Buchrezensionen

Philipp Zitzlsperger: Dürers Pelz und das Recht im Bild. Kleiderkunde als Methode der Kunstgeschichte. Akademie Verlag, Berlin, 2008

Dürers Münchner Selbstporträt, im Bild mit der Datierung 1500 versehen, hat immer wieder für Verwunderung gesorgt. Das angegebene Entstehungsdatum, der mit der streng frontalen Darstellung gewählte unübersehbare Bezug zu Christusikonen und der präzise ausgearbeitete Pelz, der dazu im Kontrast steht, haben reichlich Anlass gegeben, nach der Intention und der Haltung, die diesem Gemälde zugrunde liegen, zu forschen. Philipp Zitzlsperger greift in dem vorliegenden Buch einen nicht ganz neuen, aber kaum konsequent verfolgten Ansatz zur Deutung auf und gibt dabei Grundlegendes zu bedenken.

Indem der Autor sich seinem Thema kleiderkundlich nähert, gelingt ihm eine stimmige und nachvollziehbare Interpretation des Bildes, die auch für bisher vernachlässigte oder strittige Punkte eine zufriedenstellende Erklärung bietet. Zunächst untersucht er die ikonographische und ikonologische Bedeutung des dargestellten Kleidungsstücks, der Pelzschaube. Diese diente als Insignie für höher gestellte Bürger und Adlige. Dabei kommt Zitzlsperger zu dem Ergebnis, dass es sich bei dem Pelz nicht allein um ein standesdifferenzierendes Gewand handelt. Durch Hinzuziehung beispielsweise der Augsburger Monatsbilder oder anderer zeitgenössischer Darstellungen arbeitet Zitzlsperger heraus, dass das Tragen eines Rückenmarderpelzes, denn ein solcher ist auf dem Münchner Selbstporträt zu sehen,  wohlhabenden Bürgern, Adligen und vor allem Mitgliedern des Rates vorbehalten war. Aus schriftlichen Quellen wie der Reichspolizeiordnung von 1530 erfahren wir, dass es eine strenge Kleiderordnung gab, die nach Ständen unterschied. Doch Zitzlsperger geht über diese Zuordnung hinaus und belegt, dass die mit Rückenmarderpelz dargestellten Personen immer in ihrer Funktion als Ratsherr oder Richter gezeigt werden. Damit greift er auch die Tatsache auf, dass Dürer 1509 den gesellschaftlichen Aufstieg schaffte und zum Ratsherrn des Großen Rates in Nürnberg gewählt wurde. Erst seit diesem Zeitpunkt gehörte er zu den Bürgern, die einen Marderpelz tragen durften. Da Dürer sich auf den übrigen Selbstporträts standesgemäß zeigte und die Darstellung stilistisch nach Dürers zweiter Italienreise (1506) anzusiedeln ist, tendiert Zitzlsperger zu der Annahme, wie einige Kunsthistoriker vor ihm, dass das Gemälde auch erst um 1509 entstand.
Ins Zentrum rückt bei der Interpretation also nun der Tatbestand, dass Dürer Ratsherr war und sich auch entsprechend darstellte. Damit entkräftet Zitzlsperger die Deutung, dass es sich um eine Sakralisierung des Künstlerstatus handelt.
Die Pelzschaube, die Dürer trägt, ist nicht nur als Insignie zu verstehen, die seine Zugehörigkeit zum ratsfähigen Stand belegt. Zwar ist die Pelzschaube in der Alltagsrealität der Dürerzeit eine Standesinsignie, in Bildern und Darstellungen funktioniert sie jedoch als Amtsinsignie. Sie ist darüber hinaus auch ein Symbol für Recht und Gerechtigkeit. Die Verknüpfung der Imitatio Christi, die eindeutig in dem Münchner Selbstporträt zu finden ist, mit der Pelzschaube als Symbol für Recht und Gerechtigkeit verweist auf das juristische Thema des rechten Maßes, mit dem sich Dürer intensiv auseinandersetzte und gleichzeitig seinen Status als Künstler verband, der ebenfalls nach dem richtigen Maß strebte. Die Christusikone ist ein Verweis auf eine eschatologische Auffassung von Gott als Weltenrichter, sowie auf den maßvollen Schöpfer einer Weltordnung.
Dürer verschmelzt somit in seinem Gemälde den Künstler als Schöpfergott - „Alter Deus“ - mit dem endzeitlichen Richterbegriff. Zitzlsperger weist darauf hin, dass zu jener Zeit juristische Themen selbstverständlich in die Kunst einflossen, aber durch veränderte juristische Verhältnisse an aktueller Bedeutung verloren. Das Thema wurde auch in der Bilddeutung trotz der ursprünglichen Relevanz zunehmend vernachlässigt.
Diese inhaltliche Erkenntnis ist einer der Gründe, warum dieses hervorragende Buch unbedingt lesenswert ist.

Ein weiterer ebenfalls nicht zu unterschätzender Aspekt ist die kleiderkundliche Methode, die Zitzlsperger gründlich und umfangreich durchspielt. Maßgeblich ist dabei der Begriff der „Kostümargumentation“. Unter Kostüm wird hierbei die Kombination verschiedener Kleidungsstücke verstanden.
Besonders ist bei Zitzlspergers Analyse die Erkenntnis hervorzuheben, dass seine Ergebnisse sämtlich auf Bildern, nie aber in schriftlichen Quellen nachgewiesen werden können. Er geht davon aus, dass beide Quellentypen einander nicht widersprechen, sondern dass sie einander ergänzend hinzugezogen werden müssen. Dementsprechend sei eine Typengeschichte zugrunde zu legen, die  einzelfallbezogen und quantitativ erhoben werden müsse. Und das fordert er nicht nur für Dürers Münchner Selbstporträt, sondern für jedwede Darstellung mit Kostümargumentation. Schon bei Panofsky findet er das Argument, dass die Typengeschichte als „objektives Korrektiv“ zum Schutze des Bildes als gleichwertige Quelle gegenüber Schriftquellen enorme Bedeutung hat.
Zitzlsperger plädiert für eine Reflexion über Kleider und die Darstellung von Kleidern und Kostümen sowie für eine Differenzierung von Bild- und Alltagsrealität. Dabei sei jedes Kleidungstück hinsichtlich seiner signifikanten und seiner distinktiven Funktion, seiner Anpassung an Konventionen sowie seines Symbolgehaltes zu untersuchen.

Dieses Buch ist nicht nur wegen des reichen Wissensfundus, aus dem der Autor schöpft, und wegen der dichten und schlüssigen Argumentation eine große Bereicherung,  sondern nicht zuletzt dank der anspruchsvollen, aber gut lesbaren Sprache, in der es geschrieben ist. Es weist außerdem eine umfangreiche Bibliografie auf. Zitzlsperger benennt immer wieder offene Forschungsfragen für ein Thema, das gewichtiger ist, als es zunächst den Anschein hat.

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