Ausstellungsbesprechungen

poln. Kunst, u.a. Das Heilige und der Leib – Schätze aus dem Nationalmuseum Warschau

Wer polnische Kunst bzw. Kunst aus Polen kennen lernen will, kann auch dieses Jahr getrost nach Baden-Baden kommen, dank der guten Beziehung, die die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden und das Nationalmuseum Warschau seit 1997 unterhalten.

Das renommierte Haus hat offenherzig seine Schätze geöffnet – das Resultat ist nun keine bloße Präsentation von »The best of …«, sondern eine Themenschau, deren Titel einen erschauern lässt, sobald man sich der Tragweite bewusst wird: Es geht um die religiösen und weltlichen Vorstellungen vom Heiligen und vom Leib sowie deren kontinuierlichem Wandel in der Kunst. Highlights der Kunstgeschichte stehen hier Schlange – Gemälde und Plastiken von Hans Baldung Grien, Lucas Cranach, Gaspare Traversi, Adriaen de Vries, Jean-Auguste-Dominique Ingres, Bodeslav Biegas u.a. –, von denen so gut wie alle Exponate zum ersten Mal als Leihgabe ins westliche Ausland gingen. Der Bogen spannt sich von vorchristlichen Skulpturen und frühchristlichen Fresken über mittelalterliche Altartafeln und Gemälde der europäischen Renaissance und des Barock bis hin zu Werken des 19.–21. Jahrhunderts, ergänzt um einige Exponate aus ägyptischer, griechischer und römischer Zeit. Und was für Welten bewegen sich zwischen den dargebotenen Welten: hier voll das Leben, dort voll der Geist, hier diesseitig-menschlich, dort jenseitig-transzendent. Dass dabei ein Schwergewicht auf der polnischen Kunst liegt, ist freilich dem Leihgeber geschuldet. Zugleich ist es jedoch genau dies, was die Ausstellung so großartig macht: Wer ist schon sattsam vertraut mit der Kunst dieser großen Nation? Ohne Frage, es gibt hier tatsächlich Schätze zu entdecken.

Die historische Linie ist nicht als roter Faden aufgerollt, sondern wird in selbständigen Sinneinheiten gebündelt: Auf diese Weise findet das Thema seinen Widerhall im symbolischen Körper (Antike, hier Ägypten und Griechenland), im spirituellen Leib (dass frühe Mittelalter), als Schmerz und Erfüllung (im sogenannten hohen Mittelalter), als Triumph und Trauer des Leibes (Renaissance, Barock und Klassizismus), unter den Schlaglichtern romantisch, realistisch, ekstatisch, polnisch (19. Jahrhundert), im Diskurs von Analyse und Apokalypse (polnische Moderne) und schließlich intellektuell verdichtet als Materie der Existenz und Lebensspeicher (Gegenwart).

Entrückt stellt sich die skulpturale Wunschwelt der Antike dar. In der »Thronenden Kybele« aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. lässt sich durch die betont körperhafte Darstellung die leibliche Präsenz der Gottheit erkennen. Kybele, die Göttin der Fruchtbarkeit, erscheint als Projektion der Allnatur in Menschengestalt. Den Blick auf den spirituellen Leib eröffnet die Patronin des Nationalmuseums in Warschau, die »Hl. Anna«. Das Bewusstsein um den Opfertod als Schmerz und Erlösung prägt das ganze Mittelalter, hier stellvertretend verkörpert in einem spektakulär-dramatischen Gabelkruzifix (Breslau, um 1350). Überhaupt finden sich in diesem Segment der Ausstellung glanzvolle Stücke: etwa eine »Pietà« aus Südpolen (um 1450), die »Ecce-Homo«-Szene des Mikolaj Obilman (1466) oder den »Hl. Sebastian« (Anfang 16. Jahrhundert) als Gegenspieler jenes Geschundenen am Gabelkreuz. Der polnische Nationalheilige Stanislaus (16. Jahrhundert), dessen Legende in einem Krakauer Altar beschrieben ist, darf hier natürlich nicht fehlen.

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Was dem Mittelalter häufig die Darbietung des Schreckens, ist der Renaissance die Zurschaustellung der Schönheit. Triumph und Trauer, oder besser gesagt deren wohldurchdachte Inszenierung bestimmt die neuzeitliche Darstellung des Themas. »Adam und Eva« von Lucas Cranach (um 1508/12) sind die am Ideal der Antike orientierten Modellakteure des Sündenfalls – Schönheit wird zum Kriterium für das Heilige und den Leib, was sich im Folgejahrhundert noch verstärkt. Dass die Szenerie zuweilen theatralische Züge annimmt, zeigen die Arbeiten von Cornelis Cornelisz. van Haarlem, Denis Calvaert und Adriaen de Vries genauso wie – dann schon wesensgemäß für das 17. Jahrhundert – Werke von Giacinto Brandi, Johann Carl Loth (gen. Carlotto) und anderen bis hin zum verspotteten »Hiob«, den Gaspare Traversi in einer bewegenden Komposition ins Bildformat pfercht.

Das 19. Jahrhundert scheint das Thema monumental oder sinnlich durchzuspielen, nachdem leider das 18. Jahrhundert in der Ausstellung als Vorbereiter dazu kaum präsent ist. Sicher hätte man hier trefflichere Beispiele finden können, aber als Revue polnischer Meisterwerke stellt dieses Ausstellungskapitel grandiose Beispiele bereit: Józef Szermentowski, Józef Chelmonski, Pantaleon Szyndler, Wladyslaw Podkowinski, Wojciech Weiss, Aleksander Gierymski und Konrad Kzryzanowski ringen zudem um die nationale Identität Polens, suchen aber auch den Anschluss an die westeuropäische Kunst. Podkowinskis »Rausch« von 1894, auch als »Freudentaumel« betitelt (eine Ölskizze ist in Baden-Baden zu sehen), zog mit seiner offensichtlich erotischen Konnotation seinerzeit nicht nur 12000 Besucher in den Warschauer Kunstverein, es wurde zur Inkunabel des polnischen Symbolismus, der nun auch vom Ausland wahrgenommen wurde. Für das Selbstverständnis dieser neuen polnischen Identität – und dem Bewusstsein einer neuen Körperlichkeit – am stärksten ist jedoch die moderne Abteilung unter dem Motto Analyse und Apokalypse, die mit Boleslaw Biegas, Xawery Dunikowski, Tadeusz Kantor und Andrzej Wroblewski ihren Höhepunkt findet. Die Plastiken von Biegas sind in ihrer Spannung zwischen expressiver Kühnheit und fast unerbittlichen Strenge kaum zu überbieten, und das skulpturale »Selbstbildnis (Ich gehe auf die Sonne zu)« (1917) von Dunikowski charakterisiert den Künstler nachdrücklich als astralen Schöpfer-Titanen. Vom Sockel der Überheblichkeit reißen dann Bronsislaw Wojciech Linke und Kantor die eben erstarkte polnische Kunst, ersterer mit einer neuen Sicht auf den bloßgestellten und verkrüppelten Leib, zweiterer mit metamorphotischen Experimenten. Diese Facetten der Kunst wecken mehr oder weniger deutliche Erinnerungen an den Dualismus zwischen dem Glauben an das Heilige und der Erfahrung des Leiblichen im menschlichen Körper (wenn sich auch gerade der vielseitige, grandiose Kantor weit über alle thematischen Festlegungen erhebt). Die surrealistisch-existenzialistischen Bilder des früh verstorbenen Wroblewski beziehen sich auf die tragischen Erfahrungen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und treiben eine drastische Entindividualisierung des menschlichen Körpers voran.

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Als Epilog kann man das kleine Schlusskapitel zum »Politischen Körper« in der Gegenwartskunst ansehen, der Arbeiten von Zofia Kulik (die dieses Jahr in einer großartigen Ausstellung in Rostock zu sehen war), Oskar Dawick und den im Westen seit einiger Zeit hoch gehandelten Artur Zmijewski zeigt. Der menschliche Leib erscheint hier als künstlerische Metapher, die an die Tradition religiöser Kunst in Polen anknüpft und zugleich die historischen Werke öffnen für eine heutige Betrachtungsweise. Ob sich hier der Kreis eines kontinuierlichen Wandels der religiösen und weltlichen Vorstellungen vom Heiligen und vom Leib wirklich rundet, sei dahingestellt.

Dass diese Meisterriege unter anderen von Baldung Grien, Cranach, de Vries über Ingres bis hin zu Biegas und Kantor ein Stelldichein in Baden-Baden feiert, ist einmal dem Deutsch-Polnischen Jahr 2005/2006 zuzurechnen – eine Chance mehr, diese wunderbare Kulturnation neu in den Blick zu nehmen - , zum anderen den guten Beziehungen zwischen der badischen Kurstadt und Warschau, das viele der Exponate erstmals ins westeuropäische Rennen schickt – in Kooperation fanden etwa die Ausstellungen »Impressionismus und Symbolismus - Malerei der Jahrhundertwende aus Polen« (1997/98) und »In Freiheit endlich / Polnische Kunst nach 1989« (2000) statt. Das Fresko der hl. Anna oder der Krakauer Altar des polnischen Nationalheiligen Stanislaus hätten die Nachbarn im Osten sonst kaum aus den Händen gegeben. Die Ausstellung, die unter der Schirmherrschaft des Altkanzlers Helmut Schmidt steht, wird gefördert vom Auswärtigen Amt, vom baden-württembergischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst sowie vom Adam Mickiewicz Institut und von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit. Deutschland profitiert allemal von einer solchen Schau: Polens Verbundenheit mit der westeuropäischen Kunst wird selten so kompetent vermittelt. Dessen ungeachtet folgt ab Oktober ein Heimspiel für das Nationalmuseum Warschau, das die Ausstellung übernimmt.

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr
Mittwoch 11 bis 20 Uhr
Montag geschlossen

Eintritt und Führungen
Kombiticket (mit Sammlung Frieder Burda): € 10
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden: € 5
Mit den üblichen Ermäßigungen, Sonderveranstaltungen ausgenommen

Führungen
Mittwochs 18:15 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung