Ausstellungsbesprechungen

Ré Soupault – Künstlerin im Zentrum der Avantgarde, Kunsthalle Mannheim, bis 8. Mai 2011

Als vor nicht allzu langer Zeit im Berliner Martin-Gropius-Bau eine große Werkschau der Fotografien Soupaults stattfand, bedeutete das für einige Fotofreunde ein freudiges Wiedersehen mit fotografischen Arbeiten, die sonst nur selten zu sehen waren; für die Mehrheit der Besucher war es sogar eine spannende Erstbegegnung. Wer die Ausstellung in Berlin damals verpasst hat, kann nun das Versäumte in der Kunsthalle Mannheim nachholen. Im Unterschied zur Berliner Ausstellung wird in Mannheim nicht nur das fotografische Œuvre der Künstlerin gezeigt, sondern die „ganze Soupault“ in der erstaunlichen Breite ihrer künstlerischen Aktivitäten. Rainer K. Wick hat sich die Ausstellung für Sie angesehen.

Als Meta Erna Niemeyer in Pommern geboren, ging Ré Soupault im Frühjahr 1921 nach Weimar, um am Staatlichen Bauhaus zu studieren. Besonders fasziniert von Ittens kunstpädagogischem Konzept und dessen charismatischer Ausstrahlung, nahm die junge Bauhaus-Schülerin gleich zwei Mal an dem halbjährigen Vorkurs teil. »Wir lernten nicht malen, sondern lernten neu sehen, neu denken und zugleich lernten wir uns selber kennen. […] jetzt rückte der Mensch in den Mittelpunkt«, erinnert sich die Künstlerin in der Rückschau.

Der Dadaist Kurt Schwitters nannte sie – weshalb auch immer – Ré (wohl eine Abkürzung für Renate), und fortan ersetzte sie ihren Mädchenamen Erna durch Ré. 1926 heiratete sie den dadaistischen Künstler Hans Richter. Doch schon bald scheiterte die Ehe, und Ré Richter, wie sie jetzt hieß, siedelte 1929 nach Paris über, wo sie bald Zutritt zum inneren Zirkel der Künstleravantgarde fand – Man Ray, Foujita, Giacometti, Léger, Kertész, Florence Henri, um nur einige zu erwähnen. In der französischen Hauptstadt gründete sie ein anfänglich außerordentlich erfolgreiches Modestudio und Konfektionshaus, und hier lernte sie 1933 den Mitbegründer der Surrealismus Philippe Soupault kennen, dessen Ehefrau sie 1937 wurde. Aus Erna Niemeyer alias Ré Richter war Ré Soupault geworden, die in der Folgezeit mit ihrem Mann zahlreiche europäische Länder bereiste. So entstand zwischen 1936 und 1942 das herausragende fotografische Œuvre, meist im Zusammenhang mit Reportagen ihres Mannes, die von Ré mit einprägsamen Fotos illustriert wurden.

Diese knappe biografische Skizze belegt jenen Universalismus, der geradezu als ein Markenzeichen des Bauhauses gelten kann. Denn es ging dem Bauhaus nicht um die Ausbildung, ja Abrichtung berufstüchtiger Spezialisten, sondern um die ganzheitliche Erziehung von Generalisten (um einen Begriff von Bazon Brock aufzugreifen), die in der Lage sind, auch in Bereichen kreativ und zugleich kompetent zu agieren, die nicht Gegenstand des formalisierten Curriculums sind. So gab es am Bauhaus in Weimar weder eine Mode- noch eine Fotoklasse. Und doch hat Ré Soupault als Modeschöpferin wie auch als Fotografin Hervorragendes geleistet.

Im Paris der Dreißiger Jahre war es dieser bauhaustypische „universalistische“ Hintergrund, der Ré Soupault, damals noch Ré Richter, eine bemerkenswerte Karriere als Modemacherin ermöglichte. Ausgehend von einer fundamentalen Kritik an der unpraktischen Damenmode der damaligen Zeit, forderte sie das sachliche Kleid für die berufstätige Frau. In der Zeitschrift Die Form des Deutschen Werkbundes argumentierte sie 1930: »90 v.H. aller Frauen arbeiten heute, und diese 90 v.H. brauchen eine rationelle Kleidung«. Ob diese statistische Angabe korrekt ist, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls war die Antwort Ré Richters der Entwurf des so genannten Transformationskleides, eines schlichten Kleides, das tagsüber am Arbeitsplatz getragen und nach Dienstschluss umstandslos in eine elegante Abendrobe verwandelt werden konnte. Für die Ausstellung in der Kunsthalle hat die Mannheimer Modedesignerin Dorothee Schneider einige dieser variationsfähigen Kleidungsstücke nach alten Entwurfszeichnungen nachgeschaffen.

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»Bei null anfangen« lautete ein gern zitiertes Motto am Bauhaus, und Ré Soupault hat dies wie folgt bekräftigt: »Unsere ganze Lebens- und Denkweise war darauf gegründet: neu anfangen, alles, was gewesen war, über Bord werfen […]«. Nachdem sie ihr Pariser Modestudio Mitte der Dreißiger Jahre aufgegeben hatte, erschloss sie sich mit erstaunlicher Schnelligkeit und Sicherheit die Prinzipien der so genannten Neuen Fotografie, die sich damals in Gestalt des Neuen Sehens einerseits und der Neuen Sachlichkeit andererseits manifestierten. Die Künstlerin hat in ihre fotografische Arbeit gleichermaßen Sichtweisen und Gestaltungsprinzipien des Neuen Sehens mit seinen harten Schatten und seinen dezidierten Unter- und Aufsichten wie auch der Neuen Sachlichkeit mit ihrem nüchtern registrierenden Blick auf die Dinge einfließen lassen.

Nicht nur als Zeitdokumente, sondern auch wegen ihrer künstlerischen Qualität bilden die Reportagefotos, die Ré Soupault in den anderthalb Jahrzehnten zwischen 1935 und den frühen Fünfziger Jahren geschaffen hat, einen der Höhepunkte der Fotogeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie sind beredte Zeugnisse einer humanistischen Fotografie, der es nicht primär um das „interessante Bild“ ging, sondern immer darum, die Welt durch Bilder zu erklären und dabei der Würde der abgebildeten Menschen Rechnung zu tragen.

In ganz besonderem Maße gilt dies für die Fotos, die Ré Soupault 1939 im „Quartier réservé“, im Prostituiertenviertel von Tunis aufnehmen konnte. Mit sicherem Gespür für die „magische Sekunde“ ist es der Fotografin gelungen, jenseits von Sensationsgier und Voyeurismus das menschliche Antlitz der hier lebenden Frauen – verwaist, von ihren Männern verstoßen, gesellschaftlich ausgegrenzt – zu dokumentieren.

Abenteuerlich ist die Geschichte des Verlusts und der Wiederentdeckung eines Großteils der Negative. 1942 hatte Ré Soupault aus Tunis fliehen und alles zurücklassen müssen, auch ihr Fotoarchiv. Nach Kriegsende tauchte im Souk von Tunis eine Schachtel mit Negativen auf, die von einer Freundin der Künstlerin sichergestellt werden konnte. Doch erst in den Achtziger Jahren begann die Sichtung, sukzessive Aufarbeitung und schrittweise Veröffentlichung des fotografischen Œuvres von Ré Soupault durch Manfred Metzner, der auch in dem Katalogbuch zur Ausstellung einen informativen Aufsatz beigetragen hat.