Ausstellungsbesprechungen

Radical Light: Italy's divisionist painters 1891 - 1910

Der italienische Divisionismus war bisher in der Kunstgeschichte nicht unbedingt ein gängiger Begriff. Er geht auf die Kunstkritik von Félix Féneón zurück, der mit der »divisionistischen Methode« die Zerlegung der Lokalfarben in einzelne, nach Funktion und Art getrennte Farbwerte (Reflexfarbe, Schattenfarbe, Kontrastfarbe) auf den Bildern der Pointillisten und Neo-Impressionisten Georges Seurat und Paul Signac beschrieb.

Der italienische Divisionismus entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Impressionismus und gilt als erste international ausstrahlende Avantgardeströmung Italiens. Die Farbe wird hier nicht als Fläche, sondern als System von Punkten und Strichen aus den Grundfarben auf die Leinwand aufgetragen, so dass sich erst aus größerer Entfernung die verschiedenen Tonabstufungen ergeben.

Im Jahre 1891, dem Gründungsjahr der italienischen Divisionisten, stellten acht junge Künstler zum ersten Mal gemeinsam in der »Esposizione Triennale di Belle Arti di Brera« in Mailand aus. Es war eine lose Vereinigung von in Norditalien tätigen Malern, die den Anschluss an die internationale Kunstavantgarde suchten. 

Ein international bekannter Vertreter dieser Künstlergruppe war Giovanni Segantini, dessen stark vom Symbolismus geprägte Arbeit »Die bösen Mütter« von 1896-97 als bedeutendes Beispiel des Divisionismus und Symbolismus in die Kunstgeschichte einging. Des Weiteren ist Guiseppe Pellizza da Volpedo als ein wichtiger Vertreter dieser Künstlergruppe zu erwähnen, der mit dem Gemälde »Der vierte Stand« eine Ikone der Arbeiterbewegung geschaffen hatte, deren große Bedeutung zweifellos in die Kunstgeschichte eingegangen ist. Es ist eines der gewaltigsten Werke jener Zeit um 1900, das den Kampf der untersten Klasse thematisiert. Dargestellt sind die italienischen Landarbeiter, die angesichts elender Lebens- und Arbeitsbedingungen selbstbewusst ihre Rechte einfordern.

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Am Ende des 19. Jahrhunderts geriet der neu entstandene Staat Italien in eine wirtschaftliche Krise, die mit politischer Unsicherheit und sozialen Unruhen verbunden war. Die Einigung Italiens im Jahre 1871 versprach den Menschen Demokratie und nationalen Fortschritt. Jedoch sah die Realität anders aus. Die gefallenen Löhne der Arbeiter führten zu Aufständen und Streiks der Arbeiterschicht. Eine regelrechte Flucht der Landbevölkerung in die Städte Italiens setzte ein, was zur Folge hatte, dass sich die regionalen Unterschiede noch weiter vergrößerten.

Die Divisionisten wollten mit ihren Gemälden Missstände anprangern und somit Veränderungen herbeiführen. Doch trotz des großen künstlerischen und sozialen Engagements der Künstler, erreichten die Divisionisten nie den nötigen Zusammenhalt, um eine breite internationale Anerkennung zu erzielen. Die Malerei der Divisionisten bereitete den Weg für die nachfolgende Malergeneration der Futuristen, wie etwa Giacomo Balla, Umberto Boccioni und Gino Severini. Die zeitaufwändige divisionistische Technik wurde zugunsten einer raschen Malerei aufgegeben, der Realismus wurde überwunden und neue Themen wurden gewählt.

In der Ausstellung wird überzeugend die enge Beziehung zwischen dem italienischen Divisionismus und der aufkommenden futuristischen Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts gezeigt. »Radical Light« ist mit etwa 60 Kunstwerken eine der größten Ausstellung dieser Art in Großbritannien, die sich mit dieser schon fast vergessenen und doch so kraftvollen Kunstbewegung auseinandersetzt.

»Radical Light« wurde von der National Gallery London in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich realisiert. Eine weitere Station der  Ausstellung, die noch bis zum 7. September 2008 in der National Gallery zu sehen ist, wird ab dem 26. September 2008 das Kunsthaus Zürich sein.

 

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Öffnungszeiten
täglich 10 bis 18 Uhr
Mittwoch 10 bis 21 Uhr