn »ihre Tragödien spiegelten sich nicht in den künstlerischen Verzerrungen, die sich nur zufällig zur selben Zeit manifestierten«. Wenn ich sage, dass der Autor provozieren will, dann wohl mit solchen wie der folgenden Formulierung, die den heute (und mehr noch vor 30 oder 40 Jahren) gängigen Vorstellungen von der Existenz eines Künstlers und seinen Inspirationen ins Gesicht schlagen:

»Gewiss: Dieser Wandel ist eine Erfindung, eine Schöpfung; er entspringt weder der Geschichte noch der Gesellschaft, er schlüpft nicht wie ein Küken aus dem Ei, sondern wie ein Kaninchen, das der Zauberer – und der Künstler ist ein solcher – aus seinem Hut zieht«. Ist das Genieästhetik? Man könnte glauben, dass der Autor aus purer Lust an Provokation und Polemik ein wenig übertrieben hat, denn an anderer Stelle gibt er unumwunden zu, dass ein Kunstwerk wie die Markussäule die dramatischen Ereignisse ihrer Entstehungszeit widerspiegelt. Würde Veyne seine Ästhetik ausformulieren, ein selbstbewusster und experimentierfreudiger, handwerklich versierter Künstler stünde wohl im Mittelpunkt – kein Genie oder Avantgardist.

Immer wieder und ganz ausführlich noch einmal im vorletzten Kapitel kommt Veyne auf seine Behauptung zurück, der Stil der Kunst habe mit dem Geist der Zeit nichts zu tun, so dass sich bei fortschreitender Lektüre der Eindruck verflüchtigt, der Autor wolle nur provozieren – es ist ihm offensichtlich ernst mit seinen so entschiedenen Formulierungen. Die Epochenwende ist in seiner Darstellung »nichts weiter als ein großer Unfall«, und er tendiert dazu, das Ende der antiken Kunst »auf eher banale Gründe ohne historische oder menschliche Bedeutung zurückzuführen«.

Für Veyne ist der Künstler autonom, und zwar in einem sehr radikalen Sinne. Die Kunst ist nicht, wie er plakativ schreibt, »das Produkt ihrer Zeit, sie ist vor allem ihr Zeitgenosse«.

Die Ikonographie dagegen, worunter Veyne hier die Darstellung des Gesichts und des menschlichen Körpers versteht, ist wohl gesellschaftlich bedingt, so viel gibt der Autor zu; und weil doch das Porträt immer (und so auch in der Spätantike) einen wesentlichen Anteil an der Gesamtproduktion der Kunst hat, gibt er damit vielleicht mehr zu, als er es sich eigentlich vorgenommen hat. Er selbst bietet einige höchst merkwürdige Beispiele, so zum Beispiel das Porträt eines jungen Senators mit einem »Eierkopf«.

Ich finde, dass Veyne beträchtlich hinter sein eigenes Niveau zurückfällt, wenn er gegen »die posthegelianische Mythologie des Zeitgeistes« und dessen »blasses postmarxistisches Substitut« polemisiert: das sollten heute keine Gegner mehr sein. Im Grunde geht es ihm doch nicht um einen Angriff auf einen primitiven Materialismus, der für ihn überhaupt kein Gegner sein kann, sondern es geht ihm um die prinzipielle und wirklich radikale Absage an jede Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Waren Oswald Spengler und Egon Friedell eigentlich auch blasse Marxisten?

Auch dann, wenn man diese Thesen ablehnt, wird man das Buch Seite für Seite mit Genuss lesen, denn man hat den Eindruck, hier habe jemand nicht etwa bloß jahre-, sondern tatsächlich jahrzehntelang geforscht und nachgedacht und gebe nun sein aufs Äußerste verdichtetes Wissen wieder, könne aber jederzeit mit mehr Einzelheiten und Beispielen aus dem Fundus seiner Schubläden oder Bücherregale oder seines Gedächtnisses dienen, falls der Leser immer noch nicht überzeugt ist. Und: Schriftstellerisch ist das Buch großartig, denn der Autor ist ein glänzender Stilist, buchstäblich mit allen rhetorischen Wassern gewaschen; langweilig wird es wirklich nie.