Ausstellungsbesprechungen

Quadrat in der Kunst: »Neue Freunde. Aktuelle Positionen zum Quadrat« sowie »Geneviève Claisse. Jenseits des weißen Quadrats«

Das mit dem Quadrat ist so eine Sache. Der philosophische Altmeister Max Bense malte einst beim Gedanken an das perfekte Quadrat ein »a« hoch zwei an die Tafel.

Dieser zeichenorientiert-komplexen Ästhetik steht – sicher auf Augenhöhe – die landläufige Meinung gegenüber: So spannend ist das gleichseitige Viereck eigentlich nicht, denkt man im Vergleich – Constantin Brancusi lässt grüßen – an die Faszination der Ei-Form, die ungleich mehr Symbolik enthält. Nun widmet sich die Sammlung Ritter in Waldenbuch seit Jahren dem speziellen Quadrat, das zu Ruhm und Ehre, nicht zuletzt als geniales Marketingkonzept eines Schokoladen-Imperiums »erfunden« wurde. Gerade weil man begründet, die Meinung vertreten kann, ein solches Motiv könnte künstlerisch kaum langfristig tragen, darf man gerne gestehen, dass die schlichte Geometrie in Waldenbuch in regelmäßigen Abständen Triumphe feiert. (Vielleicht steckt dahinter eine Verlässlichkeit der Form, die ihren Widerhall in der Firmenpolitik findet, die sich den fairen Handel im Schoko-Geschäft auf ihre Fahnen geschrieben hat – hier sei einmal daran löblich erinnert.)

Dominierten in den vergangenen Ausstellungen im Dudler-Bau historische Längsschnitte innerhalb des 20. Jahrhunderts, so zeigt die aktuelle Schau »Neue Freunde« erstmals ausschließlich Positionen der Gegenwart. Neun Künstler(innen) haben sich mit ihren Arbeiten auf die Museumsräume eingelassen, was der Präsentation eine besondere Note gibt: Inge Gutbrod (D, geb. 1963), Siniša Kandic (CH, geb. 1967), Stefanie Lampert (D, geb. 1966), Eva-Maria Reiner (D, geb. 1952), Michael Reiter (D, geb. 1952), David Shrigley (GB, geb. 1968), Silvia Wille (D, geb. 1961), So-Ah Yim (ROK, geb. 1965), Beat Zoderer (CH, geb. 1955). Shrigley war mit seinem Zeichentrickfilm »New Friends« der Stichwortgeber der Ausstellung – er spielt mit der Quadratur des Kreises bzw. der Verkreisung des Quadrats. Die Vielfalt verdeutlicht dabei das Schöne der neuen Freundschaft: zeichnerische Raumskulpturen (Reiter) oder ins Karree bezogene Kabelflusen (Wille), Textiles (Reiner) wie Installatives (Yim) zeigen die große Bandbreite des Themas, das darüber fast verloren geht – das Quadrat drängt sich kaum unmittelbar auf. Vielmehr stehen Stimmungswerte im Vordergrund, wie etwa bei den leuchtenden Wachsfliesen in wohnlichem Ambiente, die Inge Gutbrod geschaffen hat.

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Parallel zur »Freunde«-Schau findet im Museum Ritter eine Hommage an Geneviève Claisse (geb. 1935) statt, die aus der Geschichte der geometrischen Abstraktion nicht wegzudenken ist. Ausgehend von Malevitsch, Herbin und anderen entwickelte sie eine suprematistisch inspirierte Bildgestaltung, die auch heute noch nichts an ihrer lebendigen Frische eingebüßt hat. Nun ist Claisse zwar keine Verfechterin des reinen Quadrats, es ist nur eine von vielen Elementen in ihrer Kunst. Aber die Balance zunehmend abstrahierterer Farben und Formen, die sich dem Vierecke genauso hingibt wie der freien Gestalt, ist so spannend wie eh und je. Immerhin sind rund 50 Werke aus dem vergangenen halben Jahrhundert zu sehen, die so noch nie präsent waren. Es ist eine Flucht nach vorn, der man gerne folgen mag. Und sind wir ehrlich – so viel unscheinbare Vierecke gab es noch nie unter dem Zeichen einer quadratisch-praktisch-guten Welt der süßen Verführung.

 

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Weitere Ausstellungsbesprechungen zum Thema Quadrat

Das Schwarze Quadrat – Hommage an Malewitsch, Hamburger Kunsthalle, bis 10. Juni 2007

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 11–18 Uhr