Ausstellungsbesprechungen

Peter Köcher - silverkissen, Kulturzentrum Saalbau, Homburg, bis 26. Mai 2013

Mit seiner spektakulären Rauminstallation »silverkissen« stellt Peter Köcher einmal mehr unter Beweis, dass er zur ersten Riege der saarländischen Kunstschaffenden gehört. Denn er verfügt wie nur ganz wenige seines Fachs sowohl über die Fähigkeit scharfer Provokation als auch über gedanklichen Tiefgang. Verena Paul hat die Ausstellung besucht.

Beim Betreten des Kulturzentrums Saalbau weht mir eine sanfte, von Melancholie getragene Melodie entgegen: Es ist Jeff Buckleys Interpretation des bekannten Songs »Hallelujah«. Je näher ich dem von Licht durchfluteten Ausstellungsraum komme, umso intensiver erklingt die charismatisch weiche Stimme, die in die Präsentation Peter Köchers wirkungsvoll einführt: »And even though / It all went wrong / I'll stand before the Lord of Song / With nothing on my tongue but Hallelujah«. Ja, in der Tat, da stehen die Ausstellungsbesucher sprachlos an der Pforte zu einem Reich aus silbernen Kissen, weißen Babyköpfen, lebensgroßen Figuren der Köcherschen »Kunstbevölkerung«, großformatigen, farbentrunkenen Arbeiten auf Leinwand, fotografischen ›Realcollagen‹ sowie experimentierwütigen Materialkompositionen in Blau. Keines dieser Werke ist zufällig positioniert, sondern fügt sich formalästhetisch und zugleich nachdenklich stimmend in das Gesamtarrangement ein. Besonders markant ist das Wechselspiel der im Zentrum positionierten Kissen mit ihrer Umgebung.

Ist – so lautet die angriffslustige Frage Köchers – ein reines Gewissen ein sanftes ›silverkissen‹? Oder berührt die 2012 entstandene Werkreihe nicht vielmehr einen wunden Punkt in einer zusehends substanzlos werdenden, markenorientierten Gesellschaft? Es nimmt daher nicht wunder, dass Peter Köcher sich bei den mit Flüssigkeit gefüllten silbernen Kissen einen berühmten geistigen Vater zum Vorbild wählte: Andy Warhol. Der amerikanische Pop Art-Künstler schuf 1966 die sogenannten »Silver Clouds«, die durch Anfüllung mit Helium im Raum schwebten. Die Silberwolken Warhols können – wie auch die Köcherschen Arbeiten – als Metaphern für eine zum Konsumgegenstand degradierte Kunst verstanden werden. Während die »Silver Clouds« aufsteigen und unbeschwert in der Luft tanzen, kippen die »silverkissen« bei Berührung um und schaukeln am Boden hin und her. Trotz ihrer Verspieltheit und Simplizität formulieren beide Serien allerdings eine harsche Kritik an eben jener gedankenlosen Wegwerfgesellschaft, die von der spiegelnden Haut der Objekte eingefangen und rigoros an den Pranger gestellt wird. Dementsprechend bieten Peter Köchers »silverkissen« nur dann ein sanftes Ruhekissen, wenn eine kritische Auseinandersetzung und ein substanzielles Umdenken vorausgegangen sind.

Intensiv reflektieren lässt sich zudem über die Wandobjekte, die den Betrachter magisch anziehen. Ein Blick auf »Kunst der Vergangenheit« genügt, um zu verstehen, wie komplex die Arbeit angelegt ist und wie viel Aussagepotenzial darin verborgen liegt. Die Aufschrift ›KUNST DER VERGANGENHEIT‹, die sich in weißen Lettern über den schwarz-weiß-roten, partiell aufgerissenen Bildgrund erstreckt, wirft essenzielle Fragen auf: Welchen Stellenwert besitzt die Kunst der Vergangenheit? Können Kunstschaffende in der Postmoderne und unter der Last der Tradition überhaupt noch Kunst hervorbringen oder nimmt aktuelle Kunst gar selbstbewusst das Erbe vergangener Epochen in sich auf? Mit diesen Vorüberlegungen wird der Einstieg in eine zerbrechliche, geheimnisvoll tiefgründige Bildwelt ermöglicht, in der weiße Babyköpfe behutsam in ein Netz aus Schnüre gespannt sind – oder gar auf dem Boden Platz finden. Und so kann es bei Unachtsamkeit auch schon mal passieren, dass die Köpfchen – begleitet von einem erschreckend hohlen Klang – umherkullern.

Und was ist mit jenen lebensgroßen Figuren, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu der farbenkräftigen Arbeit »Sorry« befinden? In seinem 2010 begonnen Installationsprojekt »Kunstbevölkerung« zielt Peter Köcher auf eine »Ästhetik der zwischenmenschlichen Beziehungen«. In Korrespondenz mit der leicht aufgerauten Epidermis der Plastiken, die aus medizinischen Mullbinden besteht, rücken zwischenmenschliche, seelische Verletzungen sowie die sich anschließenden Heilungsprozesse ins Zentrum: Den versehrten Leibern soll Schutz und Wärme zuteil werden. Dergestalt verlieren die skulpturalen Arbeiten ihren von vielen Betrachtern wahrgenommenen negativen Impetus, da sowohl die Andockschläuche, die aus Knien, Armstümpfen, Schultern oder Händen heraustreten, als auch die roten Zahlenreihen und Symbole die Entindividualisierung des Menschen nur diagnostisch festhalten, jedoch keine bindende Bewertung vornehmen.

Durch Einprägung von schlichten Codes in der Figurenhaut, die Namen und sonstige individuelle Merkmale obsolet erscheinen lassen, avancieren die klonartigen Gestalten zu neutralen Beobachtern und bilden schließlich einen wichtigen Gradmesser für zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen. Allerdings sind jene Kritik übenden Kunstgestalten auch und vor allem Objekte, die in ihrer körperlichen Präsenz zwischen Schönheit und Schrecklichkeit changieren. Besonders drastisch ist der Kippmoment bei dem in stabiler Seitenlage Liegenden, auf welchen die Besucher bereits im Eingangsbereich treffen. Dominiert zunächst der maskuline Leib, dessen Glieder in einer leichten, tänzerischen Bewegung eingefroren sind, erregt schon bald der Benzinkanister Aufmerksamkeit, auf dem das Haupt der Figur gebettet ist. Er radikalisiert die Situation, beraubt sie ihrer Harmlosigkeit und forciert die gesellschaftskritische Wirkung jener Arbeit.

In den an der Wand spannend platzierten ›Realcollagen‹ dokumentiert der Künstler mit der Fotokamera seine Werke. Obwohl Peter Köcher stets betont, dass die Aufnahmen nicht den Anspruch erheben, ›Kunstfotografien‹ zu sein, besitzen die Ergebnisse dennoch einen hohen ästhetischen Eigenwert. Die im Schlosspark Esterhazy (bei Wien) entstandene Fotoserie – von der für die hiesige Ausstellung sechs Werke ausgewählt wurden – zeigt die Figuren vor einer faszinierenden Landschaftskulisse respektive einem maroden Gebäude, das sich in einem davor befindlichen Gewässer spiegelt. In diesem ›locus amoenus‹ erhalten die Plastiken die Möglichkeit, aus dem spätsommerlichen Gras Energie zu tanken oder sich an Baumstämmen anzuschließen und ihrer Umgebung neues Leben einzuhauchen, was nicht zuletzt in der spannenden Lichtregie der Sonne Unterstützung findet.

Resümee: Mit der im Kulturzentrum Saalbau gezeigten Rauminstallation »silverkissen« – die übrigens eine beeindruckende Fortführung in der Produzentengalerie Köcher in Bexbach findet – beweist Peter Köcher einmal mehr, dass die seinen Händen entsprungenen Werke einerseits große ästhetische, metasinnliche Qualität besitzen und andererseits leidenschaftlich weltenhaltig und schonungslos ehrlich sind. Nach dem Erlebnis dieser großartigen Präsentation stehen wir als Besucher sprachlos im Raum und können Jeff Buckleys Liedzeile nur beipflichten: »With nothing on my tongue but Hallelujah«!