Ausstellungsbesprechungen

Private Passions – Sammeln in Mannheim, Kunsthalle Mannheim, bis 26. Februar 2012

Können Sie sich vorstellen, jeden Morgen neben einem originalen Otto Dix aufzuwachen? Was für die meisten Menschen ein Wunschtraum bleibt, ist anderen zur Passion geworden. Die Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim widmet sich den verborgenen Schätzen privater Kunstsammlungen. Günter Baumann hat sich die Schau angesehen.

Eher im Schatten so mancher Großausstellung hat sich die Mannheimer Kunsthalle mit der privaten Sammelleidenschaft von Kunstliebhabern befasst und eine Ausstellung konzipiert, deren Verdienst kaum hoch genug eingestuft werden kann. Mehr noch: Dank der dokumentarisch aufgearbeiteten Schau wird das Projekt – so ist zu hoffen – lange über die Präsentation hinaus seine Strahlkraft bewahren können: Zu sehen sind Arbeiten, die von 17 ungenannten Sammlern aus dem Mannheimer Raum stammen.

Unter weitgehender Wahrung der Anonymität hat Inge Herold als Projektleiterin rund zehn Sektionen erdacht, in denen nicht nur erlesene Beispiele des exklusiven Sammeltriebs präsentiert werden, sondern auch Fotoaufnahmen des privaten Umraums. Der Kunstgenuss, den Otto-Normalverbraucher nun mit den Kunstsammlern und Mäzenen teilen darf, ist freilich das Ergebnis des musealen Auftrags der Kunstvermittlung. Die Bandbreite ist beachtlich: Wilhelm Lehmbruck und Gustav Seitz, Otto Dix und George Grosz, Wolf Vostell in fast schon exemplarischer Fülle; darüber hinaus Arbeiten aus dem Informel, dem Nouveau Réalisme, von der Klassischen Moderne ganz zu schweigen.

Das Sensationelle der Ausstellung liegt jedoch jenseits des Museumsalltags. Gerade im süddeutschen Raum gibt es unzählige Privatsammler, von denen manche sogar längst ihre Sammlung in die Öffentlichkeit gebracht haben, und die im öffentlichen Bewusstsein kaum anders als Museumsdirektoren wahrgenommen werden – man denke an Burda oder Würth. Auch ist es kein Novum, dass Privatsammlungen im Museum vorgestellt werden. Unvergessen dürfte die Ausstellung der Barnes Collection sein, die vor rund zehn Jahren in München zu sehen war (ungeachtet der bis heute anhaltenden Querelen um die Sammlung wurden bis dahin kaum bekannte Schätze der Klassischen Moderne gezeigt) - von den vielen kleineren Sammlungen ganz zu schweigen.

Die Mannheimer Präsentation privater Passionen erschließt bzw. öffnet das graue Feld, innerhalb dem Menschen »wie du und ich« sich mit Feuereifer, systematischer Akribie oder auch nur mit spontaner Leidenschaft in den Kunstmarkt begeben, um sich ihr Heim-Museum aufzubauen. Man muss nicht ausgerechnet neben einem Beckmann oder Picasso aufwachen – wem immer dies einmal, und sei es besuchsweise, widerfahren ist, ahnt, welche Emotionen das hervorrufen kann. Weiter unten angesiedelt wird deutlich, dass im Museum für gewöhnlich nur die Spitze des Kunstschaffens zu sehen ist, das einem strengen Konzept unterworfen ist. Darunter siedelt sich die Kärrnerarbeit der Kunstvereine und Galerien an, die näher am Boden des Kunstgeschehens sind. Spannend ist dann eben die Zone, die sich zwischen dem Ausstellungsbetrieb als Ganzem und dem Einzelnen, dem potentiellen Kunstsammler ausbreitet.

Die Mannheimer Schau macht deutlich, dass der Kunstmarkt bis in die Wohnzimmer reicht. Natürlich ist die Ausstellung weit entfernt davon, Sonntagsmaler vorzustellen, und wahrscheinlich wird dem Normalbesucher das meiste jenseits seiner finanziellen Kapazitäten liegen. Doch macht sie Mut, Kunst einmal von der Warte aus anzuschauen, dass man sie kaufen kann. In Zeiten, da Künstler offen darüber nachdenken, ihre Arbeiten aus Platznot zu vernichten (um sie nicht unter Wert zu verschleudern) oder kaum die Hürden ins Museum überwinden können, ist es ein beispielgebendes Unterfangen, im Museum selbst Kunst als Sammlerobjekte vorzustellen, die ausschließlich für die eigenen vier Wände gedacht sind.

Sehen lässt sich die Versammlung der Sammlungen allemal: 160 Arbeiten von rund 40 Künstlern zwischen dem 19. und 21. Jahrhundert sind noch für kurze Zeit zu sehen. Danach bleibt der anregende Katalog – und die vielleicht hier und da geweckte Leidenschaft, Kunst zu sammeln. Was die Kunsthalle angeht, muss der Besucher ohnehin Eigeninitiative entwickeln: Das Haus ist dann für einige Zeit wegen Generalsanierung geschlossen.