Ausstellungsbesprechungen

Porträtmalerei: Das frühe Porträt

Basel war ein fruchtbarer Boden für die Entwicklung der Porträtkunst. Politisch (d.h. kirchlich) war es bis in die Neuzeit hinein nicht korrekt, ein Bild von sich machen zu lassen. Verschämt hüllten sich die eitlen Mächtigen in fromme Gewänder und posierten als Stifter in Spielfigurengröße. Über diese Demutskategorie erhoben sich zunächst die Herrscher und traten ins Bild, dann die Bürger.

Das kam einer Revolution gleich, ging die Entwicklung des frühen Bildnisses doch einher mit der Entdeckung des Menschen als Individuum: eine neue Epoche schickte sich an, den menschlichen Geist ernst zu nehmen. Ernsthafte Leute gab es grade in Basel zuhauf, immerhin war die Stadt ein Hort der Reformation. Diese Gemengelage beflügelte die Porträtisten wie die Porträtierten – und eine Gattung war geboren, das heißt, zumindest auf den Weg gebracht (denn aus dem Nichts kam auch dieses Genre nicht – die Antike kannte das Porträt bereits, und auch die kam ins Bewusstsein). Das Basler Museum hat nun die eigenen Kammern zu den Sammlungen des Fürsten von und zu Liechtenstein geöffnet und entfaltet vor dem Publikum eine prachtvolle Parade gestandener Köpfe.

Einer der gar nicht mehr heimlichen Stars – er prangt auf dem Umschlag des Katalogs – ist etwa das »Bildnis eines jungen Mannes« eines französischen Meisters aus dem Jahr 1456. Kühn überlegen schaut uns ein Jüngling entgegen, mit schönen Gesichtszügen, die fast davon ablenken, dass der nicht namentlich Bekannte Distanz zu uns wahrt, unnahbar. Die Brüstung im Bildvordergrund, durch die aufgelegte linke Hand noch zum Blickfang erhoben, unterstreicht diese Unnahbarkeit. Verwundert muss man alsbald feststellen, dass die Gesichtszüge des Mannes nicht symmetrisch sind und wir uns hinter dem faszinierenden Antlitz eine Vollkommenheit gewünscht haben, die sich nicht einlöst – die ›verrutschte‹ Augenstellung verrät einen anatomischen Defekt. Dass wir dennoch mit offensichtlichem Wohlgefallen auf die Person blicken, mag an der technischen Perfektion der Wiedergabe liegen, die Kenntnisse der van Eyckschen Bildniskunst voraussetzt. Es mag aber auch daher rühren, dass wir hier in diesem und anderen frühen Bildnissen bereits ein modernes Menschenbild erfassen, das die Authentizität des Singulären über das Ideal stellt.

Die beachtliche Ausstellung hält viele solcher individuellen Begegnungen parat. Freilich sind auch bedeutende Künstlernamen darunter: der oft unterschätzte Bernhard Strigel, dessen Porträts einen spröden Charme verbreiten, die genialen Meister Hans Holbein d.Ä. und Hans Mielich sowie die eher derb-grandiosen Barthel Beham und Hans Baldung, dazu die Vorzeigefrau des 16. Jahrhunderts Catharinia van Hemessen. Doch stehen die Meister mit Notnamen und Monogrammisten den bekannten Namen in nichts nach. In dieser Schau spürt man, dass sich die junge Gattung in rascher Entwicklung zum bevorzugten Tätigkeits- und Experimentierfeld gemausert hat. Die nachfolgenden Porträtisten mussten sich fortan an den jüngeren Kollegen messen lassen.

 

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Öffnungszeiten
Di–So 10–17 Uhr
Sonderöffnungszeiten während der ART Basel