Buchrezensionen, Rezensionen

Peter Stephan: Der vergessene Raum. Die Dritte Dimension in der Fassadenarchitektur der Frühen Neuzeit. Schnell & Steiner 2009

Ein in jeder Hinsicht gewichtiges Buch hat der Freiburger Kunsthistoriker Peter Stephan mit seiner Habilitationsschrift über die Raumhaltigkeit frühneuzeitlicher Architektur vorgelegt; eine subtil und nuanciert argumentierende Studie zu einem bislang sträflich vernachlässigten Thema, dessen Aktualität zwar zu Beginn des Buches anklingt, aber sonst eher im Hintergrund gehalten wird. So ist es ein eminent gelehrtes, kein kulturkritisches Werk, das es bei dieser Problematik auch hätte sein können. Stefan Diebitz hat den Folianten studiert.

Der vergessene Raum © Cover Verlag Schnell + Steiner
Der vergessene Raum © Cover Verlag Schnell + Steiner

Zweifellos ist es ein Privileg, ein Feld als erster beackern und damit die Richtung zukünftiger Forschung vorgeben zu dürfen. Der erste zu sein, ist schon deshalb bedeutend, weil man Fragestellung und Terminologie festlegen darf. Eben dies tut Peter Stephan auch, und man darf ihm hier ein bemerkenswertes Geschick attestieren. Das folgende lange Zitat mag demonstrieren, wie elementar Problemstellung und Begriffsbestimmungen sind, wie buchstäblich grundlegend also die Untersuchungen Stephans verstanden werden müssen: „Welche Gewölbeform führt dazu, dass ein Raum sich eher in die Breite als in die Tiefe erstreckt? Wann ist mit einer solchen Ausrichtung eine Dynamik verbunden? Welche Gliederungselemente bewirken, dass eine Fassade sich dem Außen- oder dem Innenraum öffnet? Wann greift die Fassade sogar in den Umraum aus, wann lässt sie ihn in sich ein? Welche Durchlässigkeit besitzen in diesem Zusammenhang Arkaden, Pfeilerreihen oder Kolonnaden, wie wichtig sind lichte Weiten und Interkolumnien? Wann werden Räume durch Rampen, Treppen oder Terrassen geschichtet? Wann wird die Architektur von einem Raum durchdrungen?“

An einer anderen Stelle spricht Stephan davon, dass „die Verschiedenheit der Fassadenräume durch die Ausrichtung ihres Grundrisses und dessen dynamischer Wirkung ebenso bedingt ist wie durch ihre Topographie, ihr Verhältnis zu anderen Räumen und ihre Einsehbarkeit von außen.“ Und natürlich gilt es die ikonographische Bedeutung ebenso zu analysieren wie den rein optischen Eindruck eines Bauwerks. Was hier auffälligerweise fehlt und tatsächlich auf weiten Strecken unberücksichtigt bleibt, ist die Stellung eines Gebäudes im Funktionszusammenhang einer Stadt oder eines Häuser- oder Kirchenkomplexes. Wozu es gedient hat, von welchen Seiten aus es betreten werden konnte oder durfte und so weiter, das alles spielt allenfalls eine untergeordnete Rolle. Am Beispiel von Sankt Peter werden im Abschlusskapitel solche Fragen dann doch berührt, aber in eigentlich allen anderen Kapiteln vernachlässigt. Wahrscheinlich hätte ihre Behandlung auch den Umfang des Buches gesprengt.

Stephans Analysen von so großartigen und wichtigen Gebäuden wie dem Petersdom, dem Hôtel Lambert zu Paris, dem Schlüterhof im Berliner Schloss (hier findet sich der Anschluss an die Aktualität – zum Berliner Schloss hat der Autor viel zu sagen), das Obere Belvedere in Wien oder das Alte Museum in Berlin sind von großer Selbstständigkeit, erstaunlicher Akkuratesse und immer von bewundernswerter Subtilität. Zweifellos liegen die Stärken des Autors eben hier.

Besonders interessant sollte die Analyse der Raumhaltigkeit von Fassaden deshalb sein, weil sich hier die Frage nach dem Verhältnis von öffentlichem und privatem bzw. abgegrenztem Raum (etwa einer Kirche) stellt. Wie perspektivenreich die Ausdeutung eines solchen Verhältnisses auf ganz anderen Gebieten sein kann (etwa Tanz oder Kleidung), zeigte sich in dem berühmten Buch von Richard Sennett, in »Verfall und Ende des öffentlichen Lebens«, aber die Analysen des amerikanischen Soziologen konnten nur deshalb gelingen, weil er auf schriftliche Quellen zurückgreifen konnte. Gerade hier sieht es leider auf dem Gebiet der Fassade traurig aus, wie uns Stephan mitteilt: „Interessanterweise wird der Fassadenraum historischer Gebäude nicht nur unzureichend wahrgenommen. Schon die Zeitgenossen schenkten ihm unterschiedliche Beachtung. In der Architekturtheorie der Renaissance und des Barock habe ich überhaupt keine Stelle gefunden, in der er reflektiert wird.“

Deshalb griff der Autor auf Entwürfe, Stiche und andere Darstellungen zurück, teils, um die ursprüngliche Gestaltung der Gebäude erfassen zu können, teils, weil der Blick eines Künstlers auf die Gestaltung eines Gebäudes ja selbst schon Interpretation ist. Dazu kam (trotz der oben zitierten Einschränkung durch den Autor selbst) ein ausgiebiges Quellenstudium; die Liste der zitierten Quellen umfasst immerhin vier Seiten im Lexikonformat.

Bei der Analyse der Treppenhäuser (dem überzeugendsten Exemplum in Stephans Buch) müsste eigentlich ein Blick auch auf die Rückseite der Häuser geworfen werden – denn wenn wir auf den zu einem Platz hin gerichtenden Eingang eines Stadtpalais schauen, sollten wir nicht vergessen, dass es keinesfalls allen seinen Bewohnern und Besuchern erlaubt war, auch durch diesen Eingang das Haus zu betreten. Viel wichtiger wäre aber noch ein Blick auf die Etikette, etwa darauf, wie weit der Herr des Hauses bei welchen Gelegenheiten einem Besucher entgegenging und wie sehr sich das mit Stand und Anliegen dieses Besuchers änderte. Ähnliche Fragen gilt es auch bei Kirchenbauten zu diskutieren, die ebenfalls oft über ein ganzes System von Eingängen verfügen, die nicht bei jeder Gelegenheit geöffnet wurden oder werden und von allen Personen benutzt werden durften und dürfen. Bei Kirchen dürfte die Literatur viel ergiebiger sein als bei Privathäusern.

Stephan verzichtet also in weiten Teilen seiner Untersuchung auf Analysen, die sich auf die Nutzung und die weitere Umgebung der Gebäude stützen, denn es geht ihm darum, wie die Gebäude „für sich genommen Räumlichkeit erzeugen“. Raum wird von ihm verstanden als ein „aus Luft bestehender Körper“, und so scheint es nur konsequent, dass er sich wohl für Luftströmungen interessiert, nicht aber für die Bewegungsmuster von Menschen. In dem ersten Teil des Buches wird fast alles, was auch nur in die Nähe einer soziologischen Analyse kommt, sich also etwa auf die Nutzung der Gebäude stützt oder mit der gesellschaftlichen Stellung der Bewohner oder Besucher zu tun hat, vom Autor konsequent ausgeblendet. Kommt er aber doch auf Umwegen darauf zu sprechen, so stellt sich sogleich reicher Ertrag ein.

Der Umweg beginnt mit der ikonologischen Analyse einer Kirche, der römischen Kirche Sant’Ivo, die zu der päpstlichen Universität La Sapienza gehört, einem der Hauptbeispiele des Concettismus. Ihre Symbolik (bekannt ist etwa die an die päpstliche Tiara erinnernde Laterne auf der Kuppel) schon oft ausgedeutet wurde. Aber Stephan vermag dem Kirchenbau noch ganz neue Aspekte abzugewinnen: „Liest man die Lisenen [leicht hervortretende Mauerblenden, S.D.] als rein graphische Strukturen, so erinnern sie an Lichtstrahlen, die von dem Sternenkranz am Laternenfuß und den Seraphim ausgehen. Zusammen mit den sie flankierenden Sternenbahnen bilden sie eine Gloriole, die vormals vom Heiligen Geist ausging, wenngleich dieser in einer höheren Zone schwebte. Wie in der Laterne die Strahlen mit Feuerzungen alternierten, wechseln sich in der Kuppel die Strahlen-Lisenen mit den Feuer-Sternen ab.“ Hier also wird der Anspruch der katholischen Universität bzw. einer katholisch fundierten Wissenschaft im Mauerwerk ausgesprochen; ein Anspruch, der mit dem Motto der Kirche korrespondiert, das als den Anfang der Weisheit die Gottesfurcht behauptet („Initium sapientiae timor domini“).

Die Analyse dieser Kirche lässt nun offenbar werden, in welcher Weise ihr Anspruch, der sich in der Gestaltung des Raumes ausspricht, in die Geistesgeschichte des 17. Jahrhunderts eingeordnet werden muss. Die Kirche wollte als ein Bollwerk gegen die Sinnstiftung durch die moderne Wissenschaft bzw. durch das Priesteramt okkupierende Wissenschaftler verstanden werden, wie sie Francis Bacon in seiner »Nova Atlantis« beschworen hat. Auf der Folie dieses Werkes erscheinen Kirche und päpstliche Universität als „eine geistige Insel, eine Insel der gottgefälligen Wissenschaft, deren Licht gleichsam über dem Häusermeer der Stadt in eine durchaus bedrohliche Welt hineinleuchtet.“

Höhepunkt der Untersuchung ist die den Band abschließende Untersuchung von Sankt Peter. In sie münden sämtliche Argumentationslinien des Buches, und hier greifen dann doch noch wenn nicht soziologische, so doch sozial- und machtgeschichtliche Kriterien, wenn Stephan es unternimmt, Platz und Gebäudekomplex, ja überhaupt die Umgestaltung der Stadt Rom mit einem von Foucault eingeführten Begriff als einen „Disziplinierungsraum“ zu interpretieren: „Mit der symbolischen Erneuerung der Topographie ging also eine reale Disziplinierung der Menschen einher.“

In diesem letzten, ziemlich glanzvollen Kapitel seines Buches bezieht Stephan also schon soziologische Aspekte in seine Betrachtung mit ein, überspringt aber die Frage der alltäglichen Bewegungen und wirft seinen Blick gleich auf machtpolitische Fragen, nämlich darauf, in welcher Weise die Päpste die Stadt Rom auf ihr eigenes Machtzentrum hin ausrichteten. So kann er zeigen, dass sich mit der Aufwertung von Sankt Peter auch die Abwertung anderer Stadtteile vollzieht. Historische Analyse, Theologie und Kunstgeschichte greifen hier ergänzend ineinander, und so gelingt es dem Autor, die Ikonologie eines gewaltigen, von verschiedenen Päpsten geschaffenen bzw. umgestalteten Raumes zu lesen.

Vor der Gelehrsamkeit Peter Stephans, der in seiner Analyse der Architektur Kunstgeschichte mit Theologie- und Philosophiegeschichte zusammenführt, können wir gar nicht tief genug den Hut ziehen. Angesichts der Tatsache, dass dieser Autor als erster dieses Feld beackert, sind gewisse Fehlstellen überhaupt nicht zu vermeiden; aber er hat den Grund gelegt. Ein wichtiges Buch.