Kataloge, Rezensionen

Petr Lovigin: Planet Lovigin, Kehrer 2012

Mit dem Fotoband entführt der russische Fotograf Petr Lovigin in eine Welt des Traums, der Ruhe und Melancholie. Auf seinem Blog berichtet er mit Fotos, Videos und Texten von seinen Reisen in alle Welt. Das Prinzip des Reisetagebuchs steht auch hinter dem vom Kehrer-Verlag in Zusammenarbeit mit der Clair Galerie München herausgegebenen und für den deutschen Fotobuchpreis 2013 nominierten Fotoband. Yi-Ji Lu hat sich in die Buchwelt des Fotografen vertieft.

Petr Lovigin ist kein Unbekannter in der internationalen Fotografieszene. 1981 in Jaroslawl, Russland, geboren, brach er bald sein Architekturstudium an der Technischen Universität Jaroslawl ab, um sich gänzlich der Fotokunst zu widmen. Fotografie sei eine Sache der Freiheit, sagt er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Sie erlaube es ihm, die Welt zu bereisen, seiner Fantasie zu folgen und die vielfältigen Möglichkeiten auszuloten, die eine immer nach Plan ausgerichtete Architektur nicht zuließe. Seit 2006 wurden seine Serien vielfach ausgestellt darunter in St. Petersburg, Moskau, Paris und München.

»Planet Lovigin« gliedert sich in zwei Teile: Im ersten gibt Lovigin fotografische Impressionen eines Roadtrips durch Georgien und seine russische Heimat. Ihnen sind Fragmente von Konversationen zwischen dem Fotografen und der Autorin und der Galeristin der Clair Galerie Anna-Patrice Kahn beigefügt: Bildbeschreibungen, Erklärungen zu Motiven oder Nachfragen. Der zweite Teil ergänzt die Reiseeindrücke mit einer autobiografischen Fotoserie. Gezeigt wird jeweils ein vor einer Wand stehender Koffer, der mit Erinnerungsgegenständen gefüllt ist. Fotografien, Plakate, Spielzeuge und Bücher geben Einblicke in die prägenden Einflüsse verschiedener Lebensabschnitte des Künstlers. In 6 Fotografien, die mit handschriftlichen Kommentaren versehen sind, zeichnet Lovigin seine Kindheit und seine Charakterbildung durch die Popkultur nach.

Seine Fotografien entfalten eine wirkungsvolle Atmosphäre, etwa in Aufnahmen von zwei alte Damen, die in Badeanzügen bekleidet am Strand mit aufblasbaren Tieren kämpfen; einer im Wald von der Sonne angeleuchtete Gruppe Frühstückender oder eines Mädchens, das einen gepflasterten Weg durch eine pastellfarbene Graslandschaft entlangläuft und sich einer Kirche nähert. In seinen farbenfrohe Szenen, die sich auffällig abseits der Allgegenwart von digitalen Medien bewegen, evoziert Lovigin eine poetische, fast schon magische, Aura der Zeitlosigkeit und Beiläufigkeit, die gleichsam auch durch die abgedruckten Textfragmente getragen wird. Eine Fotografie zeigt beispielsweise eine unter einem Baum sitzende alte Dame, die zurückgelehnt das schöne Wetter genießt und Musik hört. Der nebenstehende Text ist kein akribisch ausformulierter, sondern entspricht einem Gespräch unter Freunden, die sich Urlaubsfotos zeigen. Auf die Nachfrage Kahns »You lent her your walkman?« erwidert Lovigin beiläufig: »Yes, she loved it, the music and being able to listen to it as she were at a concert but all by herself!«.

Gerade in dieser Beiläufigkeit steckt das Wesen seiner Kunst, eine Natürlichkeit der Menschen und ihrer Lebensräume zu zeigen. Durch Lovigins verträumtem Blick entfalten sich romantisierte heile Welten jenseits einer globalisierten Welt mit ihren politischen und wirtschaftlichen Krisen und der rasanten gesellschaftlichen Prozesse, die durch Internet und Social Networks vorangetrieben werden. Er ist sich dieser äußeren und nie still stehenden Welt durchaus bewusst und antwortet darauf mit träumerischen und verzauberten Weltsichten.. Die Reiseeindrücke, die Menschen und ihr Alltag werden durch das visuelle Medium der Fotografie von der Skepsis, den Zweifeln und Makeln der Moderne befreit. Zurück bleibt, wie es der Titel »Planet Lovigin« andeutet, eine magische und poetische Sicht auf den Kosmos, in welchem sich der Fotograf als Beobachter und zugleich als sein Umgestalter bewegt.

Dem eindrucksvollen optischen Erlebnis gesellt sich die sehr gute Haptik des Fotobandes hinzu. Die 53 hoch aufgelösten und farbenfrohen Fotografien sind auf hochwertigem Papier abgedruckt. Auch das Schriftbild fällt fein aus und wird von der liebevollen Umschlaggestaltung und dem qualitativen Einband komplettiert. Der Kritik des Fotografieportals Colorfoto.de, die meisten Fotografien seien zu klein, »höchstens postkartengroß«, abgebildet, kann ich mich nur bedingt anschließen. Zwar stimmt es, dass dadurch viel leerer Raum entsteht und die Fotografien an Details verlieren, andererseits ist es auch genau dieses Postkartenformat, das die Poesie der Reiseimpressionen trägt. In meinen Augen ist »Planet Lovigin« ein äußerst zu empfehlender Fotoband, vielleicht nicht unbedingt denen, die auf eine perfekte Fototechnik Wert legen, sondern vielmehr denjenigen, die bereit sind, sich von Lovigins verträumten Eskapismus davontragen zu lassen.