Buchrezensionen

Peter Bubmann, Eckart Liebau (Hrsg.): Die Ästhetik Europas. Ideen und Illusionen, transcript 2016

In Zeiten, in denen bestimmte Gruppierungen von besonderen Werten des christlich-europäischen Abendlandes reden, fragt man sich unwillkürlich, was diese denn nun sind. Ein Teil davon mag auch eine gewisse Ästhetik sein, egal ob in der Bildenden Kunst, im Theater oder in der Musik. Einen Blick auf diese wirft der Sammelband, der sinnigerweise »Ideen und Illusionen« untertitelt ist. Stefanie Handke hat das spannende Buch gelesen.

Genau auf diese »Illusionen« geht denn auch Jörg Zirfas in seinem Aufsatz »Zur Ästhetik Europas. Bilder und Geschichten« ein. Da finden sich die phönizische Königstochter Europa, die von Zeus ver- und entführt wird, das heute vielbemühte Bild des Hauses – spätestens seit der Flüchtlingsdiskussion der letzten zwei Jahre auch das der zu verteidigenden Festung – Europa oder auch die Idee der europäischen Einigung. Doch (auch scheinbar) einigende Momente wir das Christentum als gemeinsame Religion, ein bestimmtes Menschenbild vom arbeitenden und arbeitsamen Menschen diskutiert Zirfas. Besonders spannend sind dabei seine Verweise auf die Rolle des Kontinents (oder Teilen des Kontinents) in der Globalisierung seit der Zeit des Kolonialismus, in der im positiven wie negativen Sinne »europäischer« Geschmack seinen Weg in die Welt fand und damit zu einem gewissen Grad transkulturell wurde. Auch die Abgrenzung zum Orient ist für den Autor ein erheblicher Teil der »europäischen« Ästhetik, ebenso natürlich die Elemente aus Nahem Osten und Asien, die ihren Weg in die europäische Kultur gefunden haben – die mittelalterliche Überlieferung philosophischer und künstlerischer Konzepte der klassischen Antike durch arabische Gelehrte ist dabei nur ein Beispiel. Zirfas zeigt mit seiner Betrachtung, dass allein schon die Begriffsbestimmung einer »europäischen« Ästhetik schwerfallen muss.

Die schon im ersten Aufsatz angedeutete Themenvielfalt setzt sich sodann vor. Leopold Klepacki zeigt die ästhetische Bedeutung der Bildungsreise, die es immerhin ermöglicht die eigene ästhetische Bildung zu erweitern und auch von außen auf die eigene Kultur und Region zu blicken. Dies schärft den Blick für die Selbst- und Fremdwahrnehmung des »Europäers«. Klepacki zeigt auf, dass die vermeintliche Einheit in Kunst, Architektur, Mode usw. eben nicht so einfach zu bestimmen ist und verweist etwa auf die Phänomene der Renaissance, die im Italien des 13. Jahrhunderts bereits stark ausgeprägt waren, aber erst zwei bis drei Jahrhunderte später den größten Teil des europäischen Kontinents erfassten. Bereits hier bestanden also innerhalb der postulierten europäischen Ästhetik große Unterschiede, die ebenso wie die Gemeinsamkeiten dieser erfahrbar sind.

Im »musikwissenschaftlichen« Teil des Sammelbandes darf natürlich die Beschäftigung mit Beethovens Neunter nicht fehlen, deren Idee eines geeinten Europas sich Eckard Roch widmet, während Christoph Richter sich in seinem Beitrag »Europäische Bildung durch Musik« unter anderem der spannenden Frage »Wie klingt Europa?« widmet, und Konrad Klek nachzeichnet wie die zunächst patriotisch beeinflusste Verehrung für den Komponisten Johann Sebastian Bach von den europäischen Nachbarn aufgegriffen wurde. Ebenfalls auf die Exklusivität des Europagedankens gehen André Studt und Clemens Risi in ihren Beiträgen zum »Theater als europäische Anstalt?«, insbesondere Studt verweist dabei aber auf die jeweilige nationale Prägung, die Theaterprogramme und -landschaften aufweisen – man denke nur an die Idee eines Nationaltheaters! Auch Clemens Risi greift diesen Gedanken auf und vertieft ihn anhand der Entwicklung des deutschen Theaters im 18. und 19. Jahrhunderts.

Während heute vor allem die Bilderstürme der IS-Extremisten im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses am Ikonoklasmus stehen, blicken diese Bilderstürmer auf eine lange Geschichte in Christentum, Judentum und Islam zurück. Insbesondere betrachten wir diese Ikonoklasmen negativ, als Zerstörung reichhaltigen Kulturguts. Dies mögen sie sein, doch Ralf Frisch stellt in seinem Aufsatz zu »Islamisch-jüdisch-christlich-abendländischen Bildstörungen« fest, dass sie »Sehgewohnheiten innovativ verändern«, also bereichern können. So kann das eigene Bild durch die Auslöschung der Bilder anderer gestärkt werden oder neue Menschenbilder hervorbringen wie es die Bildkritik der Renaissance und des Humanismus am religiösen Menschenbild taten. Die religiös begründeten Ikonoklasmen der drei großen europäischen Religionen findet ihre »weltliche« Fortsetzung in den künstlerischen Provokationen der Moderne: bei Cézanne, Picasso, den Kubisten, natürlich Malewitsch und so fort bis hin zu Beuys, Rothko und selbst beim Regisseur Stanlex Kubrick in »2001 – A Space Oddyssey«. Zugleich kann in den abstrakten mancher Künstler, etwa Piet Mondrians, eine Fortsetzung des religiösen Bilderverbots gesehen werden, die sich laut Frisch zugleich eng an religiöse Ästhetiken etwa der gotischen Kathedralen anschmiegt. Und so zeigt der Autor auf, dass Bilderverbote in der Geschichte – nicht nur Europas – stets auch neue Ästhetiken befördert haben, die sich in unserer Kunst wiederfinden.

Hans Dickel hingegen untersucht »Die Erfindung Europas in amerikanischen Museen«, die sich immer wieder kunsthistorischen Epochen dieses Kontinents widmen und dort ein ganz bestimmtes Bild dieser europäischen Ästhetik transportieren. Drei Museen zieht er dabei exemplarisch heran: »Venedig in Boston« 1903, »The Cloisters in Manhattan 1938« und schließlich »Herculaneum in Los Angeles« 1974. Dabei griffen die Kuratoren nicht wie es in den meisten europäischen Museen der Fall ist auf gewachsene historische Sammlungen zurück, sondern »konnten allein ihren Geschmacksvorlieben folgen und historische Zusammenhänge ignorieren«. Aus heutiger Sicht kurios mutet dabei Isabella Stewart Gardners Zusammenstellung von Fälschungen, Spolien und Nachbildungen an, jedoch wird es aufgrund seiner Zusammenstellung zu einem Paradebeispiel für interkulturellen Transfer. Ähnlich eklektizistisch ging es bei der Entstehung von The Cloisters zu, um es zu einem »Hyper-Kloster« zu machen, während die Getty-Villa in Los Angeles schließlich dem pompeijanischen Herkulaneum oder eher dessen Rekonstruktionsidee durch die Architekten gewidmet wurde. Dickel zeichnet mit diesen drei Museen eine erstaunliche Rezeption vermeintlicher oder echter europäischer Ästhetik in den USA nach und öffnet so zugleich unseren Blick auf die eigene Kultur.

Daran fügt sich fast nahtlos Gert Schmidts Untersuchung zur Amerikanisierung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg, als Amerikanische Kultur und Gedanken in Europa vermehrt eine Rolle spielten, insbesondere aufgrund der Stationierung amerikanischer Soldaten, die nun Alltag und Straßenbild europäischer Städte veränderten, zugleich aber oft eigene Parallelgesellschaften entwickelten. Insbesondere aber mit einer immer stärkeren Wahrnehmung Amerikas durch Filme, Produkte und das sog. Amerikanische Credo nimmt diese Entwicklung Fahrt auf – selbst die Kritik der Amerikaner fasst hier etwa mit der Hippie-Kultur Fuß, und einhergehend damit wächst freilich der Einfluss Amerikas auf die europäische Ästhetik.

Was bleibt also nach der Lektüre dieses Bandes? Der Leser entwickelt ein Bewusstsein dafür, dass es nun einmal nicht so einfach ist wie es sich die erstarkenden Kräfte eines Nationalismus, eines Eurozentrismus oder einer Abgrenzungskultur einzureden scheinen oder zumindest wünschen: Es gibt nicht »die« eine Ästhetik Europas. Das, was wir als vermeintlich europäisch wahrnehmen, ist einerseits ein Konglomerat aus unterschiedlichen Einflüssen, zugleich birgt es aber zahlreiche regional und kulturell bedingte Ausformungen in Kunst und Kultur, dass es schwierig ist übergreifende Kriterien zu finden. Der Blick von außen ist darüber hinaus noch einmal ein anderer und schafft seine eigene »europäische Ästhetik«, die fast schon europäischer ist als das Original wie es in den drei von Hans Dickel vorgestellten amerikanischen Museen der Fall ist. Ästhetik Europas? Ein weites Feld… Damit leistet das Buch einen wichtigen Beitrag in eine Zeit, in der das politische, oftmals auch das kulturelle Konzept Europa wieder heftig diskutiert wird. Es schärft den Blick für die Problematik dieser Debatte.