Ausstellungsbesprechungen

Picasso - Künstlerbücher, Museum Brandhorst, München, bis 6. März 2011

Es gibt tatsächlich nichts, was es nicht gibt im Werk von Pablo Ruiz Picasso: So dürfte es auch keinen zweiten Künstler geben, der ein so dankbarer Gast im Museumszirkus ist. Eine der Facetten, die noch unzureichend beleuchtet wurden, sind die Künstlerbücher, welche das Jahrhundertgenie gestaltete. Im Museum Brandthorst und – im Anschluss – im Kupferstichkabinett Dresden sind die Illustrationen des Meisters aus dem Brandthorst-Bestand zu sehen. Das Faszinierende an der Schau ist, dass Picasso sich für diesmal nicht als alleinige Lichtgestalt präsentiert, sondern im Schulterschluss mit der Literatur und ihren Produzenten auftritt. Günter Baumann hat sich für PKG alles angesehen.

»Bei der Lektüre«, so Picasso, der freilich genau wusste, mit wem er es zu tun hatte, »fällt einem oft auf …, dass der Verfasser lieber gemalt als geschrieben hätte« – eine glückliche Fügung: Picasso übernahm das gemutmaßte Wunschdenken der Autoren. Aber es ist alles viel komplexer. Picasso schien selbst in die Rolle der Dichter zu schlüpfen, wenn man Gertrude Stein folgen kann, die über den Freund schrieb: »Seine Zeichnungen stellten nicht gesehene Dinge, sondern zum Ausdruck gebrachte Dinge dar, kurz: Sie waren Worte für ihn und Zeichnen war von jeher seine einzige Art zu sprechen, und er spricht eine Menge.« Picasso brachte Text und Bild spielerisch auf eine Ebene, wollte malerisch nicht dominieren, sondern aus dem Text mehr holen, als man durch Sprache allein erzeugen kann. Das bringt einen Nebenschauplatz in die Ausstellung, der wohl gar nicht beabsichtigt war: Picasso bedauerte einmal, dass er keine Comics geschaffen hätte (die sich ja durch ihr Text-Bild-Verhältnis auszeichnen) – doch selbst das ist ihm in seiner Buchkunst zwischendurch gelungen, wie einige Blätter dieser Schau belegen.

Die Sammlung Brandthorst ist noch ein Newcomer in der Ausstellungsbranche. Nach der geglückten Profilierungsphase ist diese Sonderausstellung eine Premiere. Schon wieder Picasso, mag der eine oder andere meckern, aber die Welt des Illustrators war der Öffentlichkeit bisher nur als Randwerk bekannt. Die Auswahl der Künstlerbücher gibt einen grandiosen Überblick: Von den rund 150 Büchern, die Picasso zwischen 1905 und 1973 ›bemalte‹, sind 85 in München zu sehen. Und wie etwa in der Keramik oder verschiedenen Drucktechniken ließ er es sich nicht nehmen, das Medium in allen Facetten zu erforschen. Er schuf grandiose lineare wie malerisch verspielte Arbeiten, suchte das konkrete Motiv oder das abstrakte Ornament, ging dem Mythos oder der weiblichen Natur auf den Grund. Picassos Repertoire überrascht immer wieder und man ist erstaunt zu bekennen: immer noch. Arrangiert mit den Seiten aus Werken von Paul Eluard, Daniel-Henry Kahnweiler, Tristan Tzara u.a.m. erweitert sich – im Vokabular der Ausstellungsmacher gesprochen – der »Kontinent Picasso«. Mit der ihm eigenen Leichtigkeit breitet er sich aus im Medium des Buches; darüber hinaus integrierte das Architektenbüro Sauerbruch Hutton, die das Museum schufen, jene Kunst im Buch noch in eine eigens errichtete, geheimnisvolle Vitrinen- und Kabinettarchitektur, dass der Betrachter Teil dieses Kontinents, oder sagen wir: Kosmos Picasso wird. Vielleicht regt die Ausstellung andere Kuratoren an, das Buch als Träger großartiger Kunst stärker ins Visier zu nehmen. Was sonst Literaturmuseen vorbehalten ist – das Literaturarchiv in Marbach ist hier vorbildlich – , sollte einem Kunstmuseum nicht nur Beiwerk sein, insbesondere dann, wenn sich das illustrierte Buch zum ausgesprochenen Künstlerbuch erhebt, das letztlich zum selbständigen Kunstbuch werden kann.

Die Münchner Schau macht deutlich: Künstler sind auch ganz normale Leser, was sie über ihre spezielle Gabe hinaus zu Menschen ›wie dich und mich‹ macht. Außerdem sollte man nicht verkennen, dass die Vielfalt zwischen zwei Buchdeckeln offenbar so groß ist wie an der Wand – vom handlichen Format bis zum installativen Großobjekt bietet das Buch für einen so kreativen Kopf wie Picasso eine unerschöpfliche Projektionsfläche. Ambivalent bleibt dabei das Verhältnis von Text und Bild. Die Zeichnungen für Ovids »Metamorphosen« etwa sind so eigenständig, dass sie ganz ohne Text auskommen; zugleich verzaubern sie den Leser wie beiläufig, sodass sie zum wichtigen Bestandteil des Werks werden. Es mag Picasso immer um sich, seltener um andere gegangen sein (»Ich male, wie andere ihre Autobiographie schreiben«), aber seine Strahlkraft war groß genug, dass sich die Autoren – selbst die größten –, die er mit Bildern versorgte, in seinem Glanz sonnen konnten.

Hinweis:

Diese Ausstellung ist außerdem vom 9. April bis 13. Juni 2011 im Kupferstich-Kabinett in Dresden zu sehen.