Kataloge, Rezensionen

Raimund Wünsche: Glyptothek München. Meisterwerke griechischer und römischer Skulptur, Verlag C.H. Beck, München 2005

Der neue Katalog der Glyptothek München ist ein prachtvoller, sorgfältig aufbereiteter Bildband. Er wurde verfasst von Raimund Wünsche, dem Direktor der Glyptothek, der anlässlich der neuen Publikation umfangreiche Recherchen zur Geschichte seines Hauses angestellt hat und sich neben dem exzellenten Katalogteil einer umfassenden geschichtlichen Darstellung dieser außergewöhnlichen Sammlung widmet. Immerhin beging die Glyptothek unlängst den 200. Jahrestag ihrer Gründung.

Die Sammlung wurde von König Ludwig I. von Bayern begründet, der ein großer Liebhaber der antiken Skulptur war und den Ankauf der Antiken sowie den Bau des Museums aus seiner Privatschatulle bestritt. Die Glyptothek war seine persönliche Schöpfung. „An Zahl werden die großen Museen das meinige übertreffen“, schrieb er einmal, „in der Quantität kann sich nicht, an Qualität soll sich meine Sammlung auszeichnen“. Dies ist ihm auch gelungen.
Der Kronprinz bewies vor allem eine glückliche Hand in der Auswahl seiner Berater, die für ihn als Gutachter und Kaufagenten tätig waren, und es liegt wohl vor allem an dieser kongenialen Konstellation, dass die Glyptothek zu der bedeutenden Antikensammlung heranwachsen konnte, die sie heute ist. Wünsche stellt uns die Persönlichkeiten vor, die damals im Auftrage Ludwigs wirkten, insbesondere den Maler und Bildhauer Johann Martin von Wagner, durch dessen Verhandlungsgeschick die bedeutendsten Ankäufe zustande kamen.

Zugleich gibt er einen Eindruck davon, wie mühsam und langwierig solche Kaufverhandlungen sein konnten. Zwar waren die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts paradiesische Zeiten für Kunstsammler, da in Rom damals ein regelrechter Ausverkauf von Altertümern stattfand. Doch es gab keine festen Preise, und die Konditionen konnten sich in diesen unruhigen Zeiten schlagartig zum Besseren oder auch zum Schlechteren wenden. Auf das Feilschen um den Wert der Kunstwerke folgte nicht selten ein weiterer Verhandlungspoker rund um deren Herausgabe, die Erteilung von Ausfuhrgenehmigungen etc. Zudem standen die Bayern mit ihren Sammlerambitionen in Konkurrenz zu Frankreich und England, was zusätzliche diplomatische Komplikationen mit sich bringen konnte.

Eine der bedeutendsten Erwerbungen glückte im Jahr 1812, als Wagner auf einer öffentlichen Auktion die gerade erst von englischen und deutschen Archäologen entdeckten Giebelskulpturen des Aphaia-Tempels auf Ägina ersteigern konnte. Die Ägineten gelangten auf langen, verschlungenen Wegen zunächst nach Rom. Was daraufhin folgte, war eine der umstrittensten Restaurierung des 19. Jahrhunderts: auf den ausdrücklichen Wunsch Ludwigs hin wurde der Bildhauer Bertel Thorvaldsen damit beauftragt, die fehlenden Teile der Skulpturen nachzubilden. Doch schon bald darauf standen diese Ergänzungen unter heftiger Kritik. Im Zuge des Wiederaufbaus der Glyptothek in den 1960-er Jahren wurden die Prothesen wieder abgenommen und die Aufstellung der Figuren korrigiert. Heute wird man wohl der aktuellen Rekonstruktion der Ägineten den Vorzug geben, nichts desto weniger ist es spannend, sie anhand der historischen Fotoaufnahmen mit der klassizistischen Version von Thorvaldsen zu vergleichen.

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Zur Geschichte der Glyptothek gehört nicht zuletzt das Gebäude selbst. Errichtet 1815-30 von Ludwigs Lieblingsarchitekten Leo von Klenze, war dieser Bau eines der frühesten Museumsgebäude, das speziell für diese Aufgabe konzipiert wurde. Dem zukünftigen Inhalt entsprechend verband Klenze in der Formgebung griechisch-antike und römische Stilelemente, schuf jedoch gleichzeitig ein Bauwerk von höchster Funktionalität, die sich bis heute bewährt hat.

Klenze entwickelte auch das Konzept der Aufstellung der Skulpturen und entschied sich für eine chronologische Anordnung der Objekte, was zur damaligen Zeit durchaus noch keine Selbstverständlichkeit war. Ursprünglich waren die Ausstellungsräume mit einer üppigen Innendekoration ausgestattet. Polychrome Marmorfußböden, verschiedenfarbig getönte Wände mit Marmorimitation und Gewölbe mit teilweise vergoldetem Stuck sowie Fresken aus der Hand von Peter von Cornelius prägten das Bild. Die heute verschwundene Pracht ist durch einige Fotographien und Aquarelle dokumentiert, freilich erhob sich schon damals der Vorwurf, dass die reiche Ausstattung eher von den Exponaten ablenkte.
Wie auch immer, die alte Glyptothek wurde 1944 durch Bombentreffern schwer zerstört (glücklicherweise hatte man die Kunstschätze rechtzeitig ausgelagert) und öffnete erst nach einer langen Wiederaufbauphase 1972 wieder ihre Tore. Die moderne Gestaltung folgt einer völlig anderen Raumkonzeption, denn nach langer Diskussion entschied man sich für eine vollständige Entfernung klassizistischen Dekors. Stattdessen tritt heute das Ziegelmauerwerk sichtbar hervor und verleiht Decken und Wänden ihre charakteristische Struktur; die rötliche Tönung wird durch eine dünne Kalkschlämme gedämpft. Zusammen mit dem Blaugrau des Fußbodens ergibt sich ein sehr zurückhaltender Hintergrund für die antiken Marmorskulpturen, die durch die neue Präsentation in ihrer Wirkung unbestreitbar gewonnen haben.

Das Fehlen der ursprünglichen, klassizistischen Innenausstattung wird nicht als Verlust wahrgenommen. Ebenso wenig macht die heutige Glyptothek den Eindruck eines altmodischen, verstaubten Museums, sondern wirkt dank der Neukonzeption sehr modern und gegenwartsorientiert. In der derzeitigen Aufstellung zeigt sie ausschließlich griechische und römische Bildwerke aus dem Zeitraum vom 6. Jahrhundert v.Chr. bis zum 6. Jahrhundert n.Chr.

Die Highlights der Sammlung werden im Katalogteil des Bandes vorgestellt – ein virtueller Rundgang, der zum Nachschlagen vor Ort wie zum gemütlichen Schmökern zuhause gleichermaßen geeignet ist. Die kompakten Begleittexte enthalten viel Wissenswertes über Alter und Herkunft der Figuren, Ikonographie und Interpretation, Material, Technik und Fragen der Rekonstruktion. Insbesondere bei der Erforschung der ursprünglich farbigen Fassung der antiken Skulpturen hat die Glyptothek in der jüngsten Vergangenheit aufsehenerregende Modelle erstellt.

Die Farbaufnahmen der Fotografinnen Christa Koppermann und Renate Kühling sind eine Klasse für sich. Sämtliche Exponate wurden nach Möglichkeit in situ, unter Einbeziehung von Naturlicht, fotografiert, und geben damit die Situation wieder, wie sie die BesucherInnen der Gyptothek vorfinden. Dadurch dokumentieren die Bilder nicht nur Einzelobjekte, sondern zeigen auch, wie sie in ihre Umgebung eingebettet sind und vermitteln viel von der räumlichen Atmosphäre und dem Flair der Ausstellungssäle. Es besteht kein Zweifel: dieses Museum lebt.