Ausstellungsbesprechungen

Peter Sehringer – Solitär. Erkundung der verschlossenen Welt, Galerie Schlichtenmaier Stuttgart, bis 15. September 2018

Peter Sehringer experimentiert in seinen Werken mit Oberflächen und Farben, und erkundet so die Schönheiten und Geheimnisse der Welt. Die Galerie Schlichtenmaier hat dem Künstler eine Ausstellung gewidmet, die sich Günter Baumann angesehen hat.

»Der Wechsel von der trauten Welt / In die, die Rätsel bleibt / Ist wie des Kindes Zwiespalt / Wenn jeder Hügel reizt, / Hinter dem Kamm liegt Zauber / Ist alles unbekannt ...« – so schrieb die amerikanische Dichterin Emily Dickinson im 19. Jahrhundert, und man kann von diesen klangvollen Zeilen bis in die Gegenwart springen: Rätsel, Kindheitserinnerungen fließen in die Bildwelt Peter Sehringers ein, der in Stuttgart einen Einblick in sein Werk gibt.

Irgendwo zwischen Lust und Verzweiflung begegnet uns im Werk Peter Sehringers eine Welt voller Rätsel, die auch am Sein an sich rühren: Seine Arbeiten reizen uns zum Miterleben. Sehringer ist ein genauer Beobachter, der eine Wirklichkeit dokumentiert – sie ist aber so offenbar erfunden, wie sie im Betrachter ein Déjà-vu hervorruft. Die Bilder von Cowboys und Indianern mögen dem Film entnommen sein, wenn sie nicht viel zu sehr mit unseren Kindheitsphantasien zu tun hätten. Seine Frauendarstellungen scheinen uns aus Modemagazinen vertraut zu sein und kommen uns bei aller Distanz doch so nah, als müssten wir sie kennen. Ist es bei Wölfen und Blumen anders – diese Ferne und Vertrautheit, Nähe und Fremdheit?

Gehen wir noch einen Schritt weiter, sehen wir uns gestischen und auch geometrischen Farbabstraktionen gegenüber, so dass wir uns umso mehr fragen müssen, welche oder wessen Wirklichkeit wir vor uns haben, wenn wir die Malerei von Peter Sehringer betrachten. Die post-informellen, von der Pop Art inspirierten Bilder entpuppen sich als realistische Wiedergaben von klecksigen Gussresten an Farbeimern, während die von der konkreten Kunst und der Op Art herrührenden Pixel- und Farbskalenbilder rhythmisierten Codesystemen ähneln. Sie sind also so wenig gegenstandslos, wie die ›Motiv‹-Bilder einer äußeren Realität entnommen sind.

Es geht dem Künstler hier nicht um einzelne Themen, auch wenn oder gerade weil er sie regelrecht seriell entwickelt, sondern um Kunst. Der Gegenstand Peter Sehringers ist die Farbe und ihre Materialität. Er löst keine Rätsel, sondern gibt ihnen Form und Kontur. Sehringer greift dabei eine Debatte über Vorbild und Abbild auf, die latent immer schon da war und sich bis in die selbstironische Postmoderne erstreckt. Der kunstsinnige Dichter Rainer Maria Rilke schrieb 1903 in seinem Worpswede-Porträt »Monographie einer Landschaft«: »Es ist nicht der letzte und vielleicht der eigentümlichste Wert der Kunst, dass sie das Medium ist, in welchem Mensch und Landschaft, Gestalt und Welt sich begegnen und finden. In Wirklichkeit leben sie nebeneinander, kaum voneinander wissend, und im Bilde, im Bauwerk, in der Symphonie, mit einem Worte in der Kunst, scheinen sie sich, wie in einer höheren prophetischen Wahrheit, zusammenzuschließen, aufeinander zu berufen, und es ist, als ergänzten sie einander zu jener vollkommenen Einheit, die das Wesen des Kunstwerks ausmacht.« Das Pathos, das hier anklingt, findet sich auch im Schaffen Sehringers – den »Schneewolf«, der »Donnervogeltag« und der »Rote Regen« vereint die getragene Stimmung, als sei in jedem Augenblick ›high noon‹, als würde die Welt einen Augenblick lang still stehen. Auf diese Weise festgehalten, gewinnt man den Eindruck, als würden die Protagonisten – ob Mensch oder Wolf – warten.

Peter Sehringer erzeugt eine atemberaubende Spannung zwischen dem spürbaren Bewegungsmoment und dem Bewusstsein von Dauer. Die drei geheimnisvollen Figuren etwa, die sich vor einem Schriftzug mit dem Wort POZZO aufbauen, könnten auf den Betrachter zugehen, könnten aber auch stehen. Damit verrätselt der Maler die Szenerie, zumal »pozzo« so vieldeutig ist, dass die pure Lesbarkeit in Frage gestellt wird: Pozzo ist beispielsweise eine Figur in Becketts absurdem Stück »Warten auf Godot«, heißt aber auch als Adjektiv im Italienischen so viel wie ›gut‹, als Substantiv meint es ›Brunnen, Grube, Schacht, Treppenhaus«. Für den Italienfreund Sehringer kann es auch der reine Klang sein, der einen Zauber übers Bild legt, welches sonst keinen Halt bietet. Schattenlos verweigern sich die Figuren jeglichem Raum, der allenfalls und ausgerechnet von einer Schrift definiert wird – die Realität der Dinge könnte nicht fiktiver sein.

Bestimmt hier noch ein Vor- und Hintereinander die Minimal-Illusion räumlicher Bezüge, heben sich diese vollends auf in dem Frauenbild »XX«, in dem sich der Maler mit dem Dekorativen auseinandersetzt. »Ein Bild sollte für mich immer dekorativ sein«, schrieb Henri Matisse, um fortzufahren: »Wenn ich arbeite, versuche ich nie zu denken, nur zu fühlen.« Sehringer greift dies selbstbewusst auf, über alle Vorwürfe der Oberflächlichkeit erhaben – in mehrfacher Hinsicht. Zum einen ersetzt er den dreidimensionalen Raum durch Gedankenräume, der Maler wird somit zum Philosophen, welcher die plakative Folie tiefgründig durchleuchtet.

Zum anderen ist Peter Sehringer ein Maler, der die Oberfläche zu einem Mittel der Kunst macht wie kaum ein anderer. Strenggenommen malt er gar nicht – längst hat er den Pinsel abgelegt, um den »Mal«-Grund zu modulieren: Füllstoffe bereichern die Farbe, die Sehringer spachtelt und hinterher wieder schleift, wodurch seine Bilder an Inkrustationen, die schwarzweißen – oder besser: grautonigen – Landkartenbilder auch an Weißlinienschnitte erinnern. Er konfrontiert hier einen charakteristischen, ja beispiellosen Pop-Art-Existenzialismus mit Referenzen an uralte Techniken.

Welch hinreißende Widersprüche tun sich im Werk Sehringers auf, die man erstmal aushalten müsste, wenn da nicht der intellektuelle Rückzugsraum der Schönheit wäre. Man denke an den kaum fassbaren, flüchtigen Moment einer weiblichen Erscheinung in »Balkony«, der doch künstlerisch verewigt erscheint. Oder an die vermeintliche Transparenz des »2. letzten Mohns«, der sich über dem Nicht-Grund zur schwebenden Farbsinfonie verwandelt. Der Maler scheut sich nicht, die Schönheit der Natur – der menschlichen, insbesondere weiblichen, der kreatürlichen, etwa die des Wolfs, oder der schlicht floralen – auf den Bildträger zu bannen, bevorzugt Holz und zuweilen Acrylglas. Hinter dem trotzigen Bekenntnis zur Malerei mit anderen Mitteln und zur zeitlosen Schönheit verbirgt sich meist auch eine anrührende Melancholie und eine musikalische Poesie. Das eine hat mit der schwindenden Gedächtniskultur in unsrer Gesellschaft zu tun, das andere mit dem Leben. »Denn so geheimnisvoll der Tod sein mag«, wusste der oben schon zitierte Rainer Maria Rilke, »geheimnisvoller noch ist ein Leben, das nicht unser Leben ist, das nicht an uns teilnimmt und, gleichsam ohne uns zu sehen, seine Feste feiert, denen wir mit einer gewissen Verlegenheit, wie zufällig kommende Gäste, die eine andere Sprache sprechen, zusehen.« Peter Sehringer öffnet uns mit seiner Bildsprache den Blick für die Geheimnisse der Welt.