Ausstellungsbesprechungen

Picasso’s Kitchen, Museu Picasso Barcelona, bis 30. September 2018

Wie jedermann weiß, ist Kochen eine Kunst. Wenn sich ihr dann noch ein Maler wie Picasso widmet, entstehen zum Teil spektakuläre Kunstwerke. Die Kulinarik ist denn auch kein Einzelthema in seinem Œuvre, sondern füllt eine ganze Ausstellung im Museu Picasso in Barcelona. Karin Ego-Gaal hat sie sich angesehen.

Das Essen gehört zu Barcelona genauso wie die Sonne, das Meer und die Schönheit der Stadt. »Eine Ausstellung über Picassos Küche und das Kochen? – Weshalb nicht?«, sagte sich Emmanuel Guigon, Direktor des Picassomuseums in Barcelona. Die Küche steht im Fokus der neuen Ausstellung »Picassos Kitchen«, welche Einblick in Picassos Lieblingsrestaurants der einfachen Küche, seine Lieblingsspeisen und die Zeremonien des Essens mit ungefähr 200 außergewöhnlichen Kunstwerken gewährt — darunter Bilder, Skulpturen, Drucke und Zeichnungen aus verschiedenen Perioden von Picassos Œuvre. »Die Götter sind in der Küche«, wie schon Heraklit sagte.

Der künstlerische Entwurf für das »Menu for the Quatre Gats, Dish of the Day« kreierte Picasso auf Anfragen des Restaurantmanagers Pere Romeu; viele andere Kunstwerke an den Wänden des Restaurants Quatre Gats stammten hingegen von einem ganz anderen, nämlich von dem Vorreiter des katalonischen Modernismuses Ramon Casas. Auch wenn das Essen dort nie besonders gut war, noch dazu viel zu wenig, war es mehr als nur ein Restaurant: ein Treffpunkt für Künstler und Schriftsteller, welche dort die neuesten Entwicklungen in Europa diskutierten, darunter der junge Picasso und seine Freunde. Seine Begeisterung für die Trends der Avantgarde in Barcelona verschafften ihm direkten Kontakt zu der satirischen und humorösen »Küche« in der Presse, welche in vielen Cartoons und Zeichnungen zu sehen ist.

Im Kontrast dazu entstand 1904 in Paris, am Ende seiner Blauen Periode, »The Frugal Meal«: ein faszinierendes Werk, welches ein sehr dünnes, fast ausgehungertes Paar zeigt, das vor einem Tisch mit leeren Tellern und Gläsern sitzt. Dieses »last supper« der erbärmlichen Armut erzählt gleichzeitig auch vom Ende einer Periode des unbedarften Genusses.

Wie nahe sich die moderne Küche und die Kunstbewegung des Kubismus‘ sind, wird nicht nur im »Kubistisch-Futuristischen-Manifest« von 1913 deutlich; Werke wie »The Restaurant« oder »Glass of Absinthe« von 1914 zeigen deutlich, dass die einfachen Dinge des Lebens eine große Bedeutung für Picasso hatten. Echte Objekte wie der Löffel, welcher einen wichtigen Bestandteil von »Glass of Absinthe« bildet, aber auch Dinge, die man essen oder trinken kann — ob Schinken, eine Flasche Wein oder Obst —, all das findet seine größte Expression vor allem in den Stillleben.

Seine Objekte waren für ihn die »Vehikel der Gedanken«. Zwei Salatsiebe als Kopf, Matratzensprungfedern als Haar, ein Stahlgerüst als Körper, ein bisschen Farbe drüber und fertig ist die Skulptur »Head of a Woman« von 1930, welche in einer Zeit entstand, als er zusammen mit dem katalanischen Bildhauer Julio Gonzalez experimentierte. Picasso hatte nie eine professionelle Ausbildung als Bildhauer erhalten, doch seine Kreativität und sein Wille, etwas Dreidimensionales zu erschaffen, genügten, um wunderbare Skulpturen zu kreieren.

Seine »Wartime Cooking«-Bilder entstanden um 1940 und reflektieren die Möbel, Dekorationen und Utensilien sowie das Essen und viele andere Aspekte des Kochens und der Küche dieser Zeit. »Schau, sogar eine Pfanne kann rufen... Alles kann rufen«, sagte Picasso zu Pierre Daix über das Unglück der Kriegszeit. 1943 entstanden zwei Versionen von »The Buffet Catalan«, welche in der Ausstellung zu sehen sind. Picasso und seine Freunde waren in diesem Restaurant regelmäßig zum Mittagessen. In einem seiner Texte schrieb er: »Ich war im ›Le Catalan‹ monatelang beim Mittagessen und jeden Tag schaute ich das Buffet an, ohne irgend etwas Besonderes zu bemerken. Eines Tages beschloss ich es zu malen, was ich auch tat. Am nächsten Tag, als ich dort ankam, war das Buffet verschwunden, der Platz war leer ... Indem ich es gemalt habe, muss ich es weggenommen haben, ohne es zu realisieren.« Nur in den Bildern existiert das Buffet weiterhin, gegessen und verdaut und als Erinnerung.

Für Picasso war die Küche immer schon ein göttliches Universum und ein Platz für Kindheitserinnerungen. »The Kitchen« von 1948 repräsentiert vieles: Keramikteller an den Wänden, Vögel in Käfigen, Blumen, eine Frau, verdeutlicht durch Formen und Kurven. Die verschiedenen Grautöne sollen einen Hinweis geben auf verschwommene Erinnerungen, möglicherweise an seine Kindheit in Malaga. Es gibt zwei Versionen von »The Kitchen«. Eines befindet sich im MOMA in NYC und das andere im Picasso Museum in Paris. Beide sind von den weißen Wänden seiner Pariser Küche inspiriert.

Die Schwarzweißfotos in der Ausstellung dokumentieren hauptsächlich das Entstehen von Keramikskulpturen wie »Bullfight and Fish« von 1957 oder »Still Life with Two Fishes« auch von 1957. Erde, Wasser und Feuer sind ebenso in der Küche die wichtigsten Zutaten wie beim Töpfern. PicassosTeilnahme am Töpferworkshop in Vallauris war der Anfang seiner Leidenschaft für Keramik. Der Fotograf David Douglas Duncan portraitierte Picasso beim Essen eines Fishes und später beim Entstehen der Keramikskulptur »Bullfight and Fish«. »... er hat den Fisch gegessen, jetzt wird sein Skelett unsterblich gemacht«, so der Fotograf.

Am Ende der Ausstellung, im Mauri Room, trifft der große Picasso einen anderen großen Meister, den bekannten katalanischen Koch und Gründer des mit mehreren Sternen ausgezeichneten Restaurants »elBulli«: Ferran Adria. Zwei kreative Persönlichkeiten, die sich sozusagen »in der Küche« treffen und das gewiss nicht zufällig. Picasso ist für Adria die absolut faszinierendste kreative Persönlichkeit, dessen Philosophie auch das Motto von Adrias Schaffens war: »Es genügt nicht, die Arbeiten eines Künstlers zu kennen. Man muss auch wissen, wann er sie gemacht hat, warum und unter welchen Umständen. Ohne Zweifel wird es eines Tages eine Wissenschaft geben, welche man ›Die Wissenschaft des Menschen‹ nennt und die vor allem versuchen wird, ein tieferes Verständnis des Menschen durch den Menschen als Schöpfer zu erlangen. (...) Ich denke oft an diese Wissenschaft und ich möchte die Dokumentation so vollständig wie möglich der Nachwelt hinterlassen. (...). Deshalb datiere ich alles, was ich mache«, so Picasso.

Beim Zusammentreffen der künstlerischen und kulinarischen Welt stellt sich nicht nur die Frage »Was ist Kochen?«. Darüber hinaus präsentiert »Picassos Kitchen« ein komplexes und leidenschaftliches Zusammenspiel von Kreativität und Perfektionismus.