Ausstellungsbesprechungen

Peter Holl - Nähe im Überblick, Galerie der Stadt Backnang, bis 14. August 2011

Der 1971 in Heilbronn geborene Peter Holl ist ein großartiger Aquarellist. Das allein wäre noch keine Auszeichnung – das Genre hat nun nicht gerade den Ruf einer Leittechnik, schlimmer noch: Dem Aquarell haftet etwas von Urlaubsmalerei und Volkshochschule an. Günter Baumann hat sich mit dem Künstler beschäftigt und zeigt die Besonderheit in seiner Kunst.

Holl beherrscht es mit einer fotografisch genauen Gründlichkeit, die sich freilich aus der Nähe betrachtet als Lasurfleckenteppich entpuppt. Was seine Kunst so beeindruckend macht, ist die frappante Darstellung des eigentlich Verunklärten. So deutlich das in der Nah-Fernsicht wird, die der gegenwärtigen figurativ-gegenständlichen Kunst überhaupt eignet, so faszinierend setzt er dies in seinen Regenbildern um. Man wird nicht viele Maler finden, die Regentropfen auf einer Fensterscheibe so inszenieren können, dass sie nicht nur in bestechender Schönheit vor dem Betrachter prangen, sondern dass die fingierte Welt dahinter entweder nur noch durch den Titel (»Junge im Regen«) oder in der Künstlichkeit einer durch das Wasser gereinigten Luft (»Blumen am Fenster«) erkennbar ist. Zuweilen erschließt sich das Bild auch nur dem örtlich vertrauten Blick – viele von Holls Bildern sind im Stuttgarter Umkreis entstanden –, denkt man etwa an das Regenbild »Labi«, das derart verchiffriert den Vorplatz der Stuttgarter Landesbibliothek zeigt. Andrerseits trotzt Holl konkreten Gebäuden wie dem Stuttgarter Hegel-Haus oder dem Le-Corbusier-Haus am Weißenhof eine Allgemeingültigkeit ab, die eine zeitlose Dinglichkeit evoziert.

Peter Holls technische Brillanz ragt übrigens auch durch das Format weit über den ›Hausgebrauch‹ des Aquarells hinaus: Mit Längen- oder Höhenmaßen von einem Meter und zuweilen darüber setzt der Künstler die Messlatte einer Bewertung sehr hoch – man wird lange suchen, um hier ebenbürtige Maler zu finden. Die Beispiele zeigen auch, dass Holl keine Eins-zu-Eins-Übertragungen anstrebt, sondern sinfonisch angelegte Farbenspiele, die sich meisterhaft zu einem vorwiegend städtischen Raum verwandeln. Der getrübte Blick durch regennasse Scheiben sowie die Irritationen durch Lichtreflexe und gespiegelte Brechungen sind gewollt und geben unsere fragwürdig gewordene, mehrdimensionale Wahrnehmung wider. Der Titelbegriff der Ausstellung, »Nähe«, ist dabei doppelbödig, gerade die Unmittelbarkeit erschwert den Blick aufs Ganze; erst der »Überblick« lässt dem Betrachter die Nähe auch wirklich ›näher kommen‹. Auf einen Nenner gebracht: Distanz schafft Nähe: Denkt man an Interieurs wie jenes aus dem Ludwigsburger Schloss, glaubt man selbst darin gewesen zu sein – es ist der Betrachter, der darüber die Distanz verliert.