Ausstellungsbesprechungen

Raum und Form - Robert Jacobsen zum 100. Geburtstag, Museum Würth, Künzelsau, bis 3. Oktober 2012

Der dänische Künstler Robert Jacobsen ist einer der wichtigsten Vertreter der abstrakten Kunst nach 1945. Anlässlich seines 100. Geburtstages vereint das Museum Würth mehr als 200 Skulpturen zu einer Ausstellung. Günter Baumann hat sie sich angeschaut.

»Skulptur zu erschaffen bedeutet für mich, Raum zu schaffen«, so schrieb der Bildhauer Robert Jacobsen, »Raum, den man nicht mit einem Gerät messen kann, sondern nur mit den Maßstäben eigener Wertvorstellung«. Gemessen an den Standorten in New York, Paris oder Amsterdam klingt Künzelsau als Anlaufstelle für das Werk des 1912 in Kopenhagen geborenen und 1993 in Tagelund gestorbenen Künstlers nahezu abwegig. Verknüpft man jedoch den Ort im schwäbischen Hohenlohekreis mit dem Unternehmer und Kunstsammler Reinhold Würth, klingt es denjenigen, die gern mal über den Tellerrand der eigenen städtischen Museen hinausschauen, in den Ohren: Dort, im geschäftigen Arbeitsumfeld der Firmenzentrale des Schraubenherstellers, dürfte sich die größte Sammlung von Plastiken Robert Jacobsens befinden – inklusive etlicher Großplastiken und einer weniger bekannten Sammlung von Arbeiten auf Papier.

Begründet ist diese Tatsache mit der außergewöhnlichen Freundschaft des Sammlers mit dem Künstler, die seit Jahren bekannt ist und sich nicht zuletzt in dem 1993 geschaffenen Robert-Jacobsen-Preis zur Förderung junger Bildhauer niederschlug. Obwohl das Werk zumindest in Auswahl schon vielfach gezeigt wurde, ist es also keine Überraschung, das gesamte Werk im Würth-Besitz zusammen mit Leihgaben anlässlich des 100. Geburtstages von Jacobsen zu sehen. Zu Recht gilt er als bedeutender Vertreter der abstrakten Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, doch kann man auch gut nachvollziehen, dass Jacobsen immer auch im Schatten von Julio Gonzales, Pablo Picasso und manchen Surrealisten wie Max Ernst oder Hans Arp stand. Der Freund des CoBrA-Künstlers Asger Jorn genoss allerdings eine Freiheit als Autodidakt, die schon aufgrund des unermüdlichen Schaffens ein grandioses Werk hervorbrachte – bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts hat die Bildhauerei immer wieder wichtige Impulse von ›Fremdgängern‹ erhalten.

Am Beginn des künstlerischen Werdegangs platziert Jacobsen mittelgroße Holzskulpturen in Handschmeichlerqualität, die bevorzugt Fabeltiere darstellten. Diese Thematik übertrug er auch auf Stein: Jacobsen eignete sich mit gutem Gespür die Techniken im Umgang mit Marmor, Granit oder Kalkstein an, wodurch er sich einen Namen verschaffte. Bald jedoch schwenkte der Bildhauer zum Eisen um, um dessen Variationsbreite auch gleich vollkommen anzugehen. Im figurativen Bereich entstand ein kultverdächtiges und aberwitziges Personal, das sich bis an den Rand der Karikatur bewegte – man denke an die Plastik »Puppe mit Hund« von 1948/52. Am wirkungsvollsten dürfte allerdings sein entschiedener Weg als abstrakter Plastiker gewesen sein, nicht zuletzt weil sich hier am besten Monumentalplastiken für den öffentlichen Raum umsetzen ließen, gerade in den 1950er Jahren, die der Abstraktion besonders huldigte. Als hätte er es von der Pike auf gelernt, brillierte Jacobsen früh mit seiner mustergültigen Auseinandersetzung zwischen Stabilität und Labilität, zwischen Ungestüm und Ausgewogenheit, zwischen offenen und geschlossenen Formen. Robert Jacobsen war zeitlebens, wie er auch selbst bekannte, ein harmoniebedürftiger Mensch, was man seinen Arbeiten ansieht, wenn sie nicht ins komische Metier wechseln, wo sich der Bildhauer herzhaft über »Ewige Krieger« oder »Wikinger« lustig machen konnte.

Eigenständigkeit bewies Jacobsen in seiner Beschäftigung mit volkstümlicher Kunst – sowohl mit der afrikanischen Idole wie den nordischen Sagen. Der Besucher kann sich ein vollständiges Bild von der Vielfalt des Schaffens machen, sind doch in Künzelsau rund 200 Arbeiten versammelt, die sogar Entdeckungen im erfrischenden, zuweilen frechen malerischen Schaffen des dänischen Künstlers zulassen. Begleitend sind Arbeiten von Auguste Herbin, Serge Poiakoff und anderen mehr zu sehen. Die Ausstellung entstand als Kooperationsprojekt der Sammlung Würth und dem Kunsten Museum for Modern Art im dänischen Aalborg, wo die Arbeiten von Oktober bis Februar zu sehen sein werden.

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