Ausstellungsbesprechungen

Pierre Bourdieu: Der Algerienkrieg und die Fotografie

Von vielen wurde der Algerienkrieg als ein Konflikt zwischen den europäischen und islamischen Zivilisationsräumen verstanden, von manchen jedoch als Wiederaufleben der Kämpfe zwischen Zentrum und Peripherie unter postkolonialen Bedingungen. Die Ausstellung „Pierre Bourdieu:

Der Algerienkrieg und die Fotografie“, die bis zum 3. September 2006 in den Deichtorhallen Hamburg präsentiert wird, thematisiert nun die Rolle der Fotografie im Spannungsverhältnis der kriegerischen Auseinandersetzungen in Algerien.

 

Im ersten Teil der Ausstellung, der den Titel „In Algerien: Zeugnisse der Entwurzelung“ trägt, sind die fotografischen Arbeiten des weltweit bekannten französischen Sozialwissenschaftlers Pierre Bourdieu (1930-2002) zu sehen. Diese Bilder wurden erst nach Bourdieus Tod der Öffentlichkeit zugänglich, da sie zuvor in privaten Kartons des Wissenschaftlers aufbewahrt wurden und ihm als Erinnerungsstützen dienten.

 

Die Fotografien Bourdieus, die während seiner Feldforschungsarbeiten in Algerien zwischen 1956 und 1961 entstanden, sind bewusst in wissenschaftlicher und nicht in journalistischer oder privater Absicht entstanden und verfolgen damit auch ein anderes Ziel – sie zeigen das Beobachten des Fotografen. Die Fotografien sind frei von jener Funktionalisierung, wie sie uns gegenwärtig bei Berichterstattungen so vertraut ist, vielmehr galten die Fotografien Bourdieu als unterstützendes Material zu seinen soziologischen Untersuchungen. Er selbst sagte in dem Interview mit Franz Schultheis: „Manchmal machte ich Fotos aus dem einzigen Grund, um mich später daran erinnern zu können, um später etwas beschreiben zu können, oder aber ich fotografierte Gegenstände, die ich nicht mitnehmen konnte. Aber es gab auch noch etwas anderes: Das Fotografieren war auch, wie soll ich sagen, eine Art und Weise zu schauen.“ (Pierre Bourdieu, Kat., S. 27)

 

Pierre Bourdieus Fotografien, die an den hohen, hellen Wänden in den atmosphärischen Ausstellungsräumen eine hervorragende Wirkung erfahren, machen dem Betrachter immer wieder deutlich, dass der Fotograf die Umstände, die er mit seiner Kamera festhält, verstehen möchte. Er ist stets auf der Suche, die Widersprüche, Ungleichzeitigkeiten und vielfältigen Formen des Elends aufzudecken und zu dokumentieren und den Konflikt zwischen den französischen Kolonialherren und der nach Selbstbestimmung strebenden muslimischen Bevölkerung zu reflektieren. In diesem Sinne heißt es bei Bourdieu: „In einem um seine Unabhängigkeit kämpfenden Algerien an einer wissenschaftlichen Analyse der algerischen Gesellschaft zu arbeiten, bedeutet zugleich den Versuch, die Grundlagen wie die Ziele dieses Kampfes zu verstehen und verständlich zu machen […]“ (Pierre Bourdieu, Kat., S. 219)

 

Die Fotografie ist für Bourdieu „Ausdruck der Distanz des Beobachters, der Daten speichert und sich dabei immer bewusst bleibt, dass er Daten speichert […], aber zugleich setzt die Fotografie auch Vertrautheit, eine Aufmerksamkeit und Sensibilität selbst für kaum wahrnehmbare Details voraus, Details, die der Beobachter nur durch eben diese Vertrautheit unmittelbar zu verstehen und zu interpretieren vermag, eine Sensibilität für das unendlich kleine Detail einer Situation, das selbst dem aufmerksamsten Ethnologen zumeist entgeht.“ [Pierre Bourdieu, Ausstellungskatalog, S. 11] So etwa begegnet dem Besucher der Ausstellung Bourdieus Aufnahme der „Schwefelung der Weinstöcke“, die Männer bei der Arbeit auf dem Feld zeigt. Das Bild dient vorrangig als wissenschaftliches Dokument, doch hat es neben seinem dokumentierenden Charakter auch einen ästhetischen Charme, der durch die leicht untersichtige Perspektive, die diagonale Blickführung, die charismatische Schwarz-Weiß-Gestaltung, sowie durch das spannungsreiche Zusammenspiel der drei Elemente Mensch, Natur und Kultivierung evoziert wird.

 

Interessant und wohl untypisch für einen Wissenschaftler ist die partielle Distanz zu seinem wissenschaftlichen Arbeitsfeld. Dies artikuliert sich bei Bourdieu, wenn er erwähnt, dass er mit seinem fotografierten Gegenstand verwoben ist und „keinen einzigen Augenblick lang vergessen [hat], dass es sich dabei um Menschen handelte, Menschen, denen [er] mit einem Blick begegnet [ist], den [er] […] als liebevoll, ja als oft gerührt bezeichnen möchte.“ (Pierre Bourdieu, Kat., S. 11) Vielleicht ist es gerade diese emphatische Seite Bourdieus, die seine Arbeiten so anziehend macht. Er nähert sich mit einem menschlichen Blick und sieht mehr als nur den Gegenstand oder den Menschen, er sieht die Verhältnisse, in die jene integriert oder bisweilen gefangen sind. Auch die weiß gekleidete, verschleierte Frau auf dem Motorroller ist ein Beispiel dafür. Auf den ersten Blick wirkt dieses Foto befremdend und der Betrachter wird zum längeren Betrachten und Nachdenken animiert, wobei unweigerlich Fragen entstehen. Spiegelt diese, durch ihr freie Mobilität sehr fortschrittlich wirkende Frau das allgemeine Frauenbild Algeriens in den 1950er Jahren? Gibt es in dem Bild nicht ein enormes Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Fortschritt? Aber gerade durch das Aufwerfen solcher Fragen wird der Besucher in das Zentrum der Ausstellung gezogen und er tritt mit den Fotografien in einen sehr intensiven Dialog.

 

Neben den dokumentarischen, ästhetisch sehr ansprechenden Arbeiten Bourdieus werden in der Ausstellung auch bislang nur wenig bekannte Beispielen aus der Blütephase der journalistischen Reportagefotografie, besonders die beeindruckenden fotografischen Werke zu den alten und neuen Gesellschaften des Nahen und Mittleren Ostens, gezeigt. In diesem Sinne widmet sich der zweite Teil der Ausstellung Arbeiten u.a. von Max Scheler und Rolf Gillhausen, die aus dem wenig erschlossenen Bestand der Hamburger Medienarchive herausgesucht wurden. Daneben werden Beispiele der Berichterstattung der großen illustrierten Wochenmagazine „Paris-Match“ und „Stern“, Amateuraufnahmen von Soldaten und Fremdenlegionären sowie die erstmals in einer Ausstellung gezeigten Arbeiten aus dem Jahr 1964 von Angelika Platen und die Arbeiten aus dem Jahr 2006 von Manfred Willmann zu sehen sein.

 

Behutsam wurde sich auch an die grausamen Aufnahmen des Algerienkrieges herangetastet. In einem von den restlichen Ausstellungsräumen separaten Raum, der mit einem Warnschild bzgl. der dargestellten Grausamkeiten und der Altersbeschränkung “ab 18 Jahren” versehen ist, werden Fotografien gezeigt, die tote, verstümmelte und gequälte Menschen zeigen. Es ist ein wirklicher Schock, diesen Raum zu betreten. Dabei wird deutlich, dass auch die anderen Fotografien, ob nun von Bourdieu oder den Amateurfotografen, all diese schrecklichen Geschehen implizit aufgreifen – eben aus einem anderen Blickwinkel. Wenn Bourdieu etwa ärmlich gekleidete Kinder in Armutsvierteln oder hagere Männer bei ihrer harten Arbeit auf dem Feld fotografiert, so sind dies doch immer auch Hinweise auf die Auswirkungen des Krieges. Vielleicht wird dies erst richtig deutlich, wenn der Besucher der Ausstellung jenen Raum mit seinen schrecklichen Fotografien besucht hat.

 

Insgesamt ist mit „Pierre Bourdieu. Der Algerienkrieg und die Fotografie“ eine hervorragende, tiefgründige Präsentation gelungen, die zum Nachdenken animiert. Aber die Ausstellung weiß nicht einzig durch die sozialkritische Themen, sondern vor allem durch die feinfühligen, sehr lebensnahen, mal ästhetisch wunderschönen, mal grausam realen Fotografien zu überzeugen. Auch wenn die Ästhetik nicht im Vordergrund steht, so wird der Besucher doch wie magisch von den Bildern angezogen, die ihm weit mehr mitteilen, als er zu Anfang glaubte. Gerade Bourdieus Bilder sind einfühlsame Momentaufnahmen, die den ganzen Menschen zu dokumentieren suchen und dabei eine persönliche Perspektive einnehmen, die den Besucher in den Bann zieht.

 

 

Öffnungszeiten

Di-So 11-18 Uhr, Mo geschlossen

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