Ausstellungsbesprechungen

QUERUNGEN mit Arbeiten von Gert Fabritius

Fabritius nimmt den Betrachter mit auf seine Gedankenreisen, begleitet von den postum rekrutierten Reisebegleitern Kafka und Rilke, Camus und Ionesco und anderen mehr, die uns wie selbstverständlich an die antiken Mythen und die Gefilde der christlich-humanistischen Kultur heranführen.

»Eine Frage, Herr K.: Möchten Sie mir Sonntag früh das Vergnügen machen, eine Partie auf meinem Segelboot mitzumachen?« Als der Direktor-Stellvertreter den Protagonisten in Franz Kafkas Roman »Der Proceß« so nett fürs anstehende Wochenende einlädt, hat der schon jede Menge Ärger am Hals, außerdem am Sonntag einen unangenehmen Termin und vor alledem: keine Ahnung, wie ihm geschieht.

… (Fabritius) nimmt den Betrachter mit auf seine Gedankenreisen, begleitet von den postum rekrutierten Reisebegleitern Kafka und Rilke, Camus und Ionesco und anderen mehr, die uns wie selbstverständlich an die antiken Mythen und die Gefilde der christlich-humanistischen Kultur heranführen, die – und das ist ganz wichtig – mit einiger Ironie an das Existenzielle im Menschen rühren. Kurzum: Fabritius entführt uns immer wieder aufs Neue, für einen Moment, in andere Räume, Zeiten und Sphären.

Das Großartige seiner Kunst ist die nahezu universale Sprache seiner Zeichen und Chiffren, die so viel offen lassen, dass man sich darin gleichermaßen frei bewegen und auch verlieren kann. Denn er entwirft keine Heileweltklischees und keine Heilsbotschaften, sondern eröffnet uns einen Zugang in das Labyrinth des Lebens, unseres Lebens. Labyrinthe lassen sich einfacher betreten als man sie wieder verlassen kann. Um eines gleich vorweg zu nehmen: Leicht macht Fabritius es uns nicht. Die QUERUNGEN erfassen jeden Winkel und alle Etagen im undurchdringlichen Gedankengebäude, bedürfen manchmal einiger Winkelgänge und Sprünge. Ob es da tröstlich ist, wenn wir im Schaffen Gert Fabritius’ das wieder finden, was der existenzialistische Philosoph und Romancier Albert Camus über Franz Kafkas Dichtung schrieb? »Es ist das Schicksal und vielleicht auch die Größe dieses Werkes, dass es alle Möglichkeiten darbietet und keine bestätigt.« Wenn wir uns darauf einlassen, spannt sich ein Bogen von schlichter Neugierde bis zur handfesten Irritation. Gert Fabritius ist Realist und Visionär und er führt uns an die Grenzen des menschlichen Denkens. Auch hier liegen QUERUNGEN, die nicht mehr rein zeitlich oder räumlich, sondern jenseits davon verlaufen …

Fortsetzung von Seite 1

Lassen Sie mich zu dem eingangs erwähnten Segelboot für Kafka zurückkommen. Wie wir den Daten entnehmen, hat Gert Fabritius die Zeichnung 1999 angefertigt und 2008 noch einmal überarbeitet. So unscheinbar diese Arbeit auf den ersten Blick aussieht, ist sie keineswegs. Zunächst sehen wir ein Boot, könnten uns sogar allein an der Machart erfreuen: Das blaue Segel, das mit den roten Rudern eine ästhetisch ausgewogene Diagonalkomposition bildet, die in vollendeter Balance mit dem halbseits braunen, halbseits grauen Schiffskörper in der Bildmitte steht. Bei aller formalen Schönheit fällt allerdings gleich auf, dass dem Schiff sein natürlicher Tiefgang fehlt, das heißt: Das Boot stakst über Land, ja wenn nicht bodenlos durch das Nichts. Kein Wasser in Sicht. Zwei Dinge lassen sich nun ablesen. Zum einen stellen wir fest, dass Gert Fabritius offenbar eine symbolische Ebene bedient: Dieses Schiff kommt seiner Bestimmung, auf der See auszufahren, nicht nach, oder anders formuliert: die Gesetze der Natur sind zugunsten einer über- bzw. sur-realen Betrachtung aufgehoben. Und wie steht es mit den anderen der hier ausgestellten Schiffe?

Fabritius verwendet das Schiff als Chiffre, als mehrdeutiges Zeichen und bringt sie mit der Vorstellung der Arche in Verbindung, ausdrücklich aber als Mutmaßung. »Denn wir sind nur das, was wir nicht vergessen haben«, so untertitelte Fabritius vor wenigen Jahren die Präsentation eines Schiffszyklus in Hamburg. Bedeutungsschwer schwebte da die teils bedrohlich skelettierte, teils überbordend-kraftstrotzende Geisterflotte dahin. Die Technik des Holzschnitts unterstreicht die Drastik – deutlich sind die Spuren der Messer, des Meißels und der Kettensäge zu sehen. Wir wissen, dass die Arche letzten Endes glücklich auf dem Trockenen landet, wie übrigens auch das allgemeinere Schiffsmotiv im Matthäusevangelium Rettung im Sturm verspricht. Dagegen geht es in einer anderen bekannten Sintflutgeschichte schief: Im Gilgamesch-Epos sucht der Held nach dem ewigen Leben – vergebens. Das sind sie, die Mutmaßungen, wer kennt schon den wirklichen Ausgang einer symbolischen Aktion? In Zeiten, wo der Glaube allein nicht mehr trägt, ist man schnell gestrandet…

Hier kommt nun ein Zweites dazu, was wir dem Blatt mit dem »Segelboot für Kafka« entnehmen können. Hinlänglich bekannt ist der Satz von Franz Kafka: »Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern.« So bringt er selbst sein ganzes Schreiben auf den Punkt, und ich lasse diese Sentenz einmal so im Raum stehen. Dafür komme ich auf das andere Zitat zurück, das ich eingangs dem Kafka-Roman »Der Proceß« entnahm: »Eine Frage, Herr K.: Möchten Sie mir Sonntag früh das Vergnügen machen, eine Partie auf meinem Segelboot mitzumachen?« Diese für Kafka unvergleichlich harmlose Szene ist vor dem Kontext der aphoristischen Tiefsinnigkeit des Autors trügerisch, denn die Hauptperson, genannt K., ist kurz zuvor angeklagt worden, ohne zu wissen, weshalb. Fest entschlossen, sich zu verteidigen, lässt er das Angebot einer Segelpartie sausen. Zu diesem Zeitpunkt des Romangeschehens wittert er in der natürlichen Situation dieses Gesprächs allerhand Zwänge. »Es war«, so ist zu lesen, »nicht unwichtig für ihn, denn diese Einladung des Direktor-Stellvertreters, mit dem er sich niemals sehr gut vertragen hatte, bedeutete einen Versöhnungsversuch von dessen Seite und zeigte, wie wichtig K. in der Bank geworden war«. Wie immer bei Kafka widerfahren seinen Protagonisten Situationen, denen sie nicht gewachsen sind, an denen sie scheitern, die sie letztlich zögerlich meinen, akzeptieren zu müssen, während ein unbegreifliches Schicksal sie schon längst ins Abseits gedrängt hat. Im »Proceß« wird K. gnadenlos abgeurteilt, und er fragt noch nicht einmal nach der Strafe – sie kostet ihn mutmaßlich das Leben.

Fortsetzung von Seite 2

Treffsicher hat Albert Camus, von dem auch weiterhin noch die Rede sein wird, die Widersprüchlichkeiten des Lebens hervorgehoben. »Es ist ein merkwürdiges, aber offensichtliches Paradox«, hat er geschrieben, » – je ungewöhnlicher die Abenteuer des Helden sind, um so stärker spürt man das Natürliche der Erzählung: es verhält sich proportional zum Abstand, den man fühlt zwischen der Fremdartigkeit eines Menschenlebens und der Selbstverständlichkeit, mit der dieser Mensch es auf sich nimmt.« Die Geschehnisse in Kafkas Romanen wie auch seine Sprache sind einfach und kompliziert zugleich, so wie die Bildzeichen im Werk von Gert Fabritius unmittelbar eingänglich zu sein scheinen und zugleich eine Fülle von Deutungen eröffnen. Das Schiff ist nur eines davon. Wenn Kafka es in einem kleinen Dialog als potenzielles Motiv erwähnt, nimmt Fabritius es keineswegs illustrativ auf. Vielmehr schiebt er die komplexe literarische Fiktion im Werk Kafkas und seine eigene vielschichtige Kunstwelt übereinander.
 
Gert Fabritius, A Ionesco, 1996/2006, Mischtechnik © Gert Fabritius

Gert Fabritius, A Ionesco, 1996/2006, Mischtechnik © Gert Fabritius

Gert Fabritius bezieht sich dabei ausdrücklich auf den Philosophen Albert Camus, der mit seinem berühmtesten Essay den Mythos von Sisyphos für die Gegenwart wiederbelebte, indem der dessen sinnloses Tun zur wenn auch tragischen Revolte gegen die Schicksalsmächte – seien sie nun Götter oder Staatsmänner – umdeutete, mit dem trotzigen Credo: »Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.« (Kafka, der Camus natürlich nicht kannte, witzelte noch: »Sisyphos war ein Junggeselle«.) Zur Erinnerung: Sisyphos plauderte Geheimnisse über die Götter aus, die ihn deshalb zu der völlig sinnlosen Tätigkeit verdammten, immerzu einen Stein den Berg hinauf zu rollen, der von oben jedes Mal wieder ins Tal rollte. Der Camus'sche Sisyphos, der gerade daraus einen Sinn schöpft, ist eine Lieblingsfigur von Gert Fabritius, wobei sie zugleich ein Muster für den Menschen schlechthin abgibt, ganz im Sinne des Schriftstellers Günter Grass, der in dem Essay »Sisyphos und der Traum vom Gelingen« festhielt: »Die absurde Situation des Menschen, wie sie Camus beschreibt, erlaubt, weiter tätig zu sein, auch wenn keine Hoffnung besteht.«

Fortsetzung von Seite 3

Apropos »Traum vom Gelingen«. Sie finden hier unter den ausgestellten Arbeiten auch ein Blatt, das betitelt ist mit »Traum des Minotaurus«, eine zweite tragische Symbolfigur im Werk von Gert Fabritius. Der geistige Vater von Minotaurus ist im Mythos Daedalus, der als Vater des Heißsporns Ikarus wohl bekannter ist. Als früher Vertreter der Objektkunst schuf dieser Bildhauer ein hohles Rindvieh, in das sich Pasiphae verguckte – aus der Vereinigung beider ging das Ungeheuer Minotaurus, halb Mensch, halb Stier, hervor, dem Daedalus ein Labyrinth baute, aus dem es kein Entrinnen gab. Wieder denke ich an den Satz: »Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern.« Ausgerechnet diesem Minotaurus, der sich in diesen Räumen an verschiedenen Stellen gebärdet, gibt Fabritius ein fahrtüchtiges Boot an die Hand, auch wenn der Stiermensch unbeholfen im Wasser stochert. Aber es ist auch nur ein Traum – vielleicht ein Traum vom Ausweg.

Gert Fabritius versteht es, die großen Mythen für die Gegenwart nutzbar zu machen – und eben nicht daran zu zerbrechen. Vermochte der Mensch einst in den antiken Erzählungen von dem steinewälzenden Sisyphos oder dem Doppelwesen Minotaurus und den biblischen Urerfahrungen wie dem Arche-Motiv noch Trost im Elend des Daseins zu schöpfen und das Schicksal in Ergebenheit anzunehmen, so steht der moderne Mensch, wie er von Camus, Ionesco und Kafka dargestellt und analysiert worden ist, als Täter und Getriebener dem Schicksal gegenüber, einer Schuld weniger bewusst als des Scheiterns im ohnehin absurden Dasein, das als solches sich über den Schicksalsglauben erhebt. In seinem Essay »Minotauros« widmete sich der nun schon bekannte Philosoph Camus auch dem Stiermenschen – und den Steinen. »Die Unschuld«, heißt es da, »braucht den Sand und die Steine. Und der Mensch hat verlernt, in ihrer Mitte zu leben… Bejahen wir den Stein, wenn es sein muss.«

An dieser Stelle kann ich die QUERUNGEN im mythisch grundierten Figurenpersonal nicht weiter ausführen, um auch noch einige Worte über die Dingwelt bei Gert Fabritius zu sagen. Von den Schiffen war bereits die Rede, die ja auch nur Vehikel des menschlichen Daseins sind. Dazu kommen noch Leitern und Stühle. Leitern tauchen im Zeichenrepertoire von Fabritius oft auf; sie bilden das Bindeglied verschiedener Ebenen, sowohl in zeitlicher wie auch in räumlicher und metaphysischer Hinsicht ... Allerdings ist das Dasein zu komplex und auch zu sur-real, als dass ihm mit einem banalen Oben-Unten-Schema Genüge getan wäre. Die Leiter, die zumal den Schiffen beigestellt ist, weist nicht allein auf die lichten Sphären einer phantastischen Engelswolkenburg: Hier, auf diesen unzähligen Booten, werden die Ideen in die intermediale Weite hinausgetragen. Hier drängen sich QUERUNGEN regelrecht auf. Man könnte beim Bild der Leiter darüber nachdenken, ob sie als Sinnbild eher für das Ziel steht als für den Weg: In kaum einer Arbeit wird darauf ein Weg zurückgelegt, sie stellt nur eine Möglichkeit dar. Wenn gelegentlich ein Sisyphos auf den Sprossen steht, muss man gar nicht mal den nun schon vielfach zitierten Kafka-Satz bemühen, um das Zögern zu spüren.

Fortsetzung von Seite 4

Neben den Leitern füllen Stühle die Schiffe. Ikonographisch sind sie schwierig einzuordnen: Interieurs zeigen sie häufig als meist unscheinbares Objekt, das man als selbstverständlich hinnimmt, eine Sitzgelegenheit eben... Angesichts von Fabritius’ Stühlen sagte sein Malerkollege Lude Döring einmal lapidar: »Das sind ja gar keine Stühle, das sind Menschen.« Für Gert Fabritius stellt der Stuhl eine jener undurchdringbaren Chiffren mit vielgestaltigem Deutungshorizont dar: Das Bild des Stuhls wird zunächst als Thron fassbar: mit hoher, gerader Rückenlehne, dann – ’mal abstrakt, ’mal auch ganz wörtlich zu verstehen – als Bildträger und nicht zuletzt als »transportable Heimat« ... Längst ist der »leere Stuhl« als hetoimasia zum stehenden Begriff geworden, mit dem man die nicht sichtbare, das heißt geistige Anwesenheit einer Gottheit bezeichnet. Das Christentum hat das Stuhlsymbol vom Königs- bzw. Kaiserthron auf den prophezeiten Messias umgemünzt, und noch die Bezeichnung des »Heiligen Stuhls« als Vergegenwärtigung des Papstes höchstselbst …, zeigt die Dimension, die der Chiffre innewohnt.

Doch greift er andrerseits noch über dieses religionspolitische Themenfeld hinaus. Die Heilserwartung fasst Fabritius spielerischer auf, wobei er die Metaphorik in mehreren Abstraktionsstufen bis hart an die Gegenstandslosigkeit ausreizt – wie er es ja auch in seiner Schiffs-Serie tut. Und das eben auch mit dem Witz des souverän agierenden Künstlers, wobei mit »Witz« die ironische Brechung wie die gewitzte, sprich kluge Verstandesleistung gemeint ist: Der Thron ist offenbar nicht nur Träger einer Bedeutung, sondern darüber hinaus auch Träger des Bedeuteten selbst. Der Stuhl als Mensch. Das klingt absurd. Genau das trifft jedoch den Kern von Fabritius’ Werk. Eine großartige Linie tut sich auf von Max Ernsts surreal-majestätischer Capricorn-Gruppe, der man gern heimlich die kleine Minotaurus-Bronze von Fabritius beifügen würde, bis hin zu dessen Thronbildern und jenen Stuhlobjekten, die das Thema noch ins Dreidimensionale erweitern. Ich erwähnte bereits ein solches Objekt mit dem Titel »Sänfte – Transportable Heimat«, das Sie in unsrer Ausstellung sehen. Begreifen wir den Stuhl als anthropomorphe Gestalt, werden die Negativformen der als Lehne bzw. Sitzfläche verwendeten Druckplatten folgerichtig zu den kreativen Ideen, die auf der Leinwand, auf Büttenpapier, gelegentlich auch auf Segeltuch reale Form annehmen. Wer die Platten dieser Objekte eingehend betrachtet, wird hier dem unermüdlichen Steinewälzer Sisyphos aus der Mythologie, dort einer von Fabritius' Koggen begegnen.

Eine beeindruckende Parallele bietet Eugène Ionescos tragische Farce »Die Stühle«, mit denen der in Rumänien geborenen Gesinnungsgenosse Becketts das absurde Theater auf eine einfache Dingebene gehoben hat, die im Laufe des Stücks mehr und mehr Besitz von der Bühne ergreift und die ausweglose Situation unsres Daseins drastisch vorführt. Über den »Sinn« dieses Stücks schreibt lonesco in seiner Vorbemerkung: »Die Welt erscheint mir mitunter leer von Begriffen und das Wirkliche unwirklich. Dieses Gefühl der Unwirklichkeit, die Suche nach einer wesentlichen, vergessenen, unbenannten Realität, außerhalb derselben ich nicht zu sein glaube, wollte ich ausdrücken mittels meiner Gestalten, die im Unzusammenhängenden umherirren und die nichts ihr eigen nennen außer ihre Angst, ihre Reue, ihr Versagen, die Leere ihres Lebens. Wesen, die in ein Etwas hinausgestoßen sind, dem jeglicher Sinn fehlt, können nur grotesk erscheinen, und ihr Leiden ist nichts als tragischer Spott. Wie könnte ich, da die Welt mir unverständlich bleibt, mein eigenes Stück verstehen? – Ich erwarte, dass man es mir erklärt!« Und in der letzten Regieanweisung ist zu lesen: »Die Bühne ist leer – mit ihren Stühlen, der Brüstung, dem Boden voller Konfetti und Papierschlangen. Die Tür im Hintergrund ist weit geöffnet - auf das schwarze Nichts. Zum erstenmal hört man menschliche Laute aus der unsichtbaren Menge: Lachen, Murmeln, Scht-scht, ironisches Hüsteln. Ganz leise zunächst, dann stärker, bis es von neuem abklingt und verhallt. Das muss lange genug dauern, um dem Publikum … diesen Schluss ins Gedächtnis zu prägen…«. Der übermalte Holzschnitt »A Ionesco«, der dieses Schlussbild atmosphärisch einfängt, ist für mich eine der schönsten Arbeiten von Gert Fabritius.

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Doch lassen Sie mich mit diesem Beispiel zu einem vorläufigen Ende meiner Ausführungen kommen. Die Malerei von Gert Fabritius kreist um das Bild des Menschen, der bei aller Gewissheit von der Absurdität seiner Existenz eingebunden bleibt in unsre mythisch und religiös fundierte Kultur. Erhobenen Hauptes, nicht ohne Ironie, fördert der Künstler, gleichsam Humanist und – im besten Sinn – Moralist, sie in einem Akt der Selbstbespiegelung und der künstlerischen Einbildungskraft zu Tage...

Faszinierend ist die Selbstverständlichkeit, wie dies alles geschieht. Nehmen Sie Fabritius' Menschenbilder dazu, wie sie sich in diese Welt fügen. Es ist interessant zu beobachten, dass sie nicht durchs Leben gehen. Nein: sie kauern, sie gestikulieren, sie springen auf der Stelle oder zögern und zaudern. Sie erinnern sich: »Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern.« Als würden Fabritius’ Geschöpfe dagegen angehen, figurieren sie – en detail - häufig unter dem Titel »Schritte«. Noch einmal will ich Camus' Auslassungen über Kafkas Romanfigur bemühen, um zum entscheidenden Begriff zu kommen. Was diesem K. widerfährt, nehme er ohne Verwunderung an. »Über diesen Mangel an Erstaunen«, wieder zitiere ich Camus, »wird er – K. – nie genug staunen. An diesen Widersprüchen erkennt man die ersten Anzeichen eines absurden Werkes. Der Geist projiziert seine geistige Tragödie ins Konkrete. Und das kann er nur mittels eines ständigen Paradoxons, das den Farben die Macht verleiht, das Leere auszudrücken, und den Gesten des Alltags die Kraft, das ewige Streben zu übersetzen.« Wenn Camus geahnt hätte, wie trefflich Gert Fabritius diese Forderungen an ein absurdes Werk aufs Papier bringt! Denn weder Fabritius noch Kafka noch Camus ging und geht es je um ausweglose Verzweiflung. Dem Absurden schlechthin trotzen sie einen Sinn ab.