Ausstellungsbesprechungen

Peter Schlör - Black & Wide, Städtische Galerie Neunkirchen, bis 9. September 2012

Mit seinen geheimnisvollen verrätselten Schwarz-Weiß-Fotografien bewegt sich Peter Schlör erfolgreich auf internationalem Parkett. Und das verwundert nicht, weiß der Mannheimer Landschaftsfotograf doch den Betrachter auf vielfache Weise zu faszinieren und schließlich zu einer intensiven Auseinander mit dem erzählfreudigen Medium Fotografie zu animieren. Verena Paul hat die Ausstellung für Sie besucht.

Beim Betreten des ersten Ausstellungsraums im Parterre fällt unser Blick unmittelbar auf das große, fast die gesamte Wandlänge einnehmende Querformat »Cumbre Nueva« (2010), das an Ansel Adams’ Aufnahme »Mount McKinley Range« gemahnt. Doch Schlör weiß sich vom Erbe des großen amerikanischen Natur- und Landschaftsfotografen zu lösen, indem er neben kompositioneller Strenge, starken Hell-Dunkel-Kontrasten und surreal anmutender Lichtregie jenen mystisch verrätselten Moment der Naturerscheinung geduldig abwartet. Dieser erlaubt ihm letztlich, neue Wege einzuschlagen und eine bis dato ungehörte Geschichte zu erzählen. »Die Magie ergibt sich für Peter Schlör«, erklärt Gislind Nabakowski in ihrem spannend zu lesenden Katalogbeitrag, »aus dem Geheimnis von Präsenz und Absenz«. Und jenes Wechselspiel artikuliert sich auch in der oben genannten Arbeit, auf der sich eine bewaldete Bergkette erstreckt, deren Gipfel von Schleierwolken partiell verhüllt sind. Im linken Bildteil werden Berge und Bäume vom Sonnenlicht angestrahlt, so dass sich die zarte Palette der Grautöne wirkungsvoll entfalten kann. Dagegen sind die spitz zulaufenden Berge zum rechten Bildrand hin in ein tiefes Schwarz getaucht, das als mächtiger, erdenschwerer Antipode zu den darüber schwebenden, weißen Wolken steht. »Im Schwarz«, erklärt Schlör, »ist alles, es kann Ängste auslösen und faszinieren, es ist ein Assoziationsraum, ein Ort der Sammlung und der Stille.«

Wie spannend sich dieser Assoziationsraum des Schwarz’ gestalten kann, demonstriert auch die im Treppenaufgang geschickt positionierte kleinformatige Fotografie »Bellenkrappen« (2008), die auf den ersten Blick an einen filigranen Scherenschnitt erinnert. Selten habe ich ein derart warmes Schwarz gesehen, in das die floralen Elemente, wie Blattwerk und Äste, getaucht sind. Darüber hinaus trägt das Werk dem Betrachter Rätsel auf, wobei jene Ungewissheit durch Wasserreflexionen gesteigert wird – oder ist es doch der Blick in eine hinter den Baumelementen gelegene, verschwommene Landschaft? Die Situation bleibt in der Schwebe und vielleicht ist es gerade diese offen bleibende Frage, welche die Anziehungskraft der Arbeit ausmacht.

In der ersten Etage wird der Betrachter zunächst von der zauberhaften Aufnahme »Magaña« (2010) in Empfang genommen. Durch einen Schleier dunkler Wolken wird der Blick auf von Sonnenlicht beschienene Wolkenbänke frei gegeben, die dem Gesamtbild Erhabenheit und Ruhe verleihen. Ein weiterer wichtiger Akteur ist das Licht reflektierende, wellenzittrige Meer am unteren Bildrand, das den majestätischen Wolkenzügen eine kraftvolle Bewegung entgegensetzt. Peter Schlör bricht mit Hilfe seines experimentierfreudigen Kameraauges das Pathos an der richtigen Stelle. Ist er einerseits ein aufmerksamer Beobachter des Wandels in der Natur, bekennt er sich andererseits für den Zauber mystisch verrätselter Zeichen, die in diesen Erscheinungen schlummern. In Peter Rühmkorfs Märchen »Auf Wiedersehen in Kenilworth« bringt der Erzähler diese Ambivalenz auf den Punkt, wenn er bekennt, dass er »zu jenen raren Individuen« zählt, »die, vom Heiligen Geist der Aufklärung besessen, nicht eher ruhten, bis sie einen faulen Zauber aufgedeckt und einem Staatsgeheimnis auf den Grund gekommen waren« und dennoch verneigt er sich »vor dem Okkulten« und zeigt sich »den allerletzten Lebensrätseln gegenüber demutsvoll beklommen.«

Im darauffolgenden Ausstellungsraum zieht vor allem die kleine hochformatige Arbeit »El Barrial III« (2011) meine Aufmerksamkeit auf sich. Der untere Bildteil ist von einem tiefen Schwarz geprägt, aus dem heraus eine graue Zone erwächst, in deren Zentrum von Wolken weich gezeichnete und von Sonnenlicht beschienene, spaltenreiche Felsen stehen. Indem nur ein kleiner Wirklichkeitsausschnitt zu sehen ist, wird Mutmaßungen Raum gegeben. Doch es ist genau dieses Spiel von Offenlegung und Verbergen, das den besonderen Reiz dieser Fotografie ausmacht.

Im Obergeschoss mit seinem weißen Gebälk trifft der Betrachter zunächst auf die in einem Objektrahmen dargebotene Arbeit »El Pilar« (2008), in der Peter Schlör die Romantik im Allgemeinen und Caspar David Friedrich im Besonderen würdigt. Während sich hier die Wolken in den Hintergrund zurückziehen, ist die Nadelbaumgruppe im Vordergrund in ein surreales Licht getaucht. Dieser Komposition gelingt es wohl am eindringlichsten, dass ein gläubiger Menschen sich das Wunderbare der Schöpfung Gottes nicht nur vergegenwärtigen, sondern darin auch eine (wie der Titel andeutet) Stütze finden kann. Aber auch das großformatige Werk »Caldera de Taburiente« (2008) beeindruckt durch eine gewaltige Felsenlandschaft, über die weiße Wolkenformationen ziehen und damit das Licht- und Schattenspiel verstärken. Mein ganz persönliches Highlight in diesem Ausstellungsraum aber ist »Chimague« (2009). Hier haben wir im unteren Bildteil geschmeidig tanzende Wolkenbäusche, die die Landschaft verdecken und nur einen im Zentrum schwarz heraustretenden Bergkamm freigeben. Darüber ist ein klarer Horizont zu sehen, der von flirrenden, vibrierenden Schäfchenwolken belebt wird. Vor diesem Bild stehend, bekommt der Betrachter den Geschmack von Freiheit, Unendlichkeit und Unbeschwertheit auf die Zunge gelegt – er muss ihn nur noch genießen.

Die drei lichtdurchfluteten, weiß gestalteten Ausstellungsebenen der Städtischen Galerie Neunkirchen sind geradezu prädestiniert für die anspruchsvollen fotografischen Arbeiten Peter Schlörs. Denn sie geben den Fotografien Raum, ihre fesselnde, tiefe und nicht selten unergründliche Wirkung zu entfalten.

Resümee: Mit »Black & Wide« gelingt der Städtischen Galerie Neunkirchen eine grandiose Präsentation zeitgenössischer Kunst. Die reduzierten und atmosphärisch dichten Schwarz-Weiß-Fotografien Peter Schlörs wirken in den hellen Räumlichkeiten entschleunigend und vitalisierend zugleich, lassen Momente unendlicher Freiheit erahnen und entziehen sich jeglichen kleinkarierten Dechiffrierungsversuchen. Sie nehmen den Betrachter mit ihren spiegelnden Oberflächen behutsam in sich auf, lassen ihn für Momente in sich selbst ruhen und schließlich erkennen, wie wunderschön die Natur mit all ihren Geheimnissen sein kann – gerade in einer schnelllebigen, verhetzten und allzu bunten Welt. Kurz: Eine tolle Ausstellung voller Überraschungen, die ich ohne Einschränkungen empfehlen möchte!

Diese Seite teilen