Buchrezensionen

Peter Handke: Zeichnungen, München: Schirmer/Mosel 2019

Im Oktober erhielt Peter Handke den Nobelpreis für Literatur 2019. Reisen, Streifzüge und Spaziergänge sind für den österreichischen Schriftsteller eine wichtige Quelle seiner Inspiration. Immer mit dabei: ein Notizbuch, in das er nicht nur schreibt, sondern auch zeichnet. PortalKunstgeschichte hat sich die andere Seite des Literaten genauer angesehen.

 Im Verringerten und Reduzierten liegt eine Magie, der wir uns selten entziehen können. Peter Handkes Zeichnungen aus seinen Notizbüchern sind ein Beispiel dafür. Sie lassen die Betrachter*innen in diffizile, gekritzelte Universen eintauchen, um für einen Augenblick alles um sich herum zu vergessen. 2017 wurden Handkes Zeichnungen erstmals in der Galerie Klaus Gerrit Friese in Berlin ausgestellt, nun erschien ein Katalog bei Schirmer/Mosel mit einem stimmungsvollen Essay von Giorgio Agamben (Übersetzung: Marianne Schneider).

Der italienische Philosoph vergleicht die wundervollen Vignetten des Schriftstellers gar mit japanischen Surimonos. Dabei handelt es sich um Farbholzschnitte, auf denen sich Geschriebenes mit Gemaltem vereint, dargestellt sind meist alltägliche Gegenstände, ebenso wie bei Handke. Sein Blick auf die Welt ist aus der Perspektive des Spaziergängers entwickelt und richtet sich auf Feld- und Waldboden sowie in den Himmel wo sich Schwalben und Fledermäuse versammeln. Gezeichnete Menschen finden sich auf den Blättern des Literaten kaum, dafür: Segelboote, Zypressen, Ameisenhaufen, Igel und immer wieder Pilze.
Solche verkleinerten Gegenstände in Form von Zeichnungen können als Schwelle in eine andere Welt fungieren und sich von den strengen Gesetzen der Wirklichkeit befreien, schlussfolgert Agamben.
Hanke steht damit in einer Linie mit Autoren wie Dostojewski und Kafka, die ebenso
ihre Hefte mit Skizzen und Zeichnungen füllten. Jedoch hat der Nobelpreisträger Handke
für alle seine Motive eine eigene Form der Darstellung gefunden, die in der zeitgenössischen Kunst ohne Vergleich ist. Was sich vordergründig um Kritzeleien handelt, wächst bei näherer Betrachtung über sich hinaus. Ursprünglich von Text umflutet hat der Künstler die Skizzen mit der Schere aus dem Notizbuch herausgeschnitten, den Miniaturen so in den Rang eines selbstständigen Kunstwerkes erhoben. Der Begriff „Zeichnung“ ist für Handkes künstlerische Momentaufnahmen aber ebenso unpassend. Denn: Egal ob skizzenhaft, abstrakt oder realistisch, in den 104 abgedruckten Beispielen verschwimmen die Grenzen zwischen Schrift und Bild kontinuierlich. Wörter – meist in kursiv gehalten – wirken dinglich, bildnerische Gesten wie eine eigene Sprache.

Eine Wechselwirkung zwischen Zeichnung und seinem literarischen Werk wird zwar ausgeschlossen, dennoch: Allein die Tatsache, dass der Autor seine Prosatexte seit den späten 1980er-Jahren mit Bleistift schreibt, beweist, dass der Akt des Handschriftlichen sowohl bei der Entstehung seiner Texte als auch seiner Skizzen eine wichtige Rolle spielt.
Der Titelzusatz „Niemandsbucht“ auf einigen der Zeichnungen steht so vielleicht in einem nachträglichen Bezug zu Handkes Tausend-Seiten-Werk „Mein Jahr in der Niemandsbucht. Ein Märchen aus den neuen Zeiten“ (1994).

Bezogen auf Handkes bildnerische Kunst zieht Giorgio Agamben in seinem einführenden Essay sogar Parallelen zu Paul Klee, da es beiden Künstlern mehr um die Gestaltung als um die Gestalt ging. Generell beinhaltet der Aufsatz des Philosophen spannende kunsthistorische, philosophische und literaturgeschichtliche Verweise in Bezug auf Handkes Zeichnungen und bietet sowohl sprachlich als auch inhaltlich einen stimmungsvollen Einstieg für die Auseinandersetzung mit Handkes bildnerischem Oeuvre und bettet die Skizzen gekonnt in den philosophischen und literarischen Kontext ein. Der anschließende Katalog vereint Handkes Zeichnungen des letzten Jahrzehnts und bildet neben einem ersten Überblick auch einen profunden Ausgangspunkt für die weitere Auseinandersetzung mit Handkes zeichnerischem Oeuvre.

Beim anschließenden Blättern öffnen sich die intellektuell aufgeladenen Kritzeleien und feingliedrigen Stimmungsbildern in all ihrer Pracht: von "Neugeborenen Fröschen, ca. zweifach vergrößert", einem "Apfel von oben, mit Rest der Blüte / Pilzabdruck", bis hin zu einem „Ameisenhaufen“.
Die Einheit von Text und Bild erlaubt eine aufregende Entdeckungsreise durch die Darstellungswelten des Nobelpreisträgers.
Man kann sich in sie versenken und ist immer wieder überrascht, wenn man aus der Betrachtung wieder herausgefunden hat.
Selbst Lesemuffel brauchen keine Angst vor der Lektüre haben: ein Buch des Nobelpreisträgers gelesen zu haben ist hier nicht Pflicht, selbst der einführende Essay zählt nur überschaubaren neun Seiten.