Buchrezensionen

Peter-René Becker/ Christina Wawrzinek (Hg.): Raubgräber – Grabräuber, Nünnerich-Asmus Verlag 2013

Dem Berufsbild des Archäologen haftet immer noch etwas von der Aura eines »Jägers des verlorenen Schatzes« an. Dieses Image wird verstärkt durch Hollywoods Bilderwelten und andere Produkte der kommerziellen Unterhaltungsindustrie, wo sich die Nachfahren von Indiana Jones einer ungebrochenen Beliebtheit erfreuen. Die Sonderausstellung im Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg setzt dagegen auf Aufklärung und legt hierzu eine profunde Begleitschrift vor. Ulrike Schuster hat sich eingelesen.

Ob es sich tatsächlich so verhält, »dass die Arbeitswerkzeuge Peitsche und Schusswaffe heute noch realistischer erscheinen als Schutzanzug und Laserscan«, wie im Klappentext behauptet, sei dahin gestellt. Fest steht jedoch, die Archäologie befindet sich in einem ständigen Wettlauf der Zeit mit dem illegalen Raubgräbertum. Die Raubgräber sind den Forschern fast immer einen Schritt voraus. Hochgerüstet mit Metallsonden, spüren sie Objekte im Erdboden auf und durchwühlen ihn, ohne Rücksicht auf anderweitige geschichtliche Spuren. Oftmals werden sogar reguläre Ausgrabungen heimgesucht und ausgeplündert.

Die Folgen sind verheerend, denn eine wissenschaftlich fundierte Auskunft über die Herkunft oder den Gebrauch der Artefakte bleibt dadurch in vielen Fällen für immer verwehrt. Dem nicht genug, erfreuen sich die Protagonisten der Raubgräber-Szene auch noch eines gewissen Prestiges und werden sogar zuweilen in der bunten Presse als Helden gefeiert, denen eine »große Entdeckung« gelang, wozu die Fachwelt vermeintlich nicht in der Lage war.

Das Dilemma ist wohl bekannt. Allein, wie kann man ihm zu Leibe rücken? Der Katalog zur Sonderausstellung des Landesmuseums Natur und Mensch Oldenburg wirbt um Aufklärung im Kampf gegen illegale Grabungen, indem er Einblicke gibt in die Arbeitsweise der heutigen Archäologie. Hochkarätige Expertinnen und Experten erklären die Notwendigkeit einer exakten Dokumentation eines Fundortes, die es späterhin erlaubt, wissenschaftliche Aussagen zu treffen.

Man erfährt im Aufsatz von Frank Both von der grundlegenden Bedeutung der Bestandaufnahme des jeweiligen Bodenprofils, wo die Erfassung einer Pfostengrube unter Umständen wichtiger ist als ein singuläres Objekt, das zufällig anbei liegt. Bernd Rasink erklärt, warum der Goldhort von Gessel zuerst im Erdblock aus dem Boden geschnitten und anschließend langwierig in Röntgen- und CT-Verfahren untersucht wurde, ehe man zur Freilegung und Restaurierung der ineinander verkeilten Schmuckstücke schritt.

Michael Geschwinde beschreibt das schwierige Arbeitsgebiet der Schlachtfeldarchäologie am Beispiel einer großräumigen Fundstätte am Harzhorn. Dort gelang es den Forschern, unter enormem Zeitaufwand und der Einbindung von ehrenamtlichen Helfern, den Verlauf einer, zwischen 230 und 238 n.Chr. stattgefundenen, Schlacht zu dokumentieren. Wertvolle Hinweise kamen aus den winzigsten Details, wie etwa den eisernen Sandalennägeln der römischen Soldaten, die noch im Erdreich steckten.

Damit wäre zugleich ein weiterer wichtiger Aspekt in der Bodendenkmalpflege angesprochen, nämlich der Beitrag von engagierten, ehrenamtlichen Mitarbeitern. Ihre Arbeit ist für die Wissenschaft unerlässlich, wo es um die Aufnahme eines oberirdischen Befundes, die Meldung von Flurschäden durch illegale Sondengänger oder die Mitwirkung an einer regulären Grabung geht. Dementsprechend wird diese Gruppe der seriösen Laienforscher auch vielfach in der Publikation umworben und auf das Spektrum an Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements, einschließlich der legalen Formen der Schatzsuche, hingewiesen.

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Ausführlich kommen schließlich die Schadensbilder zur Sprache. Das berühmteste Opfer von Raubgrabungen ist zweifelsohne die Himmelsscheibe von Nebra, die bei ihrer unsachgemäßen Bergung überdies noch beschädigt wurde. Doch kennt man in ihrem Fall wenigstens den Fundort. Die Provenienz des Berliner Goldhuts dagegen ist unbekannt, weshalb man auch keine Aussagen über den einstigen Aufbewahrungsort des geheimnisvollen Artefakts treffen kann und seine Rolle beziehungsweise Funktion ein Rätsel bleibt. Die Beiträge von Alfred Reichenberger und Thomas Claus beschäftigen sich eingehend mit dieser Problematik.

Jean-David Desforges und Jean-Jacques Grizeaud werfen einen Blick auf das Sondengänger-Unwesen in Frankreich. Daniel Graepler berichtet über Italiens Kampf gegen Raubgrabungen und Antikenschmuggel. Torsten Mattern schreibt über die schwierige Situation in Griechenland: dort herrscht einerseits ein sehr sorgloser Umgang mit Bodendenkmalen, die einer schleichenden Zerstörung durch Landwirtschaft und Schwarzbauten zum Opfer fallen. Andererseits hat die desolate wirtschaftliche Lage die Problematik der Raubgräberei zusätzlich verschärft.

Doch damit der Aspekt der Unterhaltung nicht ganz zu kurz kommt, widmet sich Ulf Ickerodt in seinem pointierten Aufsatz ausführlich dem Mythos der besagten »Jäger der verlorenen Schätze«. Dazu präsentiert er im Anhang eine attraktive Auswahl von Erwachsenen- und Jungendbüchern, Comics, B-Movies, Filmen und Kinderspielen zum Thema. Erinnert aber auch daran, dass in der Legende den Schurken am Ende stets der Fluch ereilt. Wo der Subtext der Geistergeschichte jedoch nicht wirke, dort möge das Gesetz greifen, so sein Resümee.