Buchrezensionen

Ralph Jentsch: Otto Dix. Der Krieg, Wienand Verlag 2013

Im Jahre 2013 gab Ralph Jentsch die ursprünglich 1924 veröffentlichte Mappe »Der Krieg« von Otto Dix neu heraus. Neben den 50 Radierungen sind auch Mappendeckel und Inhaltsverzeichnisse reproduziert worden. Eingeschlagen in einen Auszug aus Dix' »Sturmtruppen gehen unter Gas vor« und schwarz gebunden, wird kein Zweifel daran gelassen, dass man ein Buch voller dunkler Kapitel vor sich hat. Unser Autor Lennart Petersen hat es sich angesehen.

Der Erste Weltkrieg hat 100 Jahre nach seinem Beginn Hochkonjunktur. Zeitungen und Magazine sind wöchentlich gefüllt mit historischen Zusammenfassungen, Analysen und Features zu den verschiedenen Facetten der »Urkatastrophe«. Den Gedenkjahrmarkt kann man als eröffnet betrachten – das Thema wird regelrecht exhumiert, verführerisch »authentische« Bilderalben und Geschichtsdarstellungen suggerieren den objektiven Blick aus der Ferne. Der Mensch gruselt sich gern, er kann sich in Buchhandlungen und im Fernsehen die Spukgeschichten der Vergangenheit en détail zu Gemüte führen. »The Great War« wird erschlossenes Land, verschwindet erläutert zwischen Buchdeckeln und in DVD-Hüllen. Abgeklärt blickt der Mensch auf diese Produktionskette. Der Erste Weltkrieg? Been there, done that, bought the T-Shirt.

Wenn es derart im Westen nichts Neues an den Ladentischen gibt und die Gedenkindustrie mit ihren Sach- und Fachbüchern die Darstellung und Bewertung des Gewesenen übernimmt, greife man am besten zum altbewährt Subjektiven – in diesem Fall gern auf Otto Dix' Mappe »Der Krieg« in der Jentsch'en Neuauflage. Das Buch ist einer von drei Katalogen, die im Rahmen einer im belgischen Namur stattgefundenen Ausstellung zu Perspektiven von Dix, Grosz und Braeckman auf den Ersten Weltkrieg herausgegeben wurden. Er ist entsprechend der regionalen Verortung der Ausstellung dreisprachig, sodass jeder Text sowohl auf Niederländisch, als auch auf Französisch und Deutsch enthalten ist. Im Gegensatz zur kultisch verehrten, gleichsam vermeintlichen Objektivität von Frontfotografien und faktenheischendem Detailreichtum bietet der Katalog den Blick eines Einzelnen durch die Brille seiner Kunst. Hier wird deutlich, dass zur Darstellung des Erlebbaren und des menschlichen Erlebens mehr gehört als Faktizität. Die Darstellung muss den Weg durch den Menschen genommen haben, um das vom Menschen Durchlebte zu evozieren.

Der Inhalt des Kataloges besteht im Grunde aus zwei Teilen, nämlich dem eigentlichen Radierungswerk Dix' und der von Jentsch geschriebenen Kontextualisierung desselben. Diese wiederum muss man für den kritischen Blick in drei Abschnitte teilen: Jentschs Vorwort, die darin enthaltenen Feldpostbriefzitate von verschiedenen Malern und die hinter den Radierungen positionierten Zeittafeln zu Dix' Leben und dem Krieg selbst. Für den mündigen Leser interessant sind hierbei vor allem die Briefe, aus denen Jentsch eine Auswahl aussagekräftiger Passagen zitiert, um die Einstellung und Sichtweisen des einzelnen Künstlers – neben Dix auch George Grosz, Max Beckmann, Ludwig Meidner, Max Ernst und Franc Marc – herauszustellen. Gewiss, die Auswahl, die Jentsch trifft, korrespondiert mit der Beschreibung, die er selbst zuvor von den Malern gibt, inklusive ihrer jeweiligen Haltung zum Kriegsgeschehen. Eine Auswahl polarisiert und perspektiviert gezwungenermaßen. Dies ist jedoch nicht das Problem des Vorworts. Es liegt vielmehr im Jentschen Text als solchem.

Aussagen über Krieg und das Geschehen und Erleben im Krieg zu treffen ist schwierig. Gerade deshalb sind sowohl Dix' Radierungen als auch die Feldpostbriefe als subjektive Ansichten wichtig und wertvoll, denn sie verdichten eine besondere Atmosphäre, die ein Abbild des in sich paradoxen Kriegsgeschehens zwischen dem Schrecken und der Faszination an diesem Grauen erzeugt. Leider legt Jentsch einen unerträglich belehrenden Text dazu, der, in gehörigem Friedenspathos geschrieben, den Leser auf Spur bringen soll. Mancherorts fühlt man sich regelrecht in seinem Interpretationsvermögen entmündigt. Und dies gilt leider nicht nur für das Vorwort, sondern auch für die eigentliche Mappe, die im Original lediglich für jede Radierung mit einem entsprechenden Titel aufwartet, der von Jentsch allerdings um kurze Zwei- bis Dreizeiler erweitert wurde. Im Gegensatz zu Brechts »Kriegsfibel«, die in ihrer Komposition aus ausgewählten Bildern und Versen eine eigene anklagende Kraft entfaltet, wirken Jentschs Kurzbeschreibungen wie pädagogisches Beiwerk. Neben Dix' Radierung »Fliehender Verwundeter (Sommeschlacht 1916)«, einem in reduzierter Linienführung ausdrucksstarken Porträt, schreibt Jentsch: »Blankes Entsetzen verzerrt sein Gesicht, die Haare stehen ihm zu Berge. Wohin soll er fliehen? Weit wird er nicht kommen. Der Tod ist ihm gewiss« (Seite 88). Diese Beschreibung des Offensichtlichen ist ebenso unnötig wie die redundanten Verweise auf die Allgemeinplätze des Kriegsszenariums. Dix' Bilder haben durchaus die Kraft, für sich selbst zu sprechen.

Fortsetzung von Seite 1

Vernachlässigt man die Jentsch'en Texte und orientiert man sich an Dix' Radierungen und den Feldpostbriefen, entfaltet sich eine beunruhigende, drückende Schwere. Die Motive ergänzen sich zu einem Mosaik schleichenden Grauens, je länger man die in sich verschlungenen Szenen aus Schützengräben und Niemandsland entziffert. Dix' Radiertechniken erschaffen undurchsichtige Abbildungen, dunkle Schattenkompositionen und scharfe Kontraste, die auf den ersten Blick oft nicht vollständig zu lesen sind. Irritierend ist dabei vor allem die Ruhe, die in den einzelnen Radierungen liegt, denn sie sind häufig ohne große Bewegung: in aufgeworfenen Landschaften ragen Leichenteile neben Schutt, Stahlträgern und Holzbalken in den düsteren Himmel. Wie wartend sitzende Körper verwesen beieinander, aufgequollene Gastote liegen wie schlafend in einer Reihe, davor zwei unaufgeregte Sanitäter. In seinen Bildern finden sich die Normalität des Abnormen, die Alltäglichkeit des Schreckens und damit das Unmenschlichwerden des Menschen, die Gewöhnung an den Krieg.

Handwerklich ist der Katalog eine gute Arbeit, die Druckqualität stimmt und die Bindung ist solide. Der von Jentsch verfasste Zusatzartikel zu Dix' verschollenem Gemälde »Der Schützengraben« ist informativ, die Einleitung für die näheren Erläuterungen zur eigentlichen Mappe – ein kurzer Exkurs zu Goyas »Los Desastres de la Guerra« – wirkt anfangs etwas gewollt, beweist sich im Nachhinein allerdings als eine gute Wahl. Die am Ende des Katalogs befindliche Zeittafel zu Dix' Stationen im Ersten Weltkrieg, illustriert mit kleinformatigen Abzügen der von ihm gezeichneten Feldpostkarten, ist ein stimmiger Abschluss. Einzig, dass die darauf folgende Zeittafel zum Verlauf des Krieges reichlich und ohne erkennbare Struktur mit schmalen Kriegsfotografien bebildert wurde, ist absolut verzichtbar. Gerade in einem solchen Katalog erscheint es unnötig, zusätzliches Bildmaterial zum Zwecke banaler Illustration zu verwenden.

Zusammenfassen lässt sich, dass der Katalog »Der Krieg« den Kauf lohnen kann, sofern man sich mit dem Jentsch'en Sprachduktus anfreundet oder ihn ignoriert. Davon abgesehen, handelt es sich hier um ein handwerklich schönes, in sich stimmiges und atmosphärisches, auch über die eigentliche Radierungsmappe hinaus informatives Buch, das unter o.g. Einschränkung und im Hinblick auf die derzeitige Gedenkkultur durchaus zu empfehlen ist.

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