Buchrezensionen

Rainer K. Wick: Die Kunst Italiens. Architektur, Malerei, Plastik von der Antike bis heute, Zabern 2014

Lange Warteschlangen vor den Uffizien in Florenz, den Vatikanischen Museen in Rom oder den archäologischen Stätten in Pompeji belegen die Anziehungskraft italienischer Kunstschätze. Gleichsam als Lesebuch wie als Nachschlagewerk geeignet, gibt das Buch einen Überblick über mehr als 2.500 Jahre Kunstgeschichte von den Etruskern bis zu den Design-Legenden des 20. Jahrhunderts. Michael Cornelius Zepter hat es gelesen.

Die Kunst Italiens von der Antike bis heute in einem Buch von 400 Seiten darzustellen, das ist sicher für jeden Kunsthistoriker eine große Herausforderung. Rainer K. Wick – ausgewiesener Wissenschaftler wie erfahrener Pädagoge – hat sich an diese Aufgabe gewagt, wohl wissend, worauf er sich eingelassen hat. »Natürlich öffnet sich hinter jedem Namen, jedem Begriff, jedem Sachverhalt ein Universum, dessen Dimensionen annähernd erahnen kann, wer nur einen flüchtigen Blick auf die ständig anschwellende Literatur zur italienischen Kunstgeschichte wirft«, so der Autor im Vorwort. Dort beantwortet er auch die Frage nach der Zielgruppe. Es sind dies vor allem Italienreisende, die auch heute noch auf den Spuren der deutschen Künstler und Dichter in das »Sehnsuchtsland der Deutschen« pilgern. Ihnen will Wick einen »konzentrierten Überblick über mehr als zweitausend Jahre italienischer Kunstgeschichte bieten.« Ergänzend wäre hinzu zu fügen, dass diese Monografie auch Studenten der Kunst- und Kulturgeschichte eine klar gegliederte Einführung sowie einen fundierten Überblick über dieses für die europäische Kunst so wichtige Sachgebiet an die Hand gibt.

Die vom Verlag vorgegebenen Rahmenbedingungen (Buchumfang, Preisgrenze) machten es allerdings notwendig, auf bestimmte Gattungen und auf einzelne Künstler zu verzichten, die zwar in Italien lernten oder wirkten, im engeren Sinne aber nicht der italienischen Kunst zuzurechnen sind. Auch musste leider von farbigen Abbildungen sowie von der vollständigen Wiedergabe aller im Buch beschriebenen Werke abgesehen werden.

Wick ist nicht nur Kunsthistoriker und Kunstwissenschaftler, sondern kann auch auf eine langjährige, erfolgreiche Praxis als freier Fotograf und Pädagoge zurück blicken. Seine Laufbahn zeigt, dass er für seine wissenschaftliche Arbeit ein solides Fundament gelegt hat. Dabei bildeten Studien der Kunstgeschichte in Köln und Bonn die Grundlage, die er mit einer kunstsoziologischen Promotion über Happening und Fluxus bei René König sowie einer Habilitationsschrift über die Pädagogik am Bauhaus – eine wichtige frühe Monografie und auch heute noch ein Standardwerk – abschloss. In der Folge veröffentlichte er vor allem zahlreiche Schriften zur Kunst der Moderne, zur Kunstsoziologie und zur künstlerischen Fotografie. Mit Wick haben wir damit das selten gewordene Beispiel eines Kunstwissenschaftlers, der in seiner Arbeit konsequent Theorie mit Praxis zu verbinden im Stande ist. So liegen vielen Abbildungen eigene Fotografien zu Grunde und auch in den Beschreibungen spürt man, dass hier jemand mit genauem Blick und Fantasie am Werk ist. Er hat seine Arbeit streng historisch aufgebaut und die einzelnen Kapitel übersichtlich gegliedert, ohne sich sklavisch an das zu Grunde gelegte Schema zu halten.

So beginnt jedes Kapitel zunächst mit einer kurzen Passage zu den jeweiligen politischen, kultur-und kunstgeschichtlichen Fakten und vermittelt dabei auch Einblicke in kunstwissenschaftliche Zusammenhänge, in Form- und Kompositionslehre, Farbtheorie und Ikonografie. Die dabei herangezogene wissenschaftliche Literatur ist repräsentativ und enthält neben kunsthistorischen Standardwerken und wichtigen Monografien auch Quellen der jeweiligen Epoche, welche für das vertiefte Verständnis der Werke unerlässlich sind; gleiches gilt für Publikationen zu Themen der Kunsttheorie, der Ästhetik und der Kunstsoziologie. An diese Einführungen schließt sich in der Regel zunächst ein Kapitel über die jeweilige Architektur und Baukunst an, es folgen Skulptur und zum Schluss Malerei.

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In den Passagen über die Architektur bietet Wick uns eine hervorragende Übersicht über die italienische Baukunst, von den griechischen Tempeln Süditaliens und Siziliens, den Nekropolen und dem Städtebau der Etrusker bis hin zur modernen Ingenieurskunst eines Pier Luigi Nervi. Es ist unmöglich, die Fülle historischer Bauten im Einzelnen auch nur aufzuzählen und doch bringt Wick es fertig, uns hier von Kapitel zu Kapitel in der Summe ein »Buch im Buch«, eine konzentrierte Baugeschichte Italiens zu schenken.

Es folgen jeweils Ausführungen über die Plastik der jeweiligen Epoche. Hier möchte ich nur die beiden Kapitel über Michelangelo erwähnen, diesen Giganten der Kunst, den Wick auch angemessen würdigt und zwar als Bildhauer, Architekten und Maler. Er schuf in allen drei Gattungen zeitlos Gültiges und kann deshalb, mehr noch als seine Zeitgenossen Raffael und Leonardo, als Universalgenie gelten. So wuchs er zum Prototypen des genialen Künstlers, bei dem noch das Fragment zur Inspiration späterer Kollegen wurde, wie auch zum Vermittler zwischen Antike und Moderne.

Auch wenn man die Texte über die Malerei zusammenliest, findet sich dieser weite Spannungsbogen von den etruskischen Grabmalereien in den Farben der toskanischen Erden und Mineralien zu den herrlichen Goldmosaiken Ravennas; den strahlenden Freskenbändern gotischer Kirchen und der glühenden Farbigkeit sienesischer Altäre in Gold, Ocker, Orange, Zinnober, Purpur, Blauschwarz; den Wandel von der matten kühlen Farbigkeit der Eitempera hin zum Glanz der Ölmalerei; die im »sfumato« sich auflösende Kontur eines Leonardo oder Raffael; die vom Licht der Lagune inspirierten Gemälde der Venezianer; die düstere Farbpracht Tintorettos und dann das harte Hell-Dunkel eines Caravaggio; schließlich das Farbprisma der Futuristen und als Schlusspunkte Ende des 20. Jahrhunderts der befreite Pinsel des malenden Derwischs Vedova, die Stoffmontage Burris, die weiße Monochromie Manzonis und der Schnitt in die Leinwand von Fontana. Dies ist nur ein Ausschnitt aus dem Beitrag der Italiener zur Farbe und Maltechnik. Auch zur Entwicklung der Form und Komposition sowie der Ikonografie ließe sich Ähnliches sagen und lässt sich bei Wick finden.

Ein besonderes Interesse zeigt Wick für die fantastischen Aspekte der Kunst. So berichtet er über das immer noch geheimnisvolle Volk der Etrusker, über den Manierismus – insbesondere über den seltsamen und rätselhaften »Parco dei mostri« in Bomarzo–, wie auch über Piranesis fantastische Stiche, darunter die »Carceri«, deren Faszination bis heute andauert. Wick schreibt dazu: »In der Rückschau muten die ›Carceri‹ nicht nur wie Antizipationen des Surrealismus an, sondern wie Prophezeiungen der Schrecken des 20. Jahrhunderts, denen die Menschheit im Zeitalter der Diktatoren ausgeliefert war«. Auch die Skulptur von Maurizio Cattelan aus dem Jahr 1999, mit dem der Autor sein Buch über die Kunst Italiens abschließt, birgt einen magischen Kern: Der Stellvertreter Christi in Person des Papstes Johannes Paul II. wird von einem Meteoriten erschlagen. Gelöst werden kann dieses beklemmende Gefühl nur durch befreiendes Gelächter; die Kombination zwischen Fantastik und Ironie in der Arbeit von Cattelan scheint mir doch recht »italienisch«.

Es erübrigt sich zu betonen, dass sich an die – sicher nicht leicht zu bewältigenden – Lektüre unbedingt auch die Begegnung mit den originalen Werken vor Ort anschließen sollte. Auch dazu scheint mir das Werk ein hervorragender Vorbereiter und Wegweiser zu sein.