Buchrezensionen

Peter Bernhard (Hrsg.): Bauhausvorträge. Gastredner am Weimarer Bauhaus 1919-1925, Gebr. Mann Verlag 2016

Hans Maria Wingler, Gründer des Bauhaus-Archivs, zunächst in Darmstadt, seit fast einem halben Jahrhundert in Berlin, hat Anfang der 1970er Jahre begonnen, die zwischen 1925 und 1930 erschienenen »bauhausbücher« als Reprint neu herauszugeben. In dieser von ihm begründeten Reihe der »Neuen Bauhausbücher«, die ursprünglich im Florian Kupferberg Verlag in Mainz erschien und inzwischen im Berliner Gebr. Mann Verlag angesiedelt ist, gibt es seit einigen Jahren als »Ableger« die »Neuen Bauhausbücher. Neue Zählung«, als deren Band 4 kürzlich das Buch »Bauhausvorträge. Gastredner am Weimarer Bauhaus 1919-1925« herausgekommen ist. Rainer K. Wick hat es gelesen.

Was allzu oft vergessen wird: Das Bauhaus war eine Schule. Struktur und Organisation der Lehre, Lerninhalte und Lehrverfahren, Didaktik und Methodik waren regelmäßig Thema der Bauhaus-Meisterratssitzungen wie auch Gegenstand der Dauerreflexion einzelner Bauhaus-Lehrer. Das, was summarisch als Bauhaus-Pädagogik bezeichnet werden kann und maßgeblich auf der Umsetzung von Prinzipien der sogenannten Kunstschulreform beruhte, unterlag der permanenten Revision und curricularen Anpassung, auch fanden Änderungen in der Zusammensetzung des Lehrkörpers statt, die Einfluss auf das pädagogische Profil der Schule hatten. Strukturell konstant blieben aber erstens das von Gropius inaugurierte duale System eines künstlerisch-gestalterischen Unterrichts auf der einen Seite (flankiert durch theoretische Lehrveranstaltungen) und einer praktisch-handwerklichen Lehre auf der anderen sowie, zweitens, die Institution des von Itten 1919 eingeführten Vorkurses (Vorlehre, Grundlehre). Dass das Bildungsangebot am Bauhaus durch Gastveranstaltungen prominenter Persönlichkeiten ergänzt wurde, ist bisher wenig bekannt und noch weniger erforscht. Peter Bernhard, der sich mit einer grundlegenden – leider bisher unveröffentlichten – Schrift über die Philosophie am Bauhaus habilitiert hat, ist Herausgeber einer umfangreichen neuen Publikation, die sich dieses Themas annimmt. Von den dreiunddreißig Einzelbeiträgen hat er zwölf selbst verfasst, für die verbleibenden konnte er Autoren gewinnen, die zumeist bestens mit der Bauhaus-Thematik oder mit der Persönlichkeit, die zu einer Gastveranstaltung eingeladen wurde, vertraut sind.

Im Programm des Staatlichen Bauhauses hatte Gropius schon 1919 »allgemein interessante Einzelvorträge aus allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft« angekündigt. Ihr Ziel sollte es sein, die geistigen Fundamente des Bauhauses tiefer zu legen und Studierende, Lehrende und interessierte Weimarer Bürger mit aktuellen Positionen in Literatur, Musik, Tanz, Theater, bildender Kunst sowie Philosophie, Psychologie, Pädagogik und anderen Wissensgebieten bekannt zu machen. Peter Bernhard legt ein chronologisches Gesamtverzeichnis aller Gastveranstaltungen am Bauhaus von 1919 bis 1925 vor, also von der Gründung der Schule bis zu ihrem Exodus aus Weimar, das auch die Reihenfolge der Einzelbeiträge der vorliegenden Publikation vorgibt. Es ist nicht übertrieben, wenn man feststellt, dass sich dieses Verzeichnis zum Teil wie ein Who is Who der Kulturelite der frühen Jahre der Weimarer Republik liest.

An einer Lehranstalt, an der es erklärtermaßen um die Synthese der Künste ging, nimmt es nicht Wunder, dass neben Referenten aus dem Bereich der bildenden Kunst auch zahlreiche Vertreter anderer künstlerischer Gattungen auftraten. Was die Musik anbelangt, so berichtet Martha Ganter auf der Grundlage ihrer Masterarbeit ausführlich über das intensive Musikleben am Staatlichen Bauhaus in Weimar – der umfangreichste Einzelbeitrag dieses mehr als 400 Seiten starken Sammelbandes. Höhepunkte der zahlreichen Musikveranstaltungen waren im August 1923 im Rahmen der »Bauhauswoche« Konzerte mit Stücken der anwesenden Komponisten Hindemith, Busoni, Strawinsky und Krenek. Stark vertreten war am frühen Bauhaus auch die Literatur. Else Lasker-Schüler und Theodor Däubler lasen 1920 aus eigenen Werken (Beiträge von Peter Bernhard, S. 95 ff., und Stefan Nienhaus, S. 131 ff.), und Peter Stasny berichtet über die Schauspielerin Anna Höllering, einer engen Wiener Freundin Johannes Ittens, die ebenfalls 1920 am Bauhaus auftrat und u.a. Texte aus Rilkes »Marienleben« vortrug. Von ihrer weiteren Mitwirkung erwartete Itten »Potenziale des Performativen für die Erziehungsarbeit am Bauhaus« (S. 141 ff.), doch kam eine Berufung nicht zustande.

Auf Anregung Ittens erging 1921 auch die Einladung von Otto Rauth, Vorstand des deutschen Mazdaznan-Bundes, zu einem Vortrag am Bauhaus, dessen konkreter Inhalt allerdings nicht überliefert ist. Dafür gelingt es Ulrich Linse in seinem informativen Beitrag, ein anschauliches Bild der von Johannes Itten und Georg Muche als »Pseudo-Priester« gesteuerten, sektiererischen »Mazdaznan-Gemeinde« am frühen Bauhaus zu zeichnen. (S. 217 ff.) Zielte Mazdaznan auf die Selbsterziehung des Menschen zwecks »rassischer Höherentwicklung« und kamen dabei zum Teil recht obskure Praktiken zum Zuge, die am Bauhaus nicht überall Zustimmung fanden, bewegte sich Gustav Wyneken, Leiter der Freien Schulgemeinde Wickersdorf, auf dem Boden der Reformpädagogik, die sich nach dem Ende des Kaiserreichs mehr und mehr durchzusetzen begann und deren liberale Erziehungsideale von Gropius und anderen Bauhäuslern geteilt wurden. (S. 59 ff.) Ob Wyneken den angekündigten Vortrag »Landschulheim und Jugendbewegung« tatsächlich im März 1920 gehalten hat, kann bisher aber nicht bestätigt werden. Die Beschäftigung mit Erziehungsfragen fand auch im Filmprogramm zur Bauhauswoche im August 1923 ihren Niederschlag. Gezeigt wurden Lehrfilme über schulreformerische Projekte, so »Die Gartenarbeitsschule am Teltow-Kanal in Neukölln« und »Kind und Welt«, die »zur Verdeutlichung des Selbstverständnisses des Bauhauses als einer Reformkunstschule« (Jeanpaul Goergen, S. 290) beitragen sollten.

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Von Anfang an sah sich das Bauhaus massiven Anfeindungen reaktionärer und nationalistischer Kreise ausgesetzt. Gropius, der es souverän verstand, seine Schule öffentlichkeitswirksam in Stellung zu bringen, nutzte das Instrument der Gastvorträge auch, um prominente Persönlichkeiten mit dem Ziel einzuspannen, die junge Lehranstalt gegenüber Angriffen von außen zu verteidigen. Besonderes Gewicht dürfte in diesem Zusammenhang dem aus Weimar stammenden, erst seit dem 1. Januar 1920 als Reichkunstwart bestallten Edwin Redslob zugekommen sein, der in seinem Vortrag Anfang April 1920 zum Thema »Künstlerische Kultur und Öffentlichkeit« eine Philippika gegen die konservativen Kreise Weimars ritt und eine Lanze für das Bauhaus brach, wie Volker Wahl in seinem ausführlichen Beitrag zeigt. (S. 81 ff.) Nur einen Monat später kam der geistvolle Kunstkritiker Adolf Behne, der mit Gropius im Berliner Arbeitsrat für Kunst zusammengearbeitet hatte und dem Bauhaus-Direktor freundschaftlich verbunden war, zu einem Vortrag nach Weimar, der ebenfalls der Verteidigung der ein Jahr zuvor gegründeten Schule dienen sollte, den Erwartungen von Gropius jedoch kaum gerecht wurde. (Magdalena Bushart, S. 121 ff.) Fünf Jahre später war es der Philosoph Carl August Emge, der am 5. März 1925 als konservativer (!) Fürsprecher des Bauhauses auftrat, freilich ohne das auf Betreiben der politischen Rechten nahende Ende der Schule in Weimar aufhalten zu können.

Dass angesichts der Kernaussage des Bauhaus-Manifests von 1919, das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit sei der Bau, und eingedenk der Tatsache, dass Gropius von Hause aus Architekt war, in größerer Zahl Gastvorträge zur Architektur stattfanden, kann nicht überraschen. Den Auftakt machte im März 1920 der Kunsthistoriker Fritz Hoeber, der bereits als Propagandist der Kunstschulreform in Erscheinung getreten war und im Bauhaus die konsequenteste Umsetzung dieser Reformideen sah. In Weimar referierte er über »Die Stellung der Baukunst in der Kultur unserer Zeit« und zog gegen die »unerträgliche Maskerade« der Architektur des Historismus zu Felde und beschwor an deren Stelle den »schöpferischen Formwillen« als Bedingung einer zeitgemäßen Baukunst. (Peter Bernhard, S. 67 ff.) Im Mai 1920 sprach Bruno Taut über seine utopischen Glasarchitekturen (Matthias Schirren, S. 107 ff.), gefolgt im Frühjahr 1922 von einem Vortrag des Gaststudenten Enrique Colás über den Funktionalismus (!) Antoni Gaudís (Joaquín Medina Warmburg, S. 255 ff.). Den Höhepunkt der die Architektur betreffenden Gastvorträge markierte J.J.P. Oud mit seinem Vortrag »Die Entwicklung der modernen Baukunst in Holland« anlässlich der »Bauhauswoche« am 17. August 1923. (Eva von Engelberg-Dǒckal, S. 273 ff.) Hier skizzierte der Rotterdamer Stadtarchitekt die allmähliche Abkehr vom Historismus eines Hubertus Cuypers über Berlage und die sog. Amsterdamer Schule hin zu einer »modernen« Architektur, die maßgeblich von Gestaltungsprinzipien des De Stijl geprägt war und für die er als exemplarische Belege Lichtbilder seiner eigenen, avancierten architektonischen Projekte zeigte. Dass gegen Ende der expressionistischen Gründungsphase des Bauhauses De Stijl einen beträchtlichen Einfluss auf den neuen Kurs der Schule hatte, für den Gropius die griffige Formel »Kunst und Technik – eine neue Einheit« fand, und dass Oud mit der Präsentation seiner Bauten bei den Zuhörern einen nachhaltigen Eindruck machte, ist allgemein bekannt.

Ohne auf sämtliche Beiträge der Publikation »Bauhausvorträge« eingehen zu können, sei nur erwähnt, dass der Kunsthistoriker Wilhelm Worringer Anfang 1921 nicht, wie angesichts der Programmatik des frühen Bauhauses zu erwarten gewesen wäre, über die Gotik referierte, sondern über »Das antike Porträt« (Hardy Happle, S. 187. ff), dass Hans Prinzhorn im Frühjahr 1922 – erwartungsgemäß – über die »Bildnerei der Geisteskranken« sprach (Thomas Röske, S. 237 ff.) und dass, eher überraschend, Kurt Schwitters Anfang 1925 einen Auftritt mit seiner »Märchenlesung« hatte (Isabel Schulz, S. 299 ff.). Eingeladen war auch Adolf Hölzel, der am 1. Mai 1922 in Weimar erwartet wurde, seinen Vortrag aber aus unbekannten Gründen nicht gehalten hat. Es wäre von höchstem Reiz zu wissen, was er als ehemaliger Professor an der Stuttgarter Akademie und Lehrer der Bauhaus-Meister Itten und Schlemmer sowie der Studierenden Ida Kerkovius, Ludwig Hirschfeld-Mack und Vincent Weber seinem Auditorium am Bauhaus zu sagen gehabt hätte. Da kein Redemanuskript überliefert ist, bleibt dem Autor Ulrich Röthke nichts anderes übrig als »Spekulationen über einen nicht gehaltenen Vortrag« (S. 249 ff.) anzustellen und ganz allgemein auf Hölzels Formen-, Kompositions- und Farbenlehre einzugehen – trotz der Sachkenntnis des Verfassers eine der wenigen Enttäuschungen dieser Publikation.

Liest man zwischen den Zeilen, so wartet das Buch unabhängig von seinem eigentlichen Gegenstand, den Gastveranstaltungen, mit einer Fülle von Detailinformationen auf, die erheblich zur Bereicherung des substanziellen Wissens über das Weimarer Bauhaus beitragen. Sparsam im Text platzierte Schwarzweißabbildungen und zwanzig Farbtafeln am Ende des Bandes komplettieren die Publikation. Mit den »Bauhausvorträgen« ist es dem Herausgeber und seinen Mitautoren in fundierter Weise gelungen, eine kaum bekannte Facette der bedeutendsten Reformkunstschule der Zwischenkriegszeit vorzustellen. Insofern handelt es sich um ein überaus verdienstvolles Unterfangen. Widerspruch fordert lediglich die Feststellung Peter Bernhards heraus, dass die »Gastreferenten als der ›zweite Lehrkörper‹ des Bauhauses begriffen werden« können. (S. 13) Das ist eine griffige Formulierung, doch trifft sie den Kern der Sache kaum, denn die zu Gastveranstaltungen ans Bauhaus Eingeladenen haben nie so etwas wie ein Lehrerkollegium, also einen »Lehrkörper«, gebildet, noch standen deren ephemere Auftritte in einem systematischen Zusammenhang zueinander oder hatten gar im Curriculum des Bauhauses einen exakt definierten Ort. Gleichwohl: Die Aussicht auf einen geplanten Fortsetzungsband, in dem die Gastvorträge des Dessauer Bauhauses aufgearbeitet werden sollen, macht schon heute neugierig.