Ausstellungsbesprechungen

Piranesi: »Carceri d´invenzione«

Finstere Gewölbe, massive Mauern, Treppen, die ins Ungewisse führen, und ab und an einige düstere Gestalten, die Foltergeräte schwingen – zum Glück muss man diese Räume in der graphischen Sammlung des Wallraf-Richartz-Museum nicht betreten, sondern nur betrachten.

Noch bis zum 12. Mai 2008 sind die 16 Radierungen aus Giovanni Battista Piranesis Zyklus »Carceri d’invenzione«, die den Besucher in ihren Bann ziehen und zugleich beunruhigen, ausgestellt. 1749/50 entstanden die Stiche als »Invenzioni caprici di carceri«, 1761 erschienen sie in einer überarbeiteten und erweiterten Fassung unter dem heute geläufigen Titel.

Auf dem Frontispiz des Zyklus bezeichnet sich Piranesi selbst als »Architekten«. Was er erschafft, sind jedoch keine Entwürfe, die sich in der Realität konstruieren lassen. Bauliche Elemente wie Mauern, Rampen, Treppen, Spiralen, Türme, Bogen, Gewölbe und Pfeiler sind übereinander gestellt, ineinander verschachtelt und widersprechen jeglichem physikalischen Gesetz. Piranesi spielt mit Wahrnehmungskonventionen, indem er Proportionen verzerrt, Fluchtpunkte verschiebt und die räumlichen Grenzen aufhebt. Der gleiche Ort kann zugleich monumental und eng wirken, mal sind Ausblicke nach draußen möglich, mal scheint der Kerker tief unter der Erde zu liegen. Es sind keine tatsächlich existierenden Gefängnisse, die Piranesi abbildet, wenngleich die Szenerien mit Folterinstrumenten, Gittern und Ketten ausgestattet sind. Vielmehr versucht der Künstler das Gefühl des Gefangenseins in seinen Architekturcapriccios einzufangen. So entstehen alptraumhafte Kulissen, die bis ins 21. Jahrhundert bildende Künstler, Schriftsteller und Filmemacher inspirierten.

Giovanni Battista Piranesi (1720-1778) lernte in Venedig das Handwerk des Kupferstechens, bevor er nach Rom reiste und sich dort auch als Bühnenbildner, Architekt und Architekturtheoretiker hervortat. Bekannt machten ihn seine Veduten des antiken und barocken Roms, für die er die Bauten genau erforschte und vermaß, aber auch phantasievoll ausschmückte, um ihre Monumentalität zu steigern. Seine architekturtheoretischen Schriften untermauern sein Anliegen, die »Magnificenza« der römischen Antike gegen das Primat der griechischen Kunst zu stellen. In seinen Darstellungen der Kerker jedoch verzichtet Piranesi auf das klassische Formenrepertoire. Statt Säulen und Gebälk herrschen massive Pfeiler, Treppen und Bögen vor, die durch martialisch anmutende Löwenskulpturen, Helme und Embleme ergänzt werden.

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Der Titel »Carceri d’invenzione« ist zweideutig: Handelt es sich um erfundene Kerker oder ist die Erfindung gefangen? Mit dieser Frage rufen die Kuratoren auf, Piranesis Arbeit auch als eine Auflehnung gegen körperliche und geistige Unterdrückung religiöser, politischer und persönlicher Art zu verstehen. Dieser Ansatz ist in der kunsthistorischen Forschung bereits kontrovers diskutiert worden. Die Kölner Ausstellung versucht nicht, zu dieser Debatte beizutragen, sondern fördert durch den Verzicht auf erläuternde Texte und Bildunterschriften das eigene Nachdenken über Piranesis Intention. Zudem animiert die intime Atmosphäre des Kabinetts, sich auf die irritierende, fast klaustrophobische Stimmung der labyrinthischen »Carceri« einzulassen – mit dem beruhigenden Wissen, das der Ausgang der Ausstellung leichter zu finden ist als der Weg aus den Kerkern.

 

 

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